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Pure Mechanik, made in Winterthur

Es gibt sie noch hierzulande, die Maschinenindustrie. Bei Renk Maag in Oberi entwickeln und produzieren rund hundert Mitarbeiter tonnenschwere Getriebe für alle Welt. Ihr Geheimnis: Können und hohe Qualität. Renk Maag ist ein Rest jener Firma, die der Zürcher Eventhalle ihren Namen gab – und ist zehn Jahre alt.

Thomas Fritschi ist Geschäftsführer von Renk Maag.
Thomas Fritschi ist Geschäftsführer von Renk Maag.
Martin Gmür
Er studierte einst Maschineningenieur an der ETH, war bei ABB und Alstom. Nun ist er seit drei Jahren der Chef bei Renk Maag.
Er studierte einst Maschineningenieur an der ETH, war bei ABB und Alstom. Nun ist er seit drei Jahren der Chef bei Renk Maag.
Martin Gmür
Sieben Fregatten und ein Hubschrauber-Träger, ein so genanntes Landing Helicopter Dock, werden mit Mechanik aus Winterthur bestückt.
Sieben Fregatten und ein Hubschrauber-Träger, ein so genanntes Landing Helicopter Dock, werden mit Mechanik aus Winterthur bestückt.
Martin Gmür
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«Chef Verzahnung» heisst Thomas Küngs Position offiziell (Bild rechts). Schon sein ganzes Arbeitsleben lang ist er für Maag tätig. 1976 begann er die Lehre als Maschinenmechaniker, fuhr täglich mit dem Töffli zum Escher-Wyss-Platz in Zürich.

Der Ort wo er damals begann, ist längst zur Eventhalle geworden, Küng hat einige der Musicals dort gesehen. Heute lebt er in Unterägeri: «Leider zog die Firma immer weiter weg, und mein Arbeitsweg wurde lang und länger», sagt er; ein Wechsel stand für ihn dennoch nie zur Diskussion.

Er ist stolz auf seine Arbeit, die er heute in Oberwinterthur verrichtet an der Sulzer-Allee in einer hohen Werkhalle mit einem 100-Tonnen-Kran. Es riecht, wie es früher vielerorts gerochen hat: Nach Öl, Metall und ehrlicher Arbeit.

Die SH 450 hobelt tagelang

Einige der Maschinen, mit denen Küng und sein Team die Zahnräder herstellen, standen schon in den Fabrikationshallen in Zürich, einige davon hatte die Firma auch selber hergestellt, «Maag Zürich» steht in schönen Lettern drauf. Zum Beispiel die Hobelmaschine SH 450, die aus einem Stück Stahl ein Zahnrad macht, zumindest dessen Vorverzahnung.

«Die weltweit grösste Wally-Jacht ist mit einem Maag-Getriebe versehen»

Thomas Fritschi, Geschäftsführer Renk Maag

Rund sechs Tage dauert dieser Arbeitsprozess, der Rohling hat einen Durchmesser von fast einem Meter. Er bleibt dauernd eingespannt und wechselt auf der Maschine jede Minute seine Position ein klein wenig, damit diese Span um Span weghobelt. Auch topmoderne Maschinen stehen da,eine ist von DMG, der Firma die in nächster Nähe an der Sulzer-Allee kürzlich ein nobles Glashaus gebaut hat.

Chef ohne Dünkel und Kravatte

Ortswechsel: Wir sind im Büroteil des Unternehmens, hundert Meter von der Halle weg, zwischen Burckhardt Compression und Karl’s kühner Gassenschau. Hier ist die Renk Maag GmbH eingemietet in einem der unscheinbarsten Gebäude der ganzen Gegend. Auch die Büros selber prahlen nicht mit Designermöbeln und Espressomaschine. Es sind nüchtern eingerichtete Arbeitsorte mit gebrauchten Regalen und leistungsfähigen Rechnern. Hier arbeiten Männer, man sieht es den Räumen an.

«Rund 90 Prozent der Belegschaft ist männlich», bestätigt Luzia Kaufmann, gelernte Typografin und seit sechs Jahren bei Renk Maag für Design und Marketing zuständig. Sie und Geschäftsführer Thomas Fritschi empfangen den Gast von der Zeitung. Fritschi ist ein Chef ohne Dünkel und fast immer ohne Kravatte. Er studierte Maschineningenieur an der ETH, war bei ABB und Alstom und ist nun seit drei Jahren der Chef bei Renk Maag.

50 bis 100 Getriebe pro Jahr

Zunächst erklärt Fritschi, wozu die Zahnräder überhaupt dienen. Und der Laie staunt: Fast überall, wo Rotationskräfte weitergegeben werden, sind Getriebe oder Kupplungen im Einsatz: in Kraftwerken jeglicher Art etwa, in der Agro- und der Petrochemie, in Schiffen von der Fähre bis zur Fregatte und zur Privatjacht. «Die weltweit grösste Wally-Jacht ist mit einem Maag-Getriebe versehen», erwähnt Fritschi.

In Oberi werden jedes Jahr 50 bis 100 Getriebeproduziert, die kleinsten 2000 Kilo schwer, die grössten bis 63 000 Kilo. Preis pro Einheit: von 200 000 Franken an aufwärts.

«Während wir früher in Nischen tätig waren, konzentrieren wir uns heute auf die Nischen der Nischen.»

Thomas Fritschi, Geschäftsführer bei Renk Maag

Dann gibt Fritschi einen kurzen Abriss der Firmengeschichte und des Geschäftsgangs (siehe unten). Gleich nach der Gründung 2007 wuchs die Renk Maag innert dreier Jahre von 60 auf 110 Stellen: «Dank Aufträgen aus China.» Doch ebenso schnell kamen Krise, Kurzarbeit und Entlassungen.

Die Chinesen hatten bei ihren Stahlwerken Überkapazitäten geschaffen, die Aufträgegingen auf die Hälfte zurück. Auch die Öl- und Gasindustrie schickte weniger Bestellungen nach Winterthur, als der Ölpreis zu sinken begann. Und schliesslich, so Fritschi, habe der «Frankenschock» die Firma stark belastet. Das Rezept gegen sinkende Gewinne ist überall das gleiche: Kosten senken, Druck auf Zulieferer weitergeben, Sparmöglichkeiten ausschöpfen: Renk Maag kauft beispielsweise den benötigten Strom heute im freien Markt.

Nur allerhöchste Qualitätsansprüche

Heute sehe er «erste Erholungszeichen», sagt Fritschi: «Auch deshalb, weil wir uns strategisch neu ausgerichtet haben: Während wir früher in Nischen tätig waren, konzentrieren wir uns heute auf die Nischen der Nischen.» Dort, wo andere Anbieter absagten, weil ein Auftrag zu speziell sei, dort sage er zu: «Wir gehen ganz auf die Kundenwünsche ein, bauen Getriebe nur für die allerhöchsten Qualitätsansprüche.» Diese Strategie zeige Erfolge: «Wir haben einen steigenden Auftragseingang bei einem Umsatz von 30 Millionen Franken.» Und die Stellen seien sicher.

Ein Beispiel dieses Erfolgs als Nischen-Nischenplayer: Eben wurde ein erstes Getriebe für eine Lokomotive nach Australien geliefert, vier weitere sind bestellt, und mehrere Dutzend weiterer Orders aus Down Under werden in Oberi erwartet. In Managersprache: Ein neues Marktsegment wurde erschlossen.

Für die italienische Marine

Schaut man sich in der Produktionshalle um, entdeckt man weitere komplex verzahnte Teile, die auf Holzpaletten bereit liegen: Kupplungen für Schiffe der italienischen Marine. Hier lief die Bestellung über die Mutterfirma Renk in Deutschland, die für das ganze Neugeschäft mit Schiffsgetrieben zuständig ist.

Sieben Fragatten und ein Hubschrauber-Träger, ein so genanntes Landing Helicopter Dock, werden mitMechanik aus Winterthur bestückt. «Die Zusammenarbeit mit der Mutterfirma läuft sehr gut, man lässt uns Spielraum», sagt Geschäftsführer Fritschi. Etwa drei Mal pro Jahr geht er nach Augsburg, eben so oft besuchen ihn die deutschen Chefs in Oberi.

Auf Montage mitten im Meer

Massgeblich zu Umsatz, Stabilität und Gewinn der Firma trägt auch der Bereich After Sales bei. Darin summieren Manager alles, was nach der Auslieferung kommt: die Ersatzteile und der Service vor Ort. Im Falle von Renk Maag fliegen Service-Monteure tage- bis wochenweise selbst auf Schiffe und Ölplattformen, wenn ein Getriebe Wartung benötigt.

Ebenfalls zum rentablen After-Sales-Geschäft gehören Reparaturen und Revisionen. Im Moment liegt in der Halle zum Beispiel eine in Einzelteile zerlegte Synchronkupplung, die in einem DampfKraftwerk in Südkorea mehr als zwanzig Jahre in Betrieb war und nach der Revision dort nochmal so lange rotieren soll.

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