Winterthur

On your marks, get set – Rio!

Der Winterthurer Mario Gehrer kommentiert für das Schweizer Fernsehen die Leichtathletik-Wettkämpfe in Rio de Janeiro. Im Interview verrät er, wie man bei 25 Disziplinen den Überblick behält und Patzern vorbeugt.

Beim Deutweg zu Hause, in Rio bei den Olympischen Spielen als Kommentator im Einsatz: SRF-Journalist Mario Gehrer.

Beim Deutweg zu Hause, in Rio bei den Olympischen Spielen als Kommentator im Einsatz: SRF-Journalist Mario Gehrer. Bild: Johanna Bossart

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Locker und entspannt wirkt er, als er uns auf der Rundbahn im Deutweg entgegenläuft, gibt aber zu: «Manchmal kribbelt es bereits bis in die Fingerspitzen, wenn ich daran denke.» Der Winterthurer Mario Gehrer (36) wird an den Olympischen Spielen in Rio fürs Schweizer Radio und Fernsehen die Königsdisziplin Leichtathletik kommentieren. Gestern ging der Flieger nach Brasilien, am Freitag ist bereits die Eröffnungsfeier des mit der Fussball-WM grössten Sportereignisses der Welt. Dass Gehrer mit seiner Frau und den beiden Töchtern einen Diskuswurf entfernt vom Deutweg wohnt, ist Zufall. Gehrer selbst war nie ein guter Leichtathlet und hält sich heute vor allem mit dem Mountainbike fit. In Winterthur erstmals ansässig wurde der gebürtige Thurgauer aus Horn am Bodensee 2008 während des Journalismusstudiums an der ZHAW, das er nach der KV-Lehre machte.

Herr Gehrer, haben Sie schon als Junge die 100-Meter-Sprintsvon Carl Lewis mitkommentiert?
Das nicht, aber Sport hat mich schon immer interessiert. Mein Vater war als wahrer Sportfanatiker für mich dabei Förderer und Vorbild zugleich. Anfangs war ich aber vor allem Fussballfan.

Sie selber waren nie ein Hochsprung-Ass, Zehnkämpfer oder wenigstens beim TV Horn?
Nein, und auch die 100 Meter bin ich nie besonders schnell gelaufen. Aber wichtig als Kommentator ist das Interesse an der Sportart. Erstmals richtig elektrisiert haben mich die Erfolgsläufe des Schweizer Mittelstreckenläufers André Bucher (Anm.: Weltmeister 2001 über 800 Meter, zweimal EM-Zweiter). Bei meinen Radiopraktika habe ich als Redaktor später über alle Sportarten berichtet. Zum Schwerpunkt wurde Leichtathletik erst während meiner Ausbildung bei SRF. Inzwischen habe ich mit der WM 2015, der EM 2016, der Athletissima in Lausanne und der «Weltklasse Zürich» schon ein paar grosse Wettkämpfe kommentieren dürfen.

Was macht den Reiz aus, Leichtathletik zu kommentieren?
Immer wieder faszinierend zu sehen ist das Zusammenspiel zwischen Athletik und Technik, inallen Disziplinen. Ein Beispiel: Wenn ein Läufer beim 400-Meter-Hürdenlauf seine exakt getimte Schrittzahl nicht hält, wirft ihn das beim Sprung womöglich aus dem Gleichgewicht, er strauchelt oder stürzt sogar. Auch emotional ist Leichtathletik extrem. Millimeter entscheiden über top oder flop – und enden manchmal in persönlichen Tragödien.

Sie übertreiben.
Nein, im Ernst. Gerade erst in den USA. Dort wird die Olympiaqualifikation jeweils in einem einzigen Lauf entschieden, «the winner takes it all». Mit Johnny Dutch verlor ein US-Hürdenläufer, der die Saison dominiert hat, auf einen Schlag seine gesamten Sponsoren- und Werbeverträge, nur weil er im entscheidenden Moment versagte. «Johnny Dutchs Lauf endet in Verzweiflung», titelten die Medien, bitter.

Das ist die mediale Inszenierung. Was ist mit dem Glaubwürdigkeitsproblem wegen Dopings? Die russischen Leichtathleten bleiben zu Hause. Kommentieren Sie einen Scheinwettbewerb?
Das Thema Doping geht an uns allen nicht spurlos vorbei. Wir haben bereits an der EM in Amsterdam über Wettkämpfe ohne russische Athleten berichtet. Bei den Liveeinsätzen zählt aber der Moment. Wir konzentrieren uns voll und ganz auf die Athletinnen und Athleten. Der Sport lebt nach wie vor von Emotionen und das wird auch so bleiben.

Ihre Lieblingsdisziplin?
Wahrscheinlich der erwähnte 400-Hürden-Lauf.

Sie arbeiten ja im Zweierteam. Gibt es ein Gerangel darum,wer den 100-Meter-Sprint derMänner kommentiert?
Überhaupt nicht. Normalerweise orientieren wir uns an der bewährten Arbeitsteilung früherer Wettkämpfe. Für Streitereien ist keine Zeit. Wir arbeiten extrem eng zusammen. Einer kommentiert, manchmal über den Feldstecher direkt vom Feld aus, während der andere sich auf den Resultate- und Übertragungsbildschirm konzentriert. Als drittes und viertes Auge tippt er mich an oder steckt mir ein Zettelchen rüber, zum Beispiel, wenn die Regie eine Wiederholung zeigt und ich live etwas komplett anderes kommentiere. Das ist die grosse Herausforderung bei Leichtathletik-Events, selber die Übersicht zu behalten und die Zuschauer durch den Wettbewerb zu lotsen.

Bei 25 Disziplinen, 46 Wettkämpfen und noch viel mehr Sportlern ...
...die oft parallel oder kurz nacheinander im Einsatz sind, aussen die Läufer und innen die technischen Disziplinen wie Kugelstossen oder Speerwurf.

Kann man sich da überhaupt seriös vorbereiten?
Ein bis zwei Tage vor den Rennen bekommen wir die Liste der antretenden Athleten. Diese gilt es akribisch zu studieren. Parallel informiert man sich laufend über Fachportale. Viele Athleten hatten wir schon während der Saison im Blick. Hintergründe und Sidelines sind wichtig, aber man sollte sie gezielt einstreuen. Wir konzentrieren uns beim Kommentieren darauf, was live passiert.

Was sind die grössten Fauxpas, die passieren können?
Weniger die komplizierten Namen, die ich mir in Lautschrift notiere. Unangenehm wird es, wenn man vorschnell den falschen Sieger ausruft, bei einem Fotofinish oder wenn die Perspektive trügt. Da zögert man lieber etwas länger und orientiert sich am Resultatecomputer.

Patzer hin oder her, nach getaner Arbeit wird mit den Kollegen ordentlich gefeiert, oder? Samba!
Na ja, eher weniger. Die Steffi Buchli sehe ich wohl nur am Fernsehen. Mit Vor- und Nachbereitung schieben wir 12-Stunden-Tage. Aber sofort einschlafen kann ich danach auch nicht. Dafür ist der Adrenalinspiegel noch zu hoch. Meistens gehen wir noch etwas essen und versuchen dabei, etwas herunterzufahren.

Worauf freuen Sie sich in Rio am meisten?
Darauf, dass die Schweizer Leichtathleten diesmal gut dabei sind und ich vielleicht Erfolge kommentieren kann. Lea Sprunger, Kariem Hussein oder Mujinga Kambundji sind Finalkandidaten. Und dort ist alles möglich. (landbote.ch)

Erstellt: 02.08.2016, 08:19 Uhr

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