Gericht

Rentner tragen Streit vors Gericht

Ein währschafter Nachbarschaftsstreit zwischen zwei Rentnern beschäftigte das Winterthurer Bezirksgericht. Die gegenseitige Antipathie gipfelte in einem Prozess, nachdem der eine Herr den anderen laut Anklage in der gemeinsamen Tiefgarage so geschlagen hatte, dass dieser hingefallen ist.

Zwei Rentner lieferten sich einen währschaften Nachbarschaftsstreit – und trafen sich deswegen vor dem Winterthurer Bezirksgericht wieder.

Zwei Rentner lieferten sich einen währschaften Nachbarschaftsstreit – und trafen sich deswegen vor dem Winterthurer Bezirksgericht wieder. Bild: Archiv Landbote

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Als «seit längerer Zeit heillos zerstrittene Nachbarn», beschrieb die Staatsanwaltschaft die beiden Männer, die sich am Montag vor dem Bezirksgericht Winterthur trafen. Seit rund 15 Jahren bewohnen die beiden Rentner Wohnungen in derselben Liegenschaft in einer Gemeinde nahe Winterthur. Die Streitigkeiten müssen bald nach dem Einzug ihren Anfang genommen haben.

Der Beschuldigte zählte zu Beginn der Verhandlung diverse angebliche Verfehlungen des Privatklägers auf und liess verlauten, dieser habe «in gröbster Form das Gesetz missachtet». Unter anderem habe er auf gemeinsamem Boden Bäume und Dornensträucher gepflanzt, obwohl er, der Beschuldigte, als Miteigentümer der Liegenschaft, seine Zustimmung nicht gegeben habe.

«Geh weg, aber dalli!»

Vor Gericht trafen sich die beiden aber wegen eines Vorfalls in der Tiefgarage. Der Kläger sei aufgebracht gewesen, weil er sich bei der Verwaltung über die Bepflanzung beschwert habe, erzählte der Beschuldigte. Als er auf seinem Platz parkieren wollte, habe er ihm den Weg versperrt. «Was soll das? Geh weg, aber dalli!», habe der Beschuldigte gerufen.

Sein Nachbar sei daraufhin zur Seite gegangen, aber habe ihm mit einer Tasche einen «massiven Chlapf» gegen den Radkasten versetzt. Es habe sogar eine Delle gegeben. «Dann hat es zweimal gescheppert, er muss wohl nach dem Schlag das Gleichgewicht verloren haben und hingefallen sein», schilderte der Beschuldigte weiter. Als er aus dem Auto ausgestiegen sei, sei der Nachbar bereits zur Tür gelaufen und habe geschrien: «Ich zeig dich an!»

«Sie haben gesehen, wie er hingefallen ist?», hakte die Richterin nach. Er habe es gehört, sagte der Beschuldigte, genau so, wie er den Schlag gegen sein Auto gehört habe. «Alles was Sie beschreiben, haben Sie also aus Geräuschen geschlossen?», insistierte die Richterin. «Ich muss annehmen, dass es so gewesen ist», antwortete der angeklagte Rentner.

Die ganz andere Sicht des Privatklägers schilderte dessen Anwalt in seinem Plädoyer. Mit der Tasche gegen das Auto gekommen sei der Mann aus Schreck, weil der Beschuldigte schnell auf ihn zugefahren sei. Und kein Sturz, sondern ein tätlicher Angriff sei das danach gewesen. Der Beschuldigte habe ihm mit der rechten Hand auf die Brust geschlagen, so dass er rückwärts hingefallen sei. «Es war Zufall, dass mein Mandant keine schwerwiegenden Verletzungen erlitt.»

Die Prellungen an Brust und Hüfte, die in verschiedenen Arztzeugnissen festgehalten seien, könne man mit einem Sturz schlicht nicht erklären. Auch fünf Tage später habe der um die 80 Jahre alte Mann unter Atembeschwerden und Schmerzen gelitten. Der Anwalt forderte Schadenersatz in der Höhe von rund 5500 Franken sowie eine Genugtuung von 1000 Franken.

«Ich bin im Fall Linkshänder»

Der Verteidiger forderte einen vollumfänglichen Freispruch und eine Entschädigung von 4000 Franken. «Die Aussagen des Privatklägers sind voller Widersprüche», erklärte er. Einmal habe der Rentner ausgesagt, er sei vor Schmerz zehn Sekunden liegen geblieben, ein ander Mal seien es fünfzehn Sekunden vor Schock gewesen. Auch habe er die Tasche, mit der er gegen das Auto geschlagen habe, verschwinden lassen. «Er hat meinen Mandanten böswillig und ohne Grund angezeigt.» Den Sturz habe er sich selbst zuzuschreiben. Im Schlusswort hielt der Beschuldigte filmreif noch ein Argument mehr für seine Unschuld bereit: «Ich bin im Fall Linkshänder.»

In der Urteilsverkündigung machte die Richterin deutlich, dass sie keineswegs überzeugt war: «Beide Versionen sind möglich. Sie haben beide ein Eigeninteresse, den anderen in ein schlechtes Licht zu rücken.» Das Gericht sei nicht dabei gewesen und deshalb müsse sie im Zweifel für den Angeklagten urteilen. Dieser wurde freigesprochen, womit auch automatisch die Ansprüche auf Schadenersatz und Genugtuung erloschen. Er erhielt dafür 2000 Franken Entschädigung – aus der Gerichtskasse. «An Ihren Geschichten ist nichts lustig», sagte die Richterin zum Beschuldigten. «Ich möchte Ihnen beiden ans Herz legen: Hören Sie auf damit. Gehen Sie sich aus dem Weg.» (Landbote)

Erstellt: 08.05.2018, 18:08 Uhr

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