Winterthur

Prothesen für Kinderhände –einfach aus dem 3D-Drucker

Gängige Handprothesen sind schwer und teuer. ZHAW-Studenten haben neuartige Prothesen entwickelt, die sich einfach und günstig ausdrucken lassen. Profitieren sollen Kinder in Entwicklungsländern – und hiesige, die Sport treiben.

Hier sollen Kinderhände entstehen.

Hier sollen Kinderhände entstehen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wer in der Schweiz eine künstliche Hand verpasst bekommt, erhält ein High-Tech-Produkt: Es wird über Muskelaktivität angesteuert, kann alle möglichen Greiffunktionen ausüben und gleicht auch äusserlich einer echten Hand.

Doch diese Technikwunder haben auch ihre Nachteile: Das Metall und die Motoren machen die Prothese schwer. Die Bedienung muss erlernt werden. Und Kinder entwachsen dem Modell rasch. Für Kinder in Entwicklungsländern kommen solche Prothesen sowieso nicht in Frage, mit mehreren Zehntausend Franken ist der Preis viel zu hoch.

«Ziel ist es, dass Kinder damit uneingeschränkt spielen können und nicht Angst haben müssen, dass etwas kaputt geht»

Systemtechnik-Studenten der ZHAW haben über die letzten zwei Jahre darum an einer Handprothese getüftelt, die leicht, günstig und individuell anpassbar ist. Inzwischen ist daraus ein patentiertes System für Kinderhandprothesen entstanden. Mit einem Schnellverschluss können auf den Schaft verschiedene Aufsätze aufgesteckt werden, für verschiedene Aktivitäten.

Fürs Ski- oder Velofahren

Ein Baukasten also, statt einer Universalprothese für alle Zwecke, wie ZHAW-Forscher Wilfried Elspass erklärt. Neben einer motorisierten Hand für allgemeine Greiffunktionen, haben seine Studierenden – insbesondere Fabian Schollenberger, der darüber seine Masterarbeit schrieb – auch simple, rein mechanische Aufsätze entwickelt, die auf eine einzige Aufgabe spezialisiert sind. Es gibt die fürs Skifahren, die Stöcke halten kann, eine fürs Tennis spielen und eine fürs Velofahren. Sie passt auf alle Velomodelle und ist kinderleicht zu bedienen: Wenn man den Unterarm senkt, ziehen die Finger an der Bremse.

Solche Prothesen sollen Kindern mit Handycap ein möglichst normales Leben ermöglichen.

Leicht wie eine normale Hand

Mit bloss 150 Gramm sind die Prothesen nicht schwerer als eine normale Hand. Und mit 100 bis 700 Franken sehr kostengünstig zu produzieren. Das ist wichtig für den Einsatz in Entwicklungsländern. Der Zürcher Arzt Andreas Trojan hat die Entwicklung der günstigen Prothesen angestossen und hat für ihre Verteilung eigens die Stiftung Appsocial gegründet. «Ziel ist es, dass Kinder damit uneingeschränkt spielen können und nicht Angst haben müssen, dass etwas kaputt geht», sagt Trojan.

Möglich sind diese Entwicklungen erst durch den 3D-Druck. Er erlaubt Bauformen, die im Spritzgussverfahren nicht möglich wären. Vor allem aber macht er individuelle Anpassungen und Kleinserien möglich. «Spritzgussformen für Bauteile kosten rasch 100 000 Franken», sagt Elspass. Die Vorlagen für den 3D-Drucker sind hingegen digital, sie können einfach angepasst oder in der Grösse verändert werden.

Die Testpatientin ist glücklich

Die ersten Tests in der richtigen Welt verliefen erfolgreich. «Die Testpatientin, ein etwa elfjähriges Mädchen aus dem Raum Zürich, konnte die Prothesen intuitiv und ohne Training benutzen», sagt Elspass. Auf dem Produktvideo der ZHAW sieht man sie auf dem Velo davondüsen. Unkompliziertes Handling ist ein wichtiges Argument bei kleinen Patienten. «Kinder mit nur einer Hand entwickeln erstaunliche Fähigkeiten, ihr Handicap auszugleichen», sagt Elspass. «Damit sie eine Prothese benutzen, muss sie einen Mehrwert bieten.»

Demnächst soll der Testkreis ausgeweitet und die Modelle zertifiziert werden. Ob sie bald kommerziell vertrieben werden, kann Elspass noch nicht sagen. Zunächst steht die karitative Nutzung durch die Stiftung Appsocial im Vordergrund.

(Der Landbote)

Erstellt: 28.06.2017, 14:43 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare