Winterthur

Reiches Leben, zufriedener Mensch

Der frühere Stadtpräsident Urs Widmer ist heute 90-jährig. Er ist fit im Kopf und gern unterwegs. Nun steht sein obligater monatelanger Aufenthalt in Valbella kurz bevor. Ein Besuch bei einem rüstigen Rentner, der mit sich im Reinen ist.

Der frühere Stadtpräsident Urs Widmer wird heute 90 Jahre alt.

Der frühere Stadtpräsident Urs Widmer wird heute 90 Jahre alt. Bild: Madeleine Schoder

Er hat gern Leute um sich, und die sind meist jünger als er. Zur Zeit unseres Besuchs in seiner Wohnung am Wolfensberg freut sich Urs Widmer gerade auf ein gemeinsames Abendessen mit zwei seiner zwölf Enkelkinder. Toffa nennen ihn alle seine Enkelinnen und Enkel. «Weil der älteste nicht Grossvater sagen konnte, sagte er so, und die anderen übernahmen das.»

Wohin führt Toffa die beiden Enkelinnen aus? Lange war die «Akazie» sein Stammlokal, jetzt ist es das «National». Mehrmals pro Woche nimmt er ein Taxi runter in die Stadt. Er möge es, wenn Betrieb herrscht, sagt er.

«Ich bin dankbar und habe Freude, wie es mir mit 90 geht, den Beinen und auch da oben im Kopf.» 

Freunde seines Alters sind freilich rar geworden. Ab und zu treffe er sich mit Stadtratskollegen von damals, mit Heiri Vogt und Albert Eggli; regelmäsig sieht er auch Theo Dieterle, den früheren Stadtkirchenpfarrer. Die beiden Männer fanden erst relativ spät zu einer engen Freundschaft, als vor 17 Jahren ihre Ehefrauen kurz nacheinander starben.

Heute sagt Urs Widmer von sich: «Ich bin dankbar und habe Freude, wie es mir mit 90 geht, den Beinen und auch da oben.» Er zeigt auf seinen Gehstock, den er zur Sicherheit benutzt, danach auf seinen Kopf. Dann wird er nachdenklich und kommt auf die Demenz-Erkrankung von Martin Haas zu sprechen, seinem Nachfolger als Stadtpräsident: «Das zu sehen, ist sehr, sehr traurig.»

Sohn eines Stadtpräsidenten

Urs Widmer wuchs in Töss auf; 1939, als er 12 war, starb sein Vater im Amt als Stadtpräsident. Der Sohn durchlief, bevor «das Politik-Gen», wie er sagt, sich bei ihm durchsetzte, eine solide bürgerliche Karriere: Gymnasium in Winterthur, Ingenieur-Studium an der ETH, zwei Jahre USA, eines davon in New York beim berühmten Brückenbauer Othmar Amman.

Neben der Tür seiner Wohnung hängt heute noch das Nummernschild des Autos, das er dort fuhr. «Ein Riesenschlitten war das», ob Chevy oder Ford, hat er vergessen. Auf der Rückkehr per Schiff kaufte er in Grossbritannien wieder ein Auto, auch dieses Schild hängt neben der Türklingel.

Zurück in Winterthur betrieb Widmer ab 1959 ein eigenes Ingenieur-Büro, war vier Jahre Gemeinderat, und 1966 mit knapp 40 wurde er zum Stadtpräsidenten gewählt, damals noch als Demokrat. Nach der Fusion mit den Freisinnigen blieb Widmer als FDP-Vertreter bis zu seinem Rücktritt 1990 im Amt.

Seine Amtszeit begann mit goldenen Jahren in Winterthur und endete mit wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Problemen. Aus seiner damaligen Partei ist Widmer vor etlichen Jahren ausgetreten.

Trump interessiert ihn nicht

Das Interesse an der Politik ist geblieben. Als erstes am Morgen hole er die Zeitungen aus dem Briefkasten: «Den Landboten lese ich zuerst, das Lokale vor allem, wobei mich das früher mehr interessierte. Dann kommen der Tagi und die NZZ. Zuerst lese ich grob durch, dann gehts in die Details.»

Details zum Beispiel über USA, wo er gearbeitet hat. Interessiert ihn das Treiben von Trump? «Nein, über Trump lese ich fast nichts. Ich kann das ja sagen, er wirds kaum je erfahren.»

«Das Winterthurer Bürgertum ist bald ganz verschwunden»

Digitale Medien, überhaupt Informationen aus dem Internet konsumiert Widmer eher selten, obschon er Computern von der ersten Stunde an verbunden war: «Ich hatte auf meinem Pult den ersten Tischrechner der Stadtverwaltung, eine Riesenkiste, viele glaubten, das sei ein Fernsehgerät.» Schreiben am Computer, das tue er bis heute.

