Winterthur

«Säkularisierung und Menschenrechte müssen von Muslimen akzeptiert werden»

Sie hat eine klare Meinung, was Europa, die Schweiz und die muslimischen Migranten betrifft: die Politologin Elham Manea. Am Mittwoch sprach sie in Winterthur.

Die Politologin Elham Manea war zu Gast am Gesundheitsapéro im Kirchgemeindehaus Liebestrasse.

Die Politologin Elham Manea war zu Gast am Gesundheitsapéro im Kirchgemeindehaus Liebestrasse. Bild: Johanna Bossart

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Es ist eine folgenschwere Begriffsverschiebung: Die Politologin und jemenitische und schweizerische Doppelbürgerin Elham Manea verlangt von muslimischen Mi­­g­ran­­ten keine Integration, sondern eine Assimilation, also eine Angleichung. Muslime, die in Europa leben wollen, müssen den Grundkonsens der Säkularisierung und der Menschenrechte akzeptieren, lautet ihre Forderung. Denn diese europäischen Errungenschaften seien unverhandelbar.Am Mittwochabend sprach Manea auf Einladung der Ärztegesellschaft Winterthur-Andelfingen am Gesundheitsapéro im Kongresshaus Liebestrasse. Und sie ersetzte dort auch einen zweiten verbreiteten Begriff durch einen neuen: Muslime müssten in der Gesellschaft nicht toleriert, sondern akzeptiert werden.

Voraussetzung dafür sei, dass Minderheiten nach dem Gleichheitsprinzip behandelt, also Ausländer nicht als unterlegen betrachtet würden. Reine Toleranz berge die Gefahr, dass man über Dinge hinwegsehe, die man normalerweise nicht billige. «Akzeptanz aber bedeutet, dass Unterschiede der Hautfarbe, des Geschlechts, der Religion und so weiter unbedeutend sind.»

Kopftuchverbot für Kinder

Nach einer akademischen Herleitung befasste sich die Privatdozentin und Menschenrechtsaktivistin in ihrem Vortrag ganz konkret mit aktuellen politischen Fragen. Das Kopftuch, sagte sie, sei ein Symbol des politischen ­Islam. Gleichzeitig gebe es aber auch Frauen, die es freiwillig und aus Überzeugung tragen wollten. Maneas Ausweg aus diesem Dilemma ist ein Kopftuchverbot für Kinder. Wenn sie aber mündig seien, mit 18 Jahren, sei die Entscheidung den jungen Frauen zu überlassen. Frauen in öffentlichen Funktionen wiederum sollten im Dienst nie ein Kopftuch tragen, sagte Manea. Denn damit verletzten sie die Neutralität, die ihre Funktion verlange.

In Übereinstimmung mit den Gerichten lehnt Manea einen Dispens vom Schwimmunterricht aus religiösen Gründen ab. Erst vor zwei Wochen hatte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte ein Urteil des Bundesgerichts bestätigt, wonach ein muslimisches Mädchen aus Basel dem Schwimmunterricht nicht fernbleiben dürfe. «Hier gelangen zwei Arten von Recht in Konflikt», sagte Manea. Das Recht der ­Eltern, ihre Kinder zu erziehen, und das Recht des Mädchens auf eine Ausbildung, welche die Geschlechter gleichstellt. Das Recht des Kindes sei als Menschenrecht höher zu gewichten als der Anspruch der Eltern – unabhängig von der Religion. Von Dispens­begehren seien auch Mädchen von orthodoxen Juden oder konservativen Christen betroffen.

Die Bürgeridentität fördern

Der Vortrag löste im Publikum eine engagierte Diskussion aus. Nationalrätin Maja Ingold (EVP) zum Beispiel, die sich nebst drei Stadtratsmitgliedern unter den Gästen fand, wollte wissen, was die Schweizer Bevölkerung denn tun könne, um den Einwanderern die Assimilation zu ermöglichen.

Manea schilderte dazu ein Beispiel aus Belgien. In Brüssel habe man nach den Terroranschlägen vom 22. März 2016 die Politik des «Aktiven Pluralismus» durch eine Politik der «Aktiven Bürgerschaft» ersetzt: Man reduziere Kinder in der Schule nicht mehr auf ihre religiöse Identität. Statt über Burkas rede man über Ideologien, und man schaffe Klarheit in Bezug auf die Geschlechter­dimensionen in den Religionen, auch «um Mädchen zu schützen».

Weiter sprach sich Manea dafür aus, dass die Schweiz hier tätige Imame ausbilde. Dafür brauche es eine Finanzierung. «Wir müssen verhindern, dass Imame und Moscheen mit Geld aus dem Ausland finanziert werden», warnte sie. Heute seien viele Muslime gegenüber den muslimischen Institutionen skeptisch. Sosehr es ihr missfalle, das sagen zu müssen: «Mein Vertrauen in muslimische Gemeinschaften ist mangelhaft.»

Für ein Verbot von «Lies!»

Zur Assimilationspflicht gehört für Manea auch das Erlernen der Sprache. «Deutsch lernen muss eine Pflicht sein», sagte sie. Gewisse Männer würden ihren Frauen sonst verbieten, die Sprache zu lernen. Ein Arzt aus dem Publikum hatte zuvor seine Erfahrung geschildert, dass Migrantinnen oft in Begleitung ihrer Männer zur Sprechstunde erschienen, weil sie kein Deutsch sprächen. Ein Be­sucher wollte schliesslich wissen, wie die Referentin mit der Koranverteilaktion «Lies!» umgehen würde. Ihre Antwort: Sie würde den Verein nach deutschem Vorbild verbieten, wenn auch die rechtlichen Rahmenbedingungen in der Schweiz schwieriger seien.

Eindrücklich und voller persönlicher Erzählungen war ihre Prognose zum Schluss, wie sich Saudiarabien, der Iran und der Jemen von innen reformieren werden. Der Arabische Frühling, so viele Probleme er auch gebracht habe, werde nicht ohne Folgen bleiben, sagte Manea. «Wir werden die Früchte sehen, nicht heute, aber vielleicht in50 Jahren.» (Der Landbote)

Erstellt: 26.01.2017, 20:30 Uhr

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