Winterthur

Räume der Stille sind gefragt

Ob ich zum Bettag Werbung für das Beten machen soll? Welche bloss jene bestätigt, die es schon tun, und jene langweilt, die es nicht tun? Hoffentlich nicht. Aber ich will vom Beten reden in einer Zeit, die nach Räumen und Zeiten der Stille schreit!

Stille ist zu einem Geschäft geworden, weil es schwierig ist, welche zu finden.

Stille ist zu einem Geschäft geworden, weil es schwierig ist, welche zu finden.

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Doch schön der Reihe nach: Seit ein paar Wochen arbeite ich neu mit in der Spitalseelsorge vom Kantonsspital Winterthur (KSW). Dort wird gebaut, sodass die frühere Spitalkirche inzwischen von Baggern weggeräumt wurde. An deren Stelle gibt es nun einen Raum der Stille, das heisst ein Spitalzimmer, das umfunktioniert wurde. Dort kommen Patienten, Besuchende und das Personal, um sich zurückzuziehen, sich still auf einen Stuhl zu setzen, ein paar Bibel (oder Koran-)verse zu lesen oder ihre Anliegen und Hoffnungen in ein offenes Buch zu schreiben. Dieser Raum der Stille ist gefragt und gut besucht. So gibt es Pflegefachfrauen, die sich vor dem Dienst dort sammeln und Gott um Kraft bitten für die kommenden Begegnungen mit den Kranken. Oder es kommen Patienten mit ihren Sorgen und Ängsten, um sie im Raum der Stille vor Gott abzuladen oder wenigstens auszusprechen. Oder es finden sich Einträge im Buch, die von grosser Erleichterung nach glücklich verlaufener Operation berichten. Oder bekenntnishaft festhalten: «Stille tut gut!» Es hat auch einen Gebetsteppich für Muslime dort, der gebraucht wird. Dieser Raum der Stille ist offensichtlich ein Segen.

Damit möchte ich diesen konkreten Raum der Stille am KSW verlassen und zugleich bei der Feststellung bleiben, dass wir Räume der Stille brauchen – vielleicht mehr denn je. Allerdings ist das gar nicht so einfach geworden. Denn als Blaise Pascal schrieb, dass «das ganze Unglück der Menschen allein daher rührt, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen», muss es noch stille Zimmer gegeben haben.

Heute hilft selbst das Einschliessen im eigenen Zimmer nicht mehr gegen dieses «Unglück» – WLAN ist überall. So ist Stille gesucht und gefürchtet und wahrscheinlich so kostbar wie jene natürliche Ressourcen, die heutzutage bedroht und zugleich höchst begehrt sind. Folglich ist Stille zu einem Geschäft geworden, mit dem sich Geld verdienen lässt. In vielerlei Gestalt wird Stille, Entschleunigung in Kursen, Seminaren etc. angeboten. Ob es dabei um mehr geht als einen kurzzeitigen Waffenstillstand, um nachher mit doppelter Kraft loszustürmen und gleich weiterzumachen?

Wer die Stille bloss als Potenzial für ein erneutes Eintauchen in die Hektik des Alltags sieht, übersieht eine wichtige Dimension, verkennt ihren wahren Wert als Eingangstor zu einem Dialog, der nicht bloss sich selber hört. Jetzt reden wir von Stille, die mehr ist als die Absenz von Geräuschen oder ein Redeverbot. Stille in diesem Sinne meint einen Gang in die Wüste, wo sich biblisch gesehen ein zentraler Ort der Begegnung mit Gott befindet. (Und vielleicht ist es ja kein Zufall, dass alle drei grossen Religionen, Judentum, Christentum und Islam, geografisch gesehen aus der Wüste kommen.) Ja, es gibt einen direkten inneren Zusammenhang zwischen Stille und Gebet, Alleinsein und der Erfahrung einer umfassenden Verbundenheit mit allem Sein.

Vielleicht muss der angesprochene Gang in die Wüste verdeutlicht werden. Dafür tuts im Alltag auch ein Raum der Stille, der bewusst aufgesucht respektive für sich geschaffen wird. Ein Selbstversuch lohnt sich; das Einzige, das dabei verloren gehen kann, ist das Vorurteil, das sei verlorene Zeit. Ja, die Einkehr bei sich selber – das ist eigentlich der erste Raum der Stille – kann durchaus mit «Schwellenängsten» verbunden sein. Manchmal hilft es deshalb, eine Kerze anzuzünden, eine Melodie zu summen, ein Bild zu betrachten; um so in das hineinzufinden, was dann passieren kann und wir Beten nennen. (Der Landbote)

Erstellt: 16.09.2017, 10:42 Uhr

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