Jahrelang baute er beispielsweise zusammen mit Heinz Bächinger das lokale Online-Lexikon Winterthur Glossar auf, schöpfte aus seinem unendlichen Fundus an Kontakten und Zusammenhängen über all die Reinharts, die Biedermanns, Sulzer, Wolfer, Rieter, welche die Stadt prägten. Gibts dieses Bürgertum heute noch? «Es ist bald ganz verschwunden», konstatiert Urs Widmer trocken.

Viele Bücher und ein Kirchner

Noch immer reichert er sein Wissen weiter an: Auf dem Tischchen in der Lesestube liegen Krimis, ein bretonischer und ein griechischer, je das jüngste Werk von Peter Stamm und Alex Capus. Daneben Geschichtliches über den ersten Weltkrieg und über Veltheim: «Ein interessantes Buch, das ich schon lange habe und nun endlich dazu kam, es zu lesen.»

Vom Fauteuil aus, in dem er am liebsten liest, blickt er direkt auf einen Holzschnitt von Ernst Ludwig Kirchner. Er zeigt einen Senn und hängt nicht zufällig an diesem Ort: «Ein wunderbares Werk», schwärmt Widmer. «Ich konnte es auslesen bei Reinharts, weil ich eine Zeitlang in der Volkart-Stiftung mitgearbeitet hatte. Ich fing sofort Feuer für diesen Senn. Aber weil er von Kirchner war, getraute ich mich nicht und wählte zuerst ein anderes Werk. Doch Frau Reinhart, sagte: Wenn sie lieber den Senn haben, nehmen sie doch den. So kam das.»

Gleich neben dem Kirchner, aber meist von der offenstehenden Stubentür verdeckt, auch das sei kein Zufall, zwei Zeichnungen: Die eine zeigt Widmer selber als Zehnjährigen, die andere seinen Vater, kurz vor dessen Tod.

Die Stube ist auch eine Galerie

Nach seiner Politiker-Karriere war Widmer Präsident des Kunstvereins und hat – oder eher müsste man sagen: hatte – viele Bekannte unter den Künstlern, einige wurden Freunde, und von manchen hängen Bilder in Widmers Wohnung. Zuallererst ist der kürzlich verstorbene Werner Hurter zu nennen, dann Hans Schoellhorn, in dessen einstigem Atelierhaus er heute lebt. Von Hans Affeltranger, dem Tössemer, mag er die Ansicht des alten Töss, wie er es als Junge erlebt hat.

«Meine Meinung über die jetzige Winterthurer Regierung ist nicht so wichtig, dass sie in die Zeitung gehört.»

Vom ebenfalls erst kürzlich verstorbenen Manfred Schoch hat er zwei kleine konkrete Bildchen, von Robert Lienhard eine Metallplastik, von Rudolf Zehnder ein Aquarell der Zürcherstrasse-Unterführung im Bau, von Werner WAL Frei eine mikadoartige Aluminium-Miniatur. Sogar eine Zeichnung von Grossmeister Hodler hängt in der Stube. Sie kam via die Schoellhorns in Familienbesitz, Urs Widmers Mutter war eine Schoellhorn.

Diese Umgebung, in der er nun seit acht Jahren lebt, wird er übermorgen für drei Monate verlassen, so wie er es jeden Winter tut: Eine Freundin fährt ihn nach Valbella, ins Ferienhaus, wo ihn Kinder und Enkel, Freunde und Verwandte besuchen kommen. «Es ist mir keine Last, im Gegenteil: Das tut mir gut. Ich war auch im Sommer schon sechs Wochen dort.»

Gelassenheit im Leben gelernt

Widmer hatte sich nach seinem Rücktritt nicht mehr in die Politik eingemischt, hatte irgendwann mal angemerkt, das Zusammengehen der Demokraten mit den Freisinnigen sei womöglich ein Fehler gewesen, hatte freundschaftlichen Kontakt gepflegt mit Ernst Wohlwend, dem bisher ersten und einzigen SP-Stadtpräsidenten Winterthurs, und zu seiner Meinung über die heutige Regierungscrew lässt er sich nur ein paar Worte entlocken, die er aber für «nicht so wichtig» hält, «dass sie in die Zeitung gehören».

Dann setzt er sein verschmitztes Gesicht auf und sagt, es sei wichtig als Stadtrat, gelegentlich über der Sache zu stehen, gelassen zu bleiben. Vielleicht habe ihn ja das Leben diese Gelassenheit gelehrt: Der frühe Verlust des Vaters mit zwölf und zwei Jahre später ein Schädelbruch, der eine halbseitige Lähmung auslöste.

«Beim Kugelstossen wurde ich am Kopf getroffen, es war ein grosses Glück, dass ich das überlebte.» Und: «Vielleicht half mir das ja auch, das Gymi ohne Repetition zu überstehen, denn ich wurde vom Zeichnen, Stenografieren und von anderen Fächern zeitweise befreit.» Und wieder scheint der Schalk auf in den Augen des 90-jährigen Jubilaren.

(Martin Gmür)

Erstellt: 19.12.2017, 15:35 Uhr

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