ZHAW

«Schlechte Architektur ödet einen an und verschandelt Stadt und Landschaft»

Seit Februar leitet eine Frau das Architektur-Departement der ZHAW. Oya Atalay Franck ist in der Türkei geboren, hat in Ankara und in Troy (USA) studiert und an der ETH Zürich promoviert.

Die gebürtige Türkin Oya Atalay Franck (48) leitet seit Februar 2017 das ZHAW-Departement Architektur, Gestaltung und Bauingenieurwesen. Zuvor war sie während sieben JahrenLeiterin des Studiengangs Architektur. Sie hat in der Türkei und den USA studiert und an der ETH doktoriert.

Die gebürtige Türkin Oya Atalay Franck (48) leitet seit Februar 2017 das ZHAW-Departement Architektur, Gestaltung und Bauingenieurwesen. Zuvor war sie während sieben JahrenLeiterin des Studiengangs Architektur. Sie hat in der Türkei und den USA studiert und an der ETH doktoriert. Bild: Madeleine Schoder

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Wer Oya Atalay Franck treffen will, braucht Geduld. Der Terminkalender der seit Februar obersten Architektin der ZHAW ist rappelvoll. Mehrere Wochen vergehen nach der Interview-Anfrage, bis sie den «Landboten» empfängt. Ihr Büro befindet sich in der Architekturhalle (Halle 180) auf dem Lagerplatzareal, inmitten einer Hochschulumgebung mit Industriechic.

Atalay Franck trägt einen dunkelgrauen Zweiteiler und hat einen schmalen, gemusterten Schal lose um den Hals gelegt. Sie wirkt zurückhaltend, ja fast ein wenig scheu – bis sie über ihre Arbeit spricht.

Zuerst die Ästhetik: Nennen Sie uns drei Ihrer Lieblingsbauten!
Oya Atalay Franck: Eines der schönsten Architekturstücke, die ich benennen kann, ist die Bibliothek Exeter in New Hampshire von Louis Kahn. In Kontinentaleuropa gefällt mir eine Markthalle in Gent besonders gut – ein eigenartiges Gebäude, das nur aus einem Dach besteht, mit einem öffentlichen Raum darunter. In der Schweiz beeindrucken mich die Bauten von Gion Caminada, sowohl vom Räumlich-Gestalterischen als auch vom Handwerklichen her.

Ein eigener Bau ist nicht unter Ihren Favoriten?
Nein. Ich war selbst nur kurz in der Praxis tätig und habe mich sehr früh auf die wissenschaftliche Forschung und die Lehre auf Hochschulebene konzentriert.

Sie sind gebürtige Türkin. Inwiefern beeinflusst Ihre Herkunft Ihren Blick auf die Architektur?
Wesentlich für mich war und ist heute noch, dass ich in verschiedenen Kulturkreisen gelebt und gearbeitet habe: in der Türkei, in den USA, in der Schweiz. Ich bin auch oft unterwegs in anderen Ländern und stehe im Austausch mit Kollegen von Hochschulen in ganz Europa.

«Selber war ich nur kurz in der Praxis tätig und habe mich früh auf Forschung und Lehre konzentriert.»

Sie leben mittlerweile seit 24 Jahren in der Schweiz. Was schätzen Sie an der hiesigen Architekturszene?
Hier hat man Respekt vor der Baukultur, und man schätzt die Qualität. In vielen anderen Ländern ist das nicht so. Die Berufe haben hier noch einen ganz klaren Stellenwert. Als Architekt oder Bauingenieur ist man nicht einfach nur ein Dienstleister.

Wo sehen Sie in der dicht bebauten Schweiz die grössten Probleme?
Zum Beispiel darin, dass der knapp verfügbare Raum die Spekulation fördert. Ein Problem sind zudem die teils überbordenden Reglementierungen und Normen. Auch die Vielfalt der Schweiz kann – so paradox das klingt – ein Nachteil sein. Oft ist es schwierig, kantonale und kommunale Ansprüche unter einen Hut zu bringen.

