Winterthur

O-Bike zieht sich aus Europa zurück

Die Singapurer Firma O-Bike ist daran, ihre Fahrräder loszuwerden, und das nicht nur in Winterthur. Der Leihvelo-Vermieter gibt den gesamten europäischen Markt auf. Den Verkauf der 50 000 Velos hat ein Schweizer übernommen.

Die letzten O-Bikes verlassen Winterthur und die Schweiz bald.

Die letzten O-Bikes verlassen Winterthur und die Schweiz bald. Bild: Mirko Plüss

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Firat Kutal klingt gestresst. «Ich telefoniere im Moment ohne Unterbruch mit ganz Europa», sagt er. Und im Hintergrund schreit seine kleine Tochter. Der 36-Jährige hat viel zu tun. Seit Anfang Juni versucht er 50 000 Fahrräder in ganz Europa an die Frau oder den Mann zu bringen. Er sagt, er sei selber erstaunt darüber, wie es dazu kam.

Am Anfang herrschte Chaos, als die Singapurer Firma O-Bike Europa mit ihren grau-gelben Velos überflutete. Um der Lage Herr zu werden, arbeitete die Firma aus Singapur bald mit je einem Logistikpartner vor Ort zusammen. In der Schweiz ist beziehungsweise war dies Firat Kutal, der Geschäftsführer und Gründer eines Zürcher Zügelunternehmens. Er verteilte mit seiner Firma die O-Bikes, sammelte aber auch falsch abgestellte oder kaputte Fahrräder ein.

«Das Interesse ist da»

Am Anfang, sagt Kutal, habe er für seine acht Mitarbeiter, zwei Lieferwagen und die zehn verschiedenen Lager von O-Bike regelmässig Geld erhalten. «Seit November haben sie aber aufgehört zu bezahlen.» Schnell hätten sich Schulden aufgetürmt, heute seien es um die 120 000 Franken.

Ich hatte keine andere Wahl.Firat Kutal

Dann kam das Angebot von O-Bike: Kutal werde autorisiert die 50 000 O-Bikes aus ganz Europa zu verkaufen, je ein Teil des Erlöses solle an ihn und an O-Bike gehen. Nach langem Nachdenken sei er auf das Angebot eingegangen. «Ich hatte keine andere Wahl». Zu viele Betreibungen hatten sich angehäuft.

Er habe auch gemerkt, dass es durchaus Leute gebe, die Interesse an den Billigvelos hätten, sagt Kutal. Zum Teil seien das Schrotthändler, wie etwa die Firma, die die 7000 Fahrräder aus dem Lager in Winterthur Hegi gekauft hat. Zum Teil seien es auch Firme, welche die Fahrräder überstreichen, die Logos abschmirgeln und die Räder verkauften. Zumeist sei Osteuropa das Ziel der Unternehmungen, manchmal auch Südostasien. Auch die 2000 Velos im zweiten Lager in Winterthur Töss dürften eine solche Zweitverwendung finden.

Die letzte Hoffnung

Einzelverkäufe gebe es nicht, betont Kutal. Die Mindestanzahl liege im Moment bei etwa 500 Stück. Zurzeit liege der Preis pro Velo bei einem tieferen zweistelligen Betrag. «Ich muss die Fahrräder so schnell wie möglich los werden.», sagt Kutal. Denn mit der Übergabe der Velos habe er auch sämtliche anfallenden Kosten übernommen.

Mein einziges Ziel ist es, heil aus der Sache herauszukommen.Firat Kutal

Und alle wollen Geld: Die Besitzer der Lager, die Behörden und die Mitarbeiter, die im Moment in ganz Europa nach den zerstreuten O-Bikes suchen. Seine Ausgaben kann Kutal zwar vom geteilten Erlös abziehen. Trotzdem glaubt er nicht, dass er noch etwas verdienen wird. «Mein einziges Ziel ist es, heil aus der Sache herauszukommen.» Er hoffe, zum Schluss wenigstens alle seine Schulden bezahlt zu haben. «Das ist meine letzte Chance.»

Ja, die Velos in der Schweiz sind verkauft worden«Ric» Ye Yang, O-Bike-Verantwortlicher in der Schweiz

Die Firma O-Bike hat gestern nicht zum europaweiten Verkauf ihrer Fahrräder Stellung genommen. «Ric» Ye Yang, der interimistisch für den ehemaligen Schweiz-Verantwortlichen Daniel Junge übernommen hat, beantwortet zwar sein Mobiltelefon mit der chinesischen Nummer. «Ja, Kutal ist autorisiert, die Velos zu recyclen». Und nach mehrmaligem Nachfragen: «Ja, die Velos in der Schweiz sind verkauft worden.» Ob dies für alle Fahrräder in Europa gilt? «Dazu kann ich nichts sagen, aber ich werde nachfragen und mich wieder melden», sagt «Ric». Gemeldet hat sich danach bei der Redaktion niemand mehr.

Erstellt: 25.06.2018, 19:19 Uhr

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Trotz O-Bike-Pleite: Stadt will neue Leihvelos

Die letzten, in Töss gelagerten O-Bikes sind nun verkauft. Während sich die Firma aus Europa zurückzieht, zeigt sich die Stadt offen für neue Anbieter.

Die letzten 2000 in Winterthur gelagerten O-Bikes wurden an eine Firma in Prag verkauft. Dies bestätigte der Besitzer des Lagerplatzes nahe der Autobahn in Töss. Um endlich wieder Platz zu schaffen, hatte er die Velos selber erworben und diese nun weiter verkauft. «Eigentlich hätten sie schon im April weg sein sollen», sagt der Winterthurer.

In ein bis zwei Wochen sollen die Velos nun von ihrem neuen Besitzer aus Tschechien abgeholt werden. Der hat angekündigt die Logos zu entfernen und die Velos im Ausland weiterzuverkaufen. Bald also wird Winterthur – und ganz Europa – wieder O-Bike-frei sein. Und damit auch eine der wenigen Städte ohne Leihvelo-Angebote. Wie lang, wird sich zeigen.

«Wir hatten bereits Kontakt mit verschiedenen Anbietern», sagt Sven Sobernheim, Sachbearbeiter der städtischen Verkehrsplanung. Eine Bewilligung braucht ein neuer Anbieter in Winterthur aber sowieso erst ab 150 Fahrrädern. Die Regeln, die für O-Bike aufgestellt wurden, bleiben bestehen.

Die Stadt habe grundsätzlich ein Interesse an Leihvelo-Systemen, ein neuer Versuch mit Publibike sei trotzdem nicht vorgesehen. Denn: «Wir glauben stationsgebundene Systeme sind nicht mehr zeitgemäss», sagt Sobernheim. Aktiv fördern werde man diese daher nicht mehr.

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