Winterthur

O-Bike hat Lehrgeld bezahlt

Im Herbst waren die O-Bikes plötzlich überall. Fünf Monate, 60 Bussen und einige Vandalenakte später, scheint sich Winterthur an die Leihvelos zu gewöhnen.

Bike-Standort: Mattenbach. Im Herbst wurden viele O-Bikes Opfer von gezieltem Vandalismus. Heute seien diese Fälle viel seltener.

Bike-Standort: Mattenbach. Im Herbst wurden viele O-Bikes Opfer von gezieltem Vandalismus. Heute seien diese Fälle viel seltener. Bild: Johanna Bossart

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Anfang September war die Aufregung gross: Nachdem O-Bike die Stadt Zürich mit über tausend gelben Leih-Velos regelrecht überflutet hatte, drängte das Start-up aus Singapur nach Winterthur. In einem Depot nahe der Autobahn in Töss stapelten sich Hunderte, wenn nicht Tausend der billig hergestellten Eingänger.

Fünf Monate später ist das Velodepot in Töss unverändert gross. Und vom Casinotheater bis zum Bahnhof stehen an der Stadthausstrasse bei einem Augenschein genau zwei O-Bikes - man muss sie fast suchen. Auch an der Rudolfstrasse, der wohl beliebtesten Veloständer-Meile, sind keine O-Bikes zu sehen.

«Das befürchtete Velochaos ist ausgeblieben.»Kurt Egli, 
Pro Velo Winterthur

Kurt Egli von Pro Velo Winterthur bestätigt: «Das befürchtete Velochaos ist ausgeblieben.» Egli findet, das sei das Verdienst des Stadtrats. «Er hat eine kluge Regelung gefunden.»

Bauvorsteher Josef Lisibach wollte, als sich der Start von O-Bike ankündigte, weder die Innovation abwürgen noch ein Gerangel um knappe Abstellplätze riskieren. Also beschloss der Stadtrat eine Obergrenze: Maximal 150 O-Bikes sind bewilligungsfrei, jedes weitere kostet eine Jahresgebühr von 90 Franken.

Keine Konkurrenz in Sicht

Wie die Stadtpolizei und O-Bike bestätigen, blieb die Zahl bei 150. Ein Antrag für mehr Velos wurde bisher nicht eingereicht. Und während in Zürich seit letzter Woche an jeder Ecke die grellgrünen «Lime-Bikes» eines amerikanischen Konkurrenten stehen, hat in Winterthur bisher keine andere Verleihfirma eine Bewilligung beantragt.

Der Pionier O-Bike musste allerdings ordentlich Lehrgeld bezahlen. Über 60 Velos hat die Stadtpolizei eingesammelt, weil sie zu lange in der 48-Stunden-Parkzone standen. O-Bike hat alle Rechnungen bezahlt und die Velos wieder ausgelöst.

«Wir sehen noch sehr viel Luft nach oben.» Daniel Junge,
O-Bike Schweiz

Wie der Schweiz-Chef Daniel Junge sagt, achte man seither darauf, die Velos nicht mehr direkt am Bahnhof abzustellen, sondern etwas ausserhalb, wo keine Zeitbeschränkungen existieren.

Dass die Velos solange nicht bewegt wurden, sagt aber auch etwas anderes aus: Noch werden sie selten benutzt. Nutzungszahlen will O-Bike nicht verraten. Nur so viel: «Wir sehen noch sehr viel Luft nach oben.» Aber mit dem Trend sei man zufrieden.

Den Hauptgrund für den schleppenden Start sieht Velo-Lobbyist Kurt Egli in der Qualität der Räder: «Für eine hügelige Stadt wie Winterthur sind diese Billig-Velos absolut ungeeignet. Sie sind schwer, haben keine Gangschaltung, gehen schnell kaputt und sind für europäische Körpergrössen viel zu klein.» Für Egli sind die O-Bikes im Moment daher «absolut kein Gewinn». Ein Feindbild scheinen sie in der Stadt jedoch auch nicht mehr zu sein.

Viel weniger Vandalismus

Das war zu Beginn anders. Im September meldete O-Bike noch, dass in Zürich und Winterthur aussergewöhnlich viel Vandalismus an ihren Velos betrieben werde. Die Intentifizierungsnummern wurden übersprüht, Sättel abgebrochen, Kabel durchgeschnitten und ganze Velos in Bäche oder Böschungen geworfen. Auch in Töss stapeln sich Dutzende zerstörte Velos.

Doch inzwischen gibt das Unternehmen Entwarnung: «Wie erwartet, ist die Anzahl an Vandalismusfällen extrem gesunken. Natürlich gibt es hie und da noch einzelne Fälle, jedoch absolut nicht mehr in der Anzahl wie im vergangenen Spätsommer.»

(Der Landbote)

Erstellt: 11.01.2018, 18:38 Uhr

Daniel Junge ist Geschäftsführer von O-Bike Schweiz.

Nachgefragt

«Die Schweizer sind halt sehr anspruchsvoll»

Herr Junge, als die O-Bikes in Winterthur und Zürich auftauchten, wurden Dutzende gezielt beschädigt. Woher kam dieser Hass?
Daniel Junge: Sicher ist, dass die Markteinführung nicht optimal verlief und sich manche Städte überrumpelt fühlten. Hier gibt es vielleicht einen Mentalitätsunterschied: In Asien, wo O-Bike herkommt, probiert man neue Dinge oft einfach aus und schaut was passiert. Wir haben in denletzten Monaten aber viel dazugelernt. O-Bike hat jetzt überall Länderverantwortliche, welche die lokalen Bedürfnisse kennen.

In der Schweiz wird vor allem die Qualität der Velos bemängelt – billig verarbeitet, zu klein und ohne Gangschaltung.
Die Velos wurden für den asiatischen Markt konzipiert. Die Bedürfnisse unterscheiden sich immens. Gerade in der Schweiz sind die Ansprüche sehr hoch. Das sehen Sie am Durchschnittspreis der Velos, die hier privat gekauft werden. In Südeuropa gab es viel weniger Klagen.

Sie haben bereits grössere und besser verarbeitete Velos angekündigt. Wann fahren diese in Winterthur herum?
Diese müssen erst hergestellt werden. Wir streben den Frühsommer dieses Jahres an. Selbstverständlich werden sie dann auch in Winterthur angeboten.

Was passiert mit dem riesigen Velolager in Töss?
Wir verfolgen nach wie vor das Ziel, diese Velos in anderen Schweizer Städten zu platzieren. Wir sind zuversichtlich, dass das gelingen wird, auch wenn es nach dem holprigen Start mancherorts eine gewisse Skepsis gab.

Wie oft muss eigentlich ein O-Bike bewegt werden, dass es sich rentiert?
Geschäftszahlen werden wir natürlich nicht verraten, aber zwei bis drei Fahrten pro Tag sollten es im Schnitt sein.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben