Winterthur

Reise zur allerletzten Ruhestätte

Nach frühestens 25 Jahren werden Gräber aufgehoben. Vom Weg einer Urne in ihre allerletzte Ruhestätte auf dem Winterthurer Friedhof Rosenberg.

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Bei der zweiten Beerdigung gibt es weder Kränze noch Kerzen und keiner trägt Schwarz. Wenn die Grabstätten nach frühestens 25 Jahren aufgehoben werden, setzen die Friedhofsgärtner die Aschen anonym und ohne Zeremonie bei. «Ab und zu fragen Angehörige, ob sie dabei sein dürfen», erzählt Peter Grolimund, der den Friedhofbetrieb leitet.

Er lehnt stets ab. Das Ausgraben und Auskratzen von Urnen kann selbst dann ein schmerzhafter Anblick sein, wenn die Friedhofsgärtner äusserste Sorgfalt walten lassen: «Wir machen unsere Arbeit so pietätvoll wie möglich, aber wir müssen auch effizient sein.»

Angekündigt wird die Reise zur allerletzten Ruhestätte jeweils im Herbst. Nüchtern, mit einer amtlichen Anzeige in der Zeitung: «Für die Gräber des Bestattungsjahres 1994 ist die Ruhefrist auf den Winterthurer Friedhöfen am 31.12.2019 abgelaufen», heisst es da. Angehörige werden gebeten, Grabmale und Pflanzen bis Jahresende vom Grab zu holen. Was übrig bleibt, wird von Stadtgrün entsorgt.

«Wir wollen nicht, dass Angehörige beim Verstreuen der Asche ganze Knochenfragmente finden.»Sanda Amsler
Leiterin Bestattungen
und Friedhöfe

Dieses Jahr war Effizienz noch wichtiger als sonst: Im Januar hoben die Mitarbeitenden auf den fünf Friedhöfen der Stadt rund 800 Grabstätten auf und entnahmen diesen rund 1200 Urnen. Zum Vergleich: Letztes Jahr waren es fast 300 Grabstätten und rund 300 Urnen. «Vor vier Jahren gingen wir dazu über, statt Reihen ganze Grabfelder auszuheben», erklärt Sandra Amsler, Leiterin Bestattungen und Friedhöfe, den plötzlichen Anstieg: «Darum liessen wir die älteren Gräber auf einem Feld länger stehen, bis das jüngste Grab aus der Ruhefrist war.»

Möglich sei dies, weil es auf den Friedhöfen mehr als genug Platz gebe – in Winterthur wie auch im Rest der Schweiz. Das liege an den beliebten Urnenwänden und Gemeinschaftsgräbern, aber auch daran, dass manche die Urnen direkt mit nach Hause nehmen.

Wandernde Urnen

Auf dem Grabfeld 207 im Rosenberg sind am letzten Januartag schon fast alle Gräber ausgehoben und die meisten Steine mit Leuchtspray markiert. Der gelbe Punkt zeigt an, dass die Urnen darin für das Grab der letzten Ruhestätte bestimmt sind. «Wir gehen die Reihen drei bis vier Mal durch, damit ja keine Fehler passieren», sagt Grolimund. Einer der Friedhofsgärtner sticht eine Metallstange mit dem Durchmesser eines Einfränklers in die Erde – dicht am Grabstein, wo er die Urne vermutet.

Die rötlich gefärbte Spitze verrät, dass er den Tondeckel erwischt hat. Nicht immer sind die Urnen so leicht zu finden. Im Schnitt verschieben sie sich wegen des Wassers und des Drucks um zehn Zentimeter, erzählt Grolimund, einige auch wesentlich weiter: «Manche müssen wir lange suchen.» Denn die Urnen wandern nicht nur seitwärts, sondern sinken auch ab. Das passiere vor allem dann, wenn darunter noch ein Sarg begraben liege.

