Winterthur

Rot in vielen Tönen und ein Berner Vulkan

Der Umzug und die Feier zum Tag der Arbeit brachten dieses Jahr mehr Volk auf die Strasse als auch schon und eine Rednerin auf den Neumarkt, die ein gestandener Genosse einen Vulkan nannte.

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Der 1. Mai in Winterthur war kalt und kämpferisch. Er war friedlich, doch keineswegs flau, und er begann laut. Als sich der Umzug um 10 Uhr auf der Steinberggasse zu formieren begann, mit roten Unia- und SP-Fahnen vorneweg, da schalteten die revolutionären Linken, die sich dem schwarzen Block zugehörig fühlen, ihren Musikwagen auf volle Lautstärke. Und ein Mann mit Mikrofon verkündete: Dass beim Teuchelweiher statt der 1. Mai-Feier nun ein zweites Oktoberfest stattfinde, zeige, wo in Winterthur die Prioritäten lägen. Und das an diesem «Kampftag der Arbeiterinnenklasse auf der ganzen Welt.»

Polizeipräsenz

Auch die Jusos hatten einen Lautsprecherwagen dabei, beliessen es aber grösstenteils bei musikalischer Begleitung: mal Rock, mal Rap und dann wieder das alte Kampflied «Bella ciao». Derweil skandierten die Radikalen ihre Parolen «Schulter an Schulter gegen Faschismus» und «Hoch – die – internationale – Solidariät». Hin und wieder zündeten sie eine grelle Fackel oder eine Rauchpetarde, die punkto Geruch nachhaltig wirkte. Dennoch: Die Kundgebung blieb friedlich, was die omnipräsente Stadtpolizei später in einer Mitteilung ausdrücklich bestätigte.

Der Umzug führte auch beim Bahnhof vorbei und über die Strasse zu den Archhöfen. «Hier stand früher mal das Volkshaus», sagte der Unia-Mann Mateusz Paulo, der den etwa 400-köpfigen Zug anführte, ins Megafon. «Das Volkshaus wurde abgerissen, aber wir sind noch da, und wir sind das Volk.» In der ersten Reihe hinter dem polnischen Megafonmann folgten neben anderen die beiden SP-Stadträtinnen Yvonne Beutler und Christa Meier.

Redemarathon

Die neue Stadträtin war es dann, die auf dem Neumarkt, das weitere Programm moderierte: Fünf Rednerinnen und ein Redner wechselten sich ab am Mikrofon, niemand von ihnen fasste sich besonders kurz, so dass es weit über eine Stunde dauerte, bis sich die Schar dem geselligen Teil bei Wurst und Wein widmen konnte.

Hier das Wichtigste dieses Redemarathons in Kurzform: Tamara Funiciello, die Juso-Präsidentin aus Bern, provozierte wie gewohnt vom ersten Satz an. «Ich bin nicht zufrieden mit dem Motto dieses 1. Mai: Nur Lohngleichheit zu fordern, das reicht nicht», sagte sie. Denn Realisten hätten die Welt noch nie verändert, Kämpferinnen hingegen schon, «und ich bin Kämpferin». Applaus. «Wir sind die Töchter der Hexen, die die Patriarchen damals nicht verbrannten», lautete ein anderer ihrer Sätze. Applaus.

Streikdrohung

Einen Vulkan nannte Paul Rechsteiner seine junge Parteikollegin und Vorrednerin. Der Gewerkschaftspräsident und SP-Ständerat aus St. Gallen gings gemächlicher an, geduldiger, blickte öfters auch zurück. Er begann beim Landesstreik vor hundert Jahren, streifte den Rechtsrutsch bei den letzten nationalen Wahlen, griff dann den SBB-Chef Andreas Meyer wegen seinem Gehalt und seinen Abbauplänen an und warnte ihn: «Dass das SBB-Personal seit 1918 nie mehr gestreikt hat, heisst nicht, dass es weiter und immer so bleibt.» VPOD-Präsidentin Katharina Prelicz-Huber war die nächste am Rednerinnenpult. Sie warb für einen starken Service public: Solche Dienstleistungen, wozu auch das Trinkwasser gehöre, seien ein Grundpfeiler der Demokratie.

Den Abschluss machten eine Schülerin sowie zwei kurdische Rednerinnen, darunter die neue SP-Gemeinderätin Elif Kaylan. Sie erinnerte daran: In der Türkei seien 1.Mai-Feiern eingeschränkt oder sogar ganz verboten. ()

Erstellt: 01.05.2018, 15:44 Uhr

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