Stadtleben

Salseros im Schlummer-Schlaf

In Winterthur leben rund 1700 Menschen, die in einem lateinamerikanischen Land geboren wurden. Sie tun dies «bien tranquilo», eine sichtbare Szene gibt es kaum mehr. Das war vor wenigen Jahren noch anders. Eine Spurensuche.

Brazil-Vibes mit Ukulele: Am diesjährigen Albanifest zog es Latinos und Schweizer an den Stand der Caramba-Bar, aber auch hier nicht in Scharen.

Brazil-Vibes mit Ukulele: Am diesjährigen Albanifest zog es Latinos und Schweizer an den Stand der Caramba-Bar, aber auch hier nicht in Scharen. Bild: Till Hirsekorn

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Bis vor fünf Jahren lagen Kolumbien und Brasilien im Winterthurer Nachtleben noch in Gehdistanz auseinander. Man startete Bermuda-Dreick an der Archstrasse im Salsa-Club Eighty-Four (später Sabor Latino) und konnte sich in Richtung Banana-City treiben lassen, zur Caramba-Bar. Dort spielte jeweils die Hausband Banda Brasil auf: klein, heiss, laut und gepackt voll mit Latinas und Latinos war es dort, vor allem natürlich mit Brasilianern. Samba! Doch es ist ruhig geworden, um die lokale Latino-Szene, so scheint es zumindest. Dabei, das zeigen die Zahlen, ist sie in den letzten Jahren mitgewachsen mit dem Rest der Stadt.

Samstagabend vor wenigen Wochen, 1.34 Uhr im Sabor Latino: Drei Gäste nippen an der schick ausgeleuchteten Bar an einem Drink, vor einer leeren Tanzfläche. Charme hätte der Club unbestritten, und er sei auch schon gut gefüllt gewesen, mit über 200 Leuten, sagt dessen Besitzer Franz Rudolf: «Aber es läuft trotzdem nicht, wie es sollte». Vor zwei Jahren hat er das Sabor auf dem Maag-Areal in der Grüze neu eröffnet, leider ohne dass die Stammgäste mitgezogen wären. «Vielleicht wegen der Lage? Vielleicht haben die lokalen Latinos den Wechsel nach acht Monaten Pause nicht mitbekommen?»

Im Sabor Latino stellt Franz Rudolf wohl das Programm um.

Rudolf wirkt leicht geknickt und etwas ratlos. Er hat viel in das neue Lokal investiert und sieht auch andere mögliche Gründe für die Flaute. Die früheren Stammgäste des Eigthy-Four seien inzwischen älter und Eltern geworden, deren Kinder, die zweite Generation, seien nicht mehr gleich «latino», keine Salsa-, Merengue- Batchata-Aficionados. Komme hinzu, dass damals, vor zehn bis fünfzehn Jahren, noch viele Gäste aus der Ostschweiz das Sabor gefüllt hatten. Doch inzwischen steigen auch in Schaffhausen Salsa-Partys.

Tranquilo statt Samba

Grösster Latino-Magnet ist unbestritten Zürich. «Dort kämpfen die Tanzschulen um die Schüler und organisieren eigene Party-Reihen», sagt Rudolf. Er selbst hält sich mit seiner eigenen Salsa-Tanzschule über Wasser, sieht sich nun aber gezwungen, das Party-Programm umzustellen, um neues Publikum anzulocken, mit Ü30- und Reggaeton-Partys allenfalls.

Die mit Abstand grösste lokale Latino-Gruppe, die Brasilianer, würde das Sabor mit Reggaeton jedenfalls nicht abholen, da ist sich Thomas Schmid vom Verein Coco Brazil sicher: «Die fangen an zu pfeifen, wenn ein DJ Reggaeton auflegt.» Schmid führt das weiter, was von der Caramba-Bar an der Schaffhauserstrasse übrigblieb: Eine Event-Bar, die mit Live-Konzerten von Festival zu Festival zieht.

Am Albanifest hat sie einen festen Platz an der Ecke Tösstalstrasse/Neustadtgasse. Dort schwang am ersten Abend zwar eine Gruppe Brasilianer die Hüften, von einer Winterthurer-Szene wusste aber keiner etwas. Den Imperial-Club an der Technikumstrasse beim Hauptbahnhof kannte man knapp vom Hörensagen. Dieser wirbt inzwischen mit «Shisha&Softgetränk, 20 Franken» für sich. Gemischt sei das Programm heute, meint der ehemalige Geschäftsführer.

Caramba-Caipis am Caliente

Das neue Caramba-Konzept scheint zu funktionieren. «Am Caliente in Zürich sind wir inzwischen die zweitgrösste Bar mit Live-Musik», sagt Schmid. Ende 2014 schloss die Caramba-Bar. Als der Mietvertrag auslief, stemmte sich die Liegenschaftsbesitzerin Siska-Heuberger AG gegen einen Weiterbetrieb der Bar: Zu viel Lärm und Abfall störten die Ruhe im Wohnquartier gegenüber. Laut und fröhlich wurde es früher auch auf dem Reitplatz, wo die Caramba-Crew die «Festa na Floresta» organisierte, das sommerliche Latino-Waldfest mit bis zu 2000 Besuchern.

Und wo treffen sich die schätzungsweise 400 Winti-Brasileiros heute? «Ich habe keine Ahnung», sagt Arlete Baumann, die Präsidentin vom brasilianischen Verein für Bildung und Kultur Abec. «Meist leben sie in binationalen Ehen und sind meiner Meinung nach gut ins Stadtleben integriert.» Ein Vereinslokal hat Abec nicht. An drei bis vier Anlässen pro Jahr trifft man sich an einem Bossa-Nova-Konzert, einer Lesung oder zu klassischer brasilianischer Musik im Stadthaus. Hauptaktivität bleibt aber der Brasilianisch-Portugiesisch-Unterricht, einmal pro Woche im Schulhaus Gutschick.

Und doch: Gewisse Gerüche und Gerüchte scheinen sich in der Brasil-Community rasch herumzusprechen. «Seit ich mit meinem Tapi-Stand hier stehe, habe ich die ersten Brasilianer von hier kennengelernt», sagt Pamela de Simone, die von São Paulo nach Winterthur gezogen ist. Ihren Mann, der dort für die Rieter unterwegs war, hat sie geschäftlich kennengelernt. Jetzt ist sie seit neun Jahren hier. «Ich habe mich sofort in die Schweiz verliebt.» Den Job am Flughafen Zürich hat sie vor kurzem aufgegeben, um hier eine brasilianische Spezialität bekannter zu machen, Tapioca: Teigtaschen aus Maniokwurzel-Mehl, mit salzig oder süsser Füllung, ähnlich wie Piadina, aber knuspriger.

Pamela de Simone lockt mit ihrem «Taipi-Stand» Brasileiros an.

Aus dem Café Cappuchino schallt Latino-Pop leise auf die Obergasse. Jaqueline Bittig, gebürtige Chilenin, summt den Refrain mit und stellt ihrer Freundin Anita Perez, gebürtiger Venezuelanerin, einen Cappuchino hin, auf dem ein Berg aus Milchschaum wackelt. Niemand hat die lokale Latina-Szene zuletzt so gut vernetzt wie die beiden. 2006 haben sie den Verein Asolatino Winti gegründet. Warum? «Ganz einfach: Wir wollten Spanisch sprechen, ein bisschen plaudern, und zwar in unserer Muttersprache», sagt Perez.

Plaudern en Español

Den Stamm von Asolatino bildeten sechs Frauen. Die meisten kamen aus gemischten Ehen: Schweizer Mann, Latina Frau. Sie schrieben Freunde und Bekannte an, so dass der Verein innert zwei Jahren auf rund 40 Mitgliederinnen wuchs, bunt gemischt, mit Frauen von Patagonien bis Kuba: aus Peru, Venezuela, Argentinien, Mexiko und Kolumbien. Im Nord-Süd-Haus an der Steinberggasse traf man sich zu Film- und Kochabenden, oder organisierte Workshops und Feste in Waldhütten in Stadt und Region.

Anita Perez und Jacky Bittig treffen sich am liebsten im Café Cappuchino.

«Eine Zeit lang waren wir sehr aktiv und bald auch so etwas wie eine Anlaufstelle für Latinas, die neu in der Stadt waren», erzählt Perez. Einmal sei eine junge Ecuadorianerin, die wenige Tage zuvor mit ihrem Mann hergezogen war, an einem Filmeabend aufgetaucht, unangekündigt und riesigem kugelrundem Bauch. «Sie war hochschwanger und wir, alle aufgeregt, wollten irgendwie helfen!» Am Ende des Abends hatte die Frau die Kontakte eines spanisch sprechenden Arztes, einer Hebamme und eines Anwaltes.

Impuls der neuen Latino-Generation

Einen Bruch gab es bei Asolatino nicht, der Verein driftete eher langsam auseinander. «Es kamen immer weniger Leute an die Filmabende, bis es sich irgendwann nicht mehr lohnte», sagt Perez. 2018 lösten sie Asolatino Winti schliesslich auf. Gefragt nach den Gründen für die gesunkene Nachfrage, kommen die zwei zum gleichen Schluss wie Arlete Baumann vom brasilianischen Kulturverein: Die Latinos sind im Stadtleben aufgegangen, die Jungen und die Secondos sowieso. «Untereinander sprechen sie nicht einmal mehr spanisch, leider! Erst, wenn die chilenische Fussball-Nati spielt, werden meine Kinder wieder kurz zu Patrioten», sagt Bittig und lacht.

Perez, die heute als Künstlerin Gemälde malt, produzierte und moderierte mit einer Kollegin bei Radio Stadtfilter zuletzt noch die Sendung «Así somos». Doch dafür fehlt inzwischen die Zeit. Sie sieht die Dynamik der lokalen Szene wellenförmig. «Nun braucht es den Impuls einer neuen Latino-Generation.»

Die ältere Generation trifft sich heute im Cappuchino. «Ah, da kommt auch schon Daniel», sagt Perez und winkt einem Argentinier mit grauem Vollbart, ebenfalls längst Winterthurer.

Erstellt: 14.07.2019, 17:37 Uhr

Brasilianer dominieren

Gemäss der Fachstelle Statistik leben derzeit etwa 1700 Menschen in Winterthur, die in einem lateinamerikanischen Land geboren wurden. Knapp zwei Drittel davon haben einen Schweizer Pass. Der Anteil an der Gesamtbevölkerung ist in den letzten zehn Jahren konstant geblieben, bei 1,5 Prozent. Mit rund 41 Prozent bilden die Brasilianer klar die grösste Latino-Gruppe, vor den Dominikanern (16 Prozent), Kolumbianern, Mexikanern und Peruanern (je 6) – die gleiche Reihenfolge wie in der Stadt Zürich. Dort ist die Community schätzungsweise sieben mal grösser. Wahre Exoten sind in Winterthur die Uruguayer, Panamaer und Honduraner, mit jeweils 1, 2 und 3 Vertretern. (hit)

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