Winterthur

Religiöse Osteraktion stösst auf Kritik

Ein religiöses Aktionskomitee hat eine Jesus-Plakataktion lanciert. Freidenker kritisieren, dass sich gar Theologen und Landeskirchen von Charismatikern einspannen liessen.

Doof? Allmächtig? Sandalenträger? Ein junger Mann beschreibt am Bahnhof ein «Jesus ist ...»-Plakat.

Doof? Allmächtig? Sandalenträger? Ein junger Mann beschreibt am Bahnhof ein «Jesus ist ...»-Plakat. Bild: Marc ­Dahinden

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

... mir egal! ... mein Licht! ... übers Was­ser gelaufen, weil er nicht schwim­men konnte, ... unsere Ganz­heit! ... am liebsten Käsebrötchen! ... schlecht rasiert, ­aber weit gekommen. Das Aktions­ko­mitee Christen Schweiz muss sich wohl auf einen bunten Strauss an Antworten auf ihren plakativ formulierten «Jesus ist ...»-Halb­satz gefasst machen. Auf 1500 Pla­katen, verteilt über die ganze Deutsch­schweiz, fordert das vor allem aus evangelischen Freikirchen zusammengesetzte Komitee seit gestern dazu auf, den Satz «Jesus ist ...» für sich innerlich ­zu ­Ende zu formulieren und dann ­direkt auf die weisse Fläche zu schreiben. Allein in Winterthur und Region hängen rund 40 der Poster mit extra viel Weiss­raum.

Bunte Osterbotschaften

Der Zeitpunkt ist nicht zufällig gewählt. In knapp zwei Wochen ist Ostern. Dann feiert die Chris­ten­heit die Auferstehung ­Jesu Christi. «Wir wollten, dass wie­der mehr über ihn und seine Rolle ­geredet wird», sagt Beat ­Ungricht, Pas­tor bei der Winterthurer Frei­en Evange­lischen ­Gemeinde (FEG) und lokaler Kam­pa­gnen­leiter. Jesus sei zum ­Tabu, für ­einige gar zur Persona non ­grata und Schimpfwort geworden. Als zu direkt, konkret und abso­lut würden die Botschaften eines Mes­sias heute verstanden, in einer pluralisierten und säku­laren Gesellschaft. «Beengend» sei es daher für ­viele, direkt ­ über ­Jesus zu reden. Anders bei ­Gott. «Über ihn lässt sich wol­kiger und konfessionsübergreifend diskutieren», sagt ­Ungricht. Gleich­zeitig sei das Thema Re­ligion und Radikalisierung in den Medien und in der Schule wieder ein Thema geworden.

Natürlich sei man sich beim ­Ak­tions­komitee bewusst, dass man mit der Plakataktion Jesus auch zur Projektionsfläche für Hasstiraden und Kritiker mache. «In einzelnen Gemeinden gab es durch­aus Widerstand dagegen», sagt Ungricht. Die Leidensfähigkeit ­Jesu sei jedoch schliesslich einmalig gewesen, immer wieder ­habe er sich «ins Schaufenster» gestellt. Würden die Kommen­tare zu lästerlich, behalte man sich vor, die Plakate zu überkleben.

Vier Grossspenden

Die zweiwöchige Plakat­aktion kostet 250 000 Franken. Vier Spen­der und Stiftungen kom­men gemäss Komiteesprecherin Rachel Stös­sel ­dafür auf. Mit ­ihnen habe man die Idee von «Jesus ist ...» entwickelt und umgesetzt, stark inspiriert durch die amerikanische Version von «Jesus is ...» der evangelischen Kirche City-Church. Als charismatische Kirche versucht diese, den Glauben über Konzerte und Massengottesdienste mit viel Show pragmatisch zu praktizieren und ihn ­dadurch «erlebbar» zu machen. Gerade Jugend­liche sprechen ­auf diese hippen, interaktiven Formen der Predigt an, auch hierzulande. Bestes Beispiel dafür ist ­ die Zürcher Freikirchenbewegung International Chris­tian Fellowship (ICF), die konfessionsübergreifend zum Gottes­dienst einlädt. Auch ihre Treffen sind auf der «Jesus ist»-Web­seite verlinkt. Andreas Kyriacou von der kritischen Freidenker-Vereinigung sieht in der «Jesus ist»-Aktion daher auch einen ICF-Marketing-Coup. «Die schaffen es inzwi­schen sogar, Vertreter der Staats­kirchen und Theologen für ihre Anliegen einzuspannen.» Auch Vertreter der Landeskirchen sind im Patronat der Aktion.

Auch von Winterthurer ­Pirat und Freidenker Marc Wäcker­lin kommt Kritik: «Nicht christ­liche Werte, sondern Renaissance, Huma­nis­mus, Auf­klärung und Wis­sen­schaft haben uns dahin­gebracht, wo wir heute sind.» ­Zen­tral sei, dass humanis­tische ­Werte gelebt würden, egal, ob reli­giös begrün­det oder nicht. Denn: ­«Am ­Ende hat jeder ein und das­selbe Ziel: ein gutes und glück­liches ­Leben.» Wenn, dann ­würde Wäcker­lin ­«Jesus ist ... weniger ­cool als der Oster­hase, aber ­auch nur ein Märchen» auf eines ­ der Pla­kate kritzeln. Der Kari­ka­tu­rist ­Ruedi Wid­mer hielte es mah­nend mit «... gegen Ausgrenzung», Stadt­rätin Bar­bara Günthard-Maier (FDP) neudeutsch mit «... em­powering!» und Stadtpräsident Michael Künzle (CVP) nüchtern mit «... unser ständiger Begleiter.» (Landbote)

Erstellt: 14.03.2016, 22:45 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!