Gute Architektur kann das Leben besser machen – einverstanden?
Absolut. Und schlechte Architektur ödet einen an und verschandelt Stadt und Landschaft. Um solche Architektur zu verhindern, muss man auf unterschiedlichen Ebenen in einen Dialog treten und eine innere Haltung entwickeln.

«Ein Problem in der Schweiz sind die überbordenden Reglementierungen und Normen.»

Junge Architekten müssen sich oft erst einmal jahrelang verdient machen, bevor sie ihre eigenen Ideen umsetzen können. Ist das nicht eine Innovationsbremse?
Da muss man differenzieren, die Bürokulturen sind ganz unterschiedlich. Es gibt sehr renommierte Büros, wo man weiss, dass man als Neuling zuerst einmal Handlanger ist; dort nimmt man das aber in Kauf. Dann gibt es andere Büros, die auch jungen Architekten ermöglichen, sich einzubringen. Am Ende ist es eine persönliche Entscheidung, wo man nach dem Studium hingeht. Aber wenn man in einem Büro nur Handlanger ist, dann muss man den Mut haben und sagen: Nein, so nicht.

Inwiefern ist man als Architekt ein Künstler?
Diese Frage begleitet die Architektur seit langem. Wichtig ist, dass man als Architekt nicht denkt, man dürfe sich jegliche Freiheit nehmen, nur weil man Visionen und Ideen von der Zukunft hat. Aber als junge Person, die in den Beruf einsteigt, hat man natürlich Aspirationen und Hoffnungen. Jungen Architektinnen und Architekten empfehle ich, gute Teams zu bilden und an Wettbewerben teilzunehmen.

Sie selbst haben sich nach dreizehn Jahren an der ETH für die ZHAW entschieden. Warum?
Die Fachhochschule war für mich Neuland und genau deshalb attraktiv. Zudem fühle ich mich den Traditionen des Baufaches verpflichtet – die Architekturausbildung in Winterthur hat eine 140-jährige Geschichte. Gleichzeitig auch etwas bewegen, gestalten zu können, finde ich beruflich extrem spannend. All dies kann ich hier an der ZHAW. Faszinierend für mich ist auch die Kombination von Architektur und Bauingenieurwesen «unter einem Dach» – das hat die ETH nicht.

«Wenn man in einem Büro nur Handlanger ist, dann muss man den Mut haben und sagen: Nein, so nicht.»


Was bewegen und gestalten Sie in denn gerade?
Das Departement A der ZHAW soll zum Beispiel in der Forschung noch stärker werden und dazu fokussiert mit der Bauwirtschaft zusammenarbeiten. Das hat dann im günstigen Fall eine doppelte Wirkung auf die Praxis wie auch auf die Lehre.

Architektur ist ein Stück weit auch eine Modedisziplin. Welche Stichworte prägen Ihren akademischen Alltag?
Ich sehe Architektur ganz klar nicht als Modedisziplin. Es geht hier um ein existentielles Thema: um den Lebensraum und seine räumliche Gestalt. Nachhaltige Entwicklung, gesellschaftliche Integration, Wachstum und Verdichtung, Urbanität – in all diesen Themen kommen in Zukunft grosse Investitionen auf die Schweiz zu. Da müssen wir als Schule natürlich à jour bleiben. Das reicht aber nicht. Es geht auch darum, Visionen zu entwickeln. Szenarien, in welche Richtungen die Entwicklung gehen soll. Dafür braucht es eine ständige Reflexion und Projektion.

Wie ist es als Frau in der Architektur, einer noch immer männerdorminierten Branche?
Ich habe mich weder als Person noch als Frau in der Architektur je benachteiligt gefühlt.

«Ich hoffe, dass Gleichberechtigung bald einfach selbstverständlich wird und sich die Frage der Frauenquote gar nicht mehr stellt.»

Was sagen die Zahlen?
An den Hochschulen variieren sie stark. An der ETH habe ich mich jahrelang dafür eingesetzt, dass mehr Frauen angestellt werden und studieren können. Dort gibt es immer