Winterthur

Schlange stehen für ein letztes Schnäppchen

Nach über 90 Jahren in Winterthur musste das Fotogeschäft Glattfelder im letzten November schliessen. Gestern nun wurde das Inventar verkauft. Das Interesse war riesig.

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«Was mached die da?», fragt ein Junge ungläubig, der an der Hand seiner Mutter die Marktgasse hinunterspaziert. Für die beiden gibts auf der Gasse fast kein Durchkommen. Eine Menschenschlange vor dem ehemaligen Fotogeschäft Glattfelder blockiert den Weg. Sie alle warten schon um 13.45 Uhr darauf, dass sich die Tür des Geschäfts um 14 Uhr noch einmal öffnet – für den Ausverkauf.

Durchgeführt wird dieser von Foto Hunziker aus Schaffhausen. Er hatte vergangene Woche vom Notariat den Zuschlag für das Glattfelder-Inventar bekommen und bietet es nun an drei Nachmittagen zum Verkauf an. Inhaber Peter Hunziker öffnet kurz vor 14 Uhr ein Fenster im oberen Stock und fotografiert die wartende Menge.

Dann ist es vorbei mit der Ruhe, die Tür geht auf. Keine 20 Sekunden später ist das Geschäft so gefüllt, dass man sich ans Albanifest versetzt fühlt. Sofort stehen erste Kunden an der Kasse, die ihr Schnäppchen schon ergattert haben. Ein junger Mann hat sich ein rotes Spielauto geschnappt, auf das Kinder im Fotostudio jeweils gesetzt wurden. 90 Franken hat er sich das Stück kosten lassen.

Kamera, Sofa, Barhocker

Im Laden finden sich Kameras, neu und als Occasion, Objektive, Filter sowie diverses Zubehör. Da gibts etwa eine Go Pro für rund 350 Franken, aber auch eine ganze Ausrüstung für rund 4000 Franken oder eine Polaroidkamera für 40.

«Noch nie hatte ich mit einem Facebook-Post so viel Beachtung wie mit der Ankündigung des Verkaufs.»Peter Hunziker
Inhaber Foto Hunziker,
zuständig für den Ausverkauf

Auch die Einrichtung wird verkauft, Ledersofa 500 Franken, Barhocker 5 Franken, Kaffeemaschine 20. Peter Hunziker und seine Mitarbeiterin Cathy Frick kommen ins Rotieren. Jeder will etwas von ihnen, die Schlange vor der Kasse führt durch den ganzen Laden.

Die Kaufwilligen beginnen sich gegenseitig zu beraten. «Ich ha ghört, Si chömed drus. Wele Film mueni für die Kamera nä?», fragt eine Kundin einen anderen. Er rät ihr ganz vom Kauf ab. Im Internet finde sie die Filme günstiger. Und schon hat der Nächste eine Frage.

Viele finden ein Schnäppchen, doch nicht alle. «Ich bin etwas enttäuscht, ich habe mir etwas mehr Auswahl bei den einzelnen Marken erhofft», sagt ein Pensionär. Gekommen sei er, weil er aktiv fotografiere. Ein paar Kleinigkeiten habe er letztlich doch gefunden.

Eine andere Kundin hat ein Gestell und Fotorahmen ergattert. Sie ist zufrieden, obwohl sie eigentlich eine Digitalkamera gesucht hatte. Als sie vom Ausverkauf gehört habe, sei klar gewesen, dass sie vorbeischauen wollte. «Ich wohne in der Nähe und war oft im Glattfelder.»

Nette Worte für Mitarbeiter

Auch ehemalige Mitarbeitende von Foto Glattfelder schauen kurz rein. Viele Kunden kennen und grüssen sie. Selber kaufen die früheren Angestellten nichts. Zu teuer, finden sie.

Es dauert eine gute Stunde, bis die Schlange kürzer wird. Zeit für Peter Hunziker, sich einen ersten Überblick zu verschaffen. «Vieles ist schon weg, auch teure Sachen», stellt er zufrieden fest. Er habe mit einem grossen Ansturm gerechnet, sagt er. «Unsere Ankündigung auf Facebook wurde enorm geteilt. Noch nie hatte ich mit einem Post so viel Beachtung.»

Obwohl Glattfelder und andere Läden der Foto-Pro-Gruppe schliessen mussten, glaubt Hunziker an eine Zukunft für Fotogeschäfte. «Ich habe seit vierzig Jahren ein Geschäft in Schaffhausen, und wir mussten uns alle fünf Jahre neu erfinden. Wichtig ist, dass man mit der Zeit geht.» Hunziker plant deshalb, in Winterthur die Lücke zu füllen, die Glattfelder hinterlässt.

Schon Anfang Mai wird er in den Archhöfen ein kleineres Geschäft namens Photo Now eröffnen, das in erster Linie Dienstleistungen bietet, etwa im Bereich Studiofotografie. Was im Moment noch fehle, sei das Personal. «Ich hoffte, jemanden von Glattfelder übernehmen zu können, doch es scheint, als ob alle die Branche gewechselt hätten.»

Weitere Verkaufsdaten: 23.März, 12.30 bis 17 Uhr und 28. März,14 bis 18.30 Uhr.

Erstellt: 21.03.2019, 21:35 Uhr

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