Etwa in einem Fall von 20 holen die Angehörigen die Urne zu sich nach Hause. Der Friedhof gibt diese aber nicht einfach so heraus. Weil die Urnen teils im Wasser stehen, müsse die Asche zunächst gereinigt und getrocknet werden. Zudem wird die Asche aus ausgehobenen Gräbern frisch gemahlen. Grund dafür ist die Knochenmühle, die erst seit 2005 in Betrieb ist und die Amsler als «Maschine mit vielen kleinen Hämmerchen» beschreibt. Sie mahlt feiner als die alte: «Wir wollen nicht, dass Angehörige beim Verstreuen der Asche ganze Knochenfragmente finden», begründet Amsler den Schritt.

Doch auch mit der neuen Maschine sehe sie ganz anders aus als die Asche, die man etwa von herkömmlichen Holzfeuern kennt: «Die Konsistenz erinnert eher an feinen Katzensand.» Schliesslich wird die Asche in eine neue Urne gefüllt. Damit soll verhindert werden, dass den Hinterbliebenen eine beschädigte Urne in den Händen zerspringt.

Geschredderte Grabsteine

Nun da der Friedhofsgärtner die Urne gefunden hat, greift er zur Schaufel. Nach rund 30 Zentimetern kommt der Deckel zum Vorschein. Um die Urne nicht zu beschädigen, greift er sie mit grossen Zange, deren Spitze an zwei Gartenschäufelchen erinnert. Roter Ton schimmert durch die sattbraune Erde, die auch am Netz aus Flachs klebt, an dem die Urne vor einem Vierteljahrhundert ins Grab gelassen wurde.

«Ich habe nicht mehr als Grüezi und Adieu gesagt.»Peter Grolimund
Leiter Friedhof Rosenberg

Der Friedhofsgärtner befreit sie daraus und stellt sie auf die Ladefläche des Transporters zu den anderen. Der Grabstein kommt erst später weg und geht – mit Erlaubnis der Hinterbliebenen – zum Bildhauer zurück, oder er wird zu Kies geschreddert. Nur wenige Angehörige nehmen den Grabstein mit. Zehn waren es auf dem Grabfeld 207 und einer, der einfach eine Ecke des Steins wollte.

Das Grab der letzten Ruhestätten erkennt man für gewöhnlich an den beiden Bronzestelen «Erdenschwer und Himmelsnah» des Winterthurer Bildhauers Gregor Frehner. An diesem Tag stechen aber zuerst die gelbgrünen Uniformen der Friedhofsgärtner ins Auge, die sich über ein grosses Erdloch beugen. Sie leeren eine Urne nach der anderen. Wegen des Wassers darin müssen sie meist mit Händen und Spachtel nachhelfen. Nach dem Leeren zerschlagen sie die Urnen mit dem Hammer. Niemand soll auf die Idee kommen, eine aus der Mulde mitzunehmen. Nachdem das Grab zugeschüttet ist, wird die Jahreszahl ins Sandsteinband davor geritzt.

Lange Abschiede

Vor einem älteren Grab der letzten Ruhestätte steht eine einsame Kerze. Manchmal reichen auch 25 Jahre nicht, um Abschied zu nehmen. So erzählt Grolimund, der seit 22 Jahren auf dem Friedhof Rosenberg arbeitet, von einer Besucherin, die an Weihnachten einen Christbaum mit Kugeln und allem dran an der Stelle aufstellte, an der sich einst das Grab ihres Mannes befand. Früher hätten die Leute noch öfter das Gespräch gesucht. Grolimund erinnert sich an eine Frau, mit der er eine halbe Stunde auf einem Bänkli sass: «Ich habe nicht mehr als Grüezi und Adieu gesagt.»

Die Geschichten, die Grolimund hört, sind oft traurig und tröstend zugleich. Und meist sehr berührend. «Sie gehört fast schon zum Friedhof», sagt er etwa über die Frau, die während 25 Jahren zwei bis drei Mal pro Woche das Grab ihres Mannes auf dem inzwischen aufgehobenen 207er-Feld besuchte: «Sie kommt seit Jahren in die Friedhofsgärtnerei, trinkt mit den Mitarbeitenden etwas, und manchmal fahren wir sie nach Hause.»

Erstellt: 12.02.2020, 18:20 Uhr

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