Winterthur

Noch liegt bei der Radikalisierung der Fokus auf dem Islam

Die Stadt Winterthur will ihre neue Fachstelle für Extremismus und Gewaltprävention weiterführen. Der Bedarf an Beratung bei «verschiedenen Phänomenen» sei gross.

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Es begann vor etwas mehr als drei Jahren mit Medienberichten über Winterthurer IS-Anhänger, über radikalisierte Jugendliche, die nach Syrien ins Kriegsgebiet reisten. «Hektisch», sei die Lage damals gewesen, resümmierte nun am Dienstagmorgen Sozialstadtrat Nicolas Galladé (SP), und «alarmistisch».

Nun aber habe sich die Lage stabilisiert: «Wir führen jetzt eine unaufgeregte, wirksame Präventionsarbeit aus.»

Aufgrund der medial vielbeachteten Radikalisierung von Jugendlichen rief der Stadtrat im Oktober 2016 die befristet angelegte Fachstelle Extremismus und Gewaltprävention ins Leben. Wie Galladé und Urs Allemann, der Leiter der Fachstelle, am Dienstag im Rahmen einer Medienkonferenz bekanntgaben, wird die Stelle weitergeführt. Sie sei ein Erfolg.

Fünf kritische Fälle

Die Fachstelle hat zwei Schwerpunktaufgaben: Beratungen durchführen und das präventive Netzwerk in Winterthur ausbauen. 76 Anfragen gelangten zwischen Herbst 2016 und Frühling 2018 an die Fachstelle.

«Wir führen eine unaufgeregte, wirksame Präventionsarbeit aus.»

In den meisten Fällen ging keine unmittelbare Bedrohung von Personen aus, Urs Allemann sprach dann mit den Beteiligten, führte Abklärungen durch oder schaltete weitere Stellen ein. Bei fünf gemeldeten Personen ortete Allemann Anzeichen für Selbst- oder Fremdgefährdung, worauf die Stadtpolizei die Fälle übernahm.

Daneben steht Allemann mit seiner Fachstelle im Zentrum eines mittlerweile recht dichten Winterthurer Präventionsnetzwerks. Die Ansprechpartner sind staatlich oder privat, und reichen von der mobilen Sozialarbeit über den Gewaltschutz der Polizei bis zur KESB oder dem Ausländerinnen-Beirat.

Kritik von der GLP

Gegen 80 Prozent der Beratungen drehten sich in der Testphase um den radikalen Islam. Dass das so bleibt, wird bei der Stadt aber bezweifelt. Man sehe «verschiedene Phänomene» in der Region, die Radikalisierungstendenzen aufweisen, sagte Galladé. Die Fachstelle sei darauf eingestellt, egal ob der Extremismus islamisch oder christlich bedingt sei, von links oder rechts komme oder aus dem Ausland importiert werde.

Die Fachstelle, die mit einer 80-Prozent-Stelle weitergeführt wird, habe zu einer Entspannung in der Bevölkerung geführt, war man sich gestern einig. Zudem habe der Bund das Projekt als beispielhaft gelobt.

Misstöne kamen heute einzig von den Grünliberalen. Sie kritisieren, dass der Stadtrat die Fachstelle «schleichend, ohne Diskussion im Parlament» schaffen wolle. Die Partei regt zudem eine Prüfung an, ob eine Mitfinanzierung durch den Bund möglich sei.

(Der Landbote)

Erstellt: 10.07.2018, 16:57 Uhr

Radikalisierungssorgen

Fallbeispiele aus dem Alltag der Fachstelle

Suspekter Flyer: Ein besorgter Bürger meldet sich bei einem Stadtrat, weil er einen suspekten Flyer von islamischen Kreationisten im Briefkasten gefunden hat. Der Stadtrat übergibt den Flyer der Fachstelle für eine Beurteilung. Diese sieht nach Absprache mit einem Sektenexperten und dem Brückenbauer der Stadtpolizei keine Hinweise auf ein Gefahrenpotenzial, das von den islamischen Kreationisten ausgehen könnte. Der Stadtrat sowie der anfragende Bürger wurden über das Resultat der Abklärungen informiert.

Plötzliche Verschleierung: Ein Berufsschullehrer macht sich Sorgen um eine Schülerin, die begonnen hat, den Islam zu praktizieren. Sie befolgt die religiösen Gebote, verschleiert sich und äussert sich wiederholt zum Thema Religion, teilweise ziemlich konfrontativ. So prophezeit die Schülerin einer muslimischen Kollegin, sie würde in die Hölle kommen, falls sie die islamischen Gebote nicht einhalte. Der Berufsschullehrer ist unsicher, wie er sich verhalten soll. Im Gespräch mit der Schülerin konnten keine Radikalisierungstendenzen oder die Zugehörigkeit zu einer radikalisierten Gruppe festgestellt werden. Der Lehrer machte der Schülerin zudem klar, dass solche Äusserungen gegenüber ihren Klassenkameraden und -kameradinnen nicht geduldet werden.

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