Sexuelle Gewalt

«Opfer haben Angst, dass ihnen niemand glaubt»

Doris Binda vom Frauennottelefon Winterthur hat täglich mit Opfern sexueller Gewalt zu tun. Vor allem der Gesetzesartikel, der die Vergewaltigung definiert, sei problematisch, sagt sie.

«Es wird heute schon sehr viel unternommen», sagt Doris Binda vom Frauennottelefon.

«Es wird heute schon sehr viel unternommen», sagt Doris Binda vom Frauennottelefon.

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Oft vertrauen sich Vergewaltigungsopfer lange Zeit niemandem an. Woran liegt das?
Doris Binda: Eine Vergewaltigung ist mit Scham behaftet und ein sehr intimes Thema. Dazu halten sich hartnäckig Vergewaltigungsmythen in der Gesellschaft, die nichts mit der Realität zu tun haben. Viele Opfer haben Angst, dass ihnen niemand glaubt, etwa weil ihnen nicht mit einem Messer gedroht wurde, weil der Täter kein Fremder war, der sie in die Büsche zerrte, oder weil sie sich nicht mit aller Kraft gewehrt haben. Das Resultat ist, dass die Gesellschaft dies nicht als Vergewaltigung einstuft und den Opfern womöglich die Schuld zuweist.

Was sind die Schwierigkeiten, wenn sich jemand traut, der Polizei davon zu erzählen?
Wenn Frauen sich trotz Angst, Selbstzweifeln und Scham bei der Polizei melden, kann es passieren, dass sie das Gefühl bekommen, ihnen werde nicht geglaubt. Wenn die befragende Person nur ein wenig kritisch nachhakt, ziehen Opfer vielleicht ihre Aussage zurück. Diese wird dann eher den zweifelhaften Anzeigen zugeordnet, was wiederum die Argumente befeuert, es sei doch gar keine Vergewaltigung gewesen respektive eine Falschaussage des Opfers.

Vergewaltigung ist in der Schweiz ein Offizialdelikt. Sehen Sie darin Vorteile?
Das ist ein klares Signal des Gesetzgebers, dass eine Vergewaltigung kein Kavaliersdelikt ist. Weiss ein Opfer nicht, dass es durch die Aussage gegenüber der Polizei automatisch ein Strafverfahren auslöst, ist es aber erneut einer ohnmächtigen Situation ausgeliefert, weil es über die Anklage nicht selbst entscheiden kann. Deshalb empfehlen wir, sich zuerst beraten zu lassen.

Eine solche Beratung bietet auch das Frauennottelefon an, worum geht es in den Gesprächen?
Im Zentrum steht, was sich das Opfer von einer Anzeige erhofft, ob das realistisch ist, und ob es imstande ist, das Strafverfahren durchzustehen.

Das heisst, Sie raten bisweilen auch von einer Anzeige ab?
Manchmal sind die Erwartungshaltungen unrealistisch, zum Beispiel, dass der Mann oder die Frau für 20 Jahre weggesperrt wird. Laut Gesetz wird ein Täter mit einem Jahr bis zehn Jahre bestraft. Das ist für viele Frauen enttäuschend. Dann dauert ein Verfahren sehr lange, und man muss als Opfer sehr genau aussagen.

Und weil oft Aussage gegen Aussage steht, wird das Verfahren häufig eingestellt oder der Täter freigesprochen.
Ja, oft fehlen Beweise, und wenn es keine Zeugen gibt, dann ist die Chance klein, dass es zur Verurteilung kommt.

Eine Anzeige kann Opfern psychisch weiterhelfen, kann sie aber auch retraumatisieren. Worauf kommt es dabei an?
Einstellung, Haltung, Ton der befragenden Person sind entscheidend. Da ist Feingefühl gefragt. Bei der Polizei gibt es spezialisierte Abteilungen. Die Istanbulkonvention, die die Schweiz 2018 unterzeichnet hat, verlangt vom Staat, dass Fachpersonen im Umgang mit gewaltbetroffenen Frauen sensibilisiert und geschult werden. Das begrüssen wir sehr.

Gemäss Gesetz reicht es nicht aus, wenn das Opfer «Nein»gesagt hat, um einen Übergriff als Vergewaltigung zu qualifizieren. Das ist doch absurd.
Ja, das ist schwierig. Aktuell ist eine Revision des Sexualstrafrechts im Gange, allerdings reicht auch im überarbeiteten Gesetz ein «Nein» nicht aus. Die Verantwortung liegt beim Täter. Jeder muss akzeptieren, dass man sagt: Bis hierhin und nicht weiter. Genauso wie das Gesetz muss sich auch der Umgang mit Vergewaltigung in der Gesellschaft ändern. Eine Änderung der Definition im Gesetz wäre schon einmal ein massives Zeichen.

Ist es in Ihrer Tätigkeit schon vorgekommen, dass Sie selbst dachten, eine Frau beschuldigt einen Mann fälschlicherweise?
Es ist auch schon vorgekommen, dass ich dachte, da stimmt etwas nicht. Dabei kann es sich um eine Falschanschuldigung handeln. Aber in meinen 14 Jahren in diesem Beruf ist das gerade einmal bewiesen worden. Häufiger ist, dass die Schilderungen sehr sprunghaft sind, weil die Frauen traumatisiert und durcheinander sind. Oder es stellte sich heraus, dass nicht der Beschuldigte der Täter war, sondern eine Person, die dem Opfer viel näher stand und ihm deshalb viel gefährlicher werden könnte. Aber herauszufinden, ob das stimmt, was uns die Frauen erzählen, ist nicht unsere Aufgabe, sondern die der Polizei oder Staatsanwaltschaft.

Was lässt sich unternehmen, damit sich die betroffenen Frauen vermehrt trauen, über ihre Vergewaltigung zu sprechen?
Es wird heute schon sehr viel unternommen. Die Frauenbewegung tut seit Jahrzehnten viel dafür und die Gesellschaft wandelt sich. Es gibt Präventions- und Sensibilisierungskampagnen, die #Metoo-Bewegung, den Frauenstreiktag. Dann ist da auch das Männerbüro, das die gängigen Rollenbilder hinterfragt. Der Wandel gelingt nur, wenn Männer auch sagen, das ist nicht ok, was du mit dieser Frau machst.

(Der Landbote)

Erstellt: 25.01.2019, 16:27 Uhr

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