Winterthur

Sanieren mit Holzammer

Der Autozulieferer Autoneum bekommt seine Produktionsprobleme in den USA nicht in den Griff. Das kostet CEO Martin Hirzel nun den Job. Es übernimmt der frühere Europachef Matthias Holzammer.

Autoneum zog Konsequenzen aus Problemen in Nordamerika.

Autoneum zog Konsequenzen aus Problemen in Nordamerika.

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2014 kürte die Handelszeitung den damals 44-jährigen Martin Hirzel zum «Schweizer CEO des Jahres». Der smarte, klein gewachsene Brillenträger war nie um einen Spruch verlegen. «Fassen Sie das Teil ruhig an. Da sind vielleicht Ihre alten Jeans drin», sagte Hirzel den Journalisten bei der Präsentation eines neuen Werkstoffs aus Recycling-Fasern. Der grösste Autozulieferer der Schweiz verdient sein Geld mit Lärmdämmung und Hitzeschilden. Hirzel war sein Gesicht – bis gestern.

Hirzel hatte das Winterthurer Unternehmen 2011 vom Mutterkonzern Rieter abgespalten und auf Wachstum getrimmt. Er strich unrentable Produkte wie Hutablagen und Kofferraumverkleidungen aus dem Sortiment und investierte in die Entwicklung neuer, leichter Werkstoffe, bevorzugt aus Recycling-Materialien wie geschrederten PET-Flaschen. Autoneum wurde vom Sorgenkind zum Börsenliebling.

Das ist vorbei. Innert anderthalb Jahren ist der Aktienkurs von über 300 Franken auf zuletzt unter 100 Franken gefallen. Was ist passiert? Autoneum hat weltweit 55 Produktionsstandorte. Zwei machen Probleme: die 2018 eröffneten Fabriken in den USA, wo Teile für Premium-Fahrzeuge von BMW, Daimler und Volvo gefertigt werden.

Es fehlt fähiges Personal

«Wir haben letztes Jahr begonnen, neue Komponenten für neue Kunden in neuen Werken zu fertigen», erklärt Firmensprecherin Anahid Rickmann. «Die damit verbundenen Herausforderungen haben unsere amerikanischen Kollegen unterschätzt.» Es fehlte an fähigem Personal für die Bedienung der Hightech-Maschinen. Bei jedem Lieferverzug drohten teure Konventionalstrafen. 33 Millionen Verlust schrieb die Nordamerika-Division im ersten Halbjahr 2019 und riss das gesamte Firmen-Ergebnis in die roten Zahlen.

«Der Druck war sicherlich enorm. Hirzel hat die Verantwortung übernommen.»Yves Becker 
Analyst der ZKB.

Das hatte Konsequenzen. Der Nordamerika-Chef musste schon Ende 2018 den Hut nehmen. Autoneum halbierte die Dividende von 6.50 auf 3.60 Franken, was die Aktionäre weiter verschreckte. Auch Hirzel kürzte sein Gehalt symbolisch um eine halbe Million, auf 1,2 Millionen Franken. Die gestrige Gewinnwarnung war nun eine schlechte Nachricht zu viel. «Der Druck war sicherlich enorm. Hirzel hat die Verantwortung übernommen», sagt Yves Becker, Analyst der ZKB. Eine Logik wie im modernen Fussball: Wenn der Verein zu oft verliert, muss der Trainer gehen.

Ein Machtwort von Spuhler?

Dass Hirzel sich freiwillig zurückzog ist eine Lesart. Andere spekulieren, dass den zwei Grossaktionären im Verwaltungsrat der Geduldsfaden gerissen ist. Der Industrielle Michael Pieper und Stadler Rail-Präsident Peter Spuhler, beide auch Grossaktionäre von Rieter, besitzen zusammen 39 Prozent der Autoneum-Aktien.

Sie waren die Hauptbetroffenen des Kurssturzes. Dieses Duo war es freilich auch gewesen, das Hirzel in seinen Anfangsjahren den Rücken frei hielt. Als Autoneum strauchelte und als Übernahmekandidatin galt, hielten sie ihm die Treue.

Hirzels Nachfolger wird per sofort Matthias Holzammer. Der 54-jährige Wirtschaftsingenieur führte ab 2012 die Europa-Sparte von Autoneum und verwandelte sie vom Sanierungsfall in eine der stärksten Regionen. Anfang Jahr schied er aus, weil er «eine neue berufliche Herausforderung» suche. Die hat er, nach kurzer Pause, gefunden – als CEO seiner alten Firma.

Die Herausforderungen, die ihn erwarten, sind gross: Der Automarkt als Ganzes ist seit 2018 stark rückläufig. Bei den Konsumenten drücken Rezessionsängste auf die Kaufstimmung, die Hersteller sind verunsichert durch die Handelsstreitigkeiten. Wie Autoneum schreibt, müsse ein «starker Fokus» von Holzammers Arbeit auf Effizienzsteigerung, Sparprogrammen und einem «strikten Kostenmanagement» liegen.

Kaufen oder meiden?

Die Autoneum-Aktie verlor gestern fast 12 Prozent. Soll man sie meiden? Die ZKB rät zur Vorsicht, solange die Probleme in den USA nicht gelöst seien. Die Analysten von «Finanz und Wirtschaft» sind optimistischer. Die Kursschwäche erscheine «übertrieben», für ein Unternehmen das, trotz allem, schneller wachse als die globale Autoproduktion.

Erstellt: 08.10.2019, 18:27 Uhr

Der Neue: Matthias Holzammer.

Tritt ab: Martin Hirzel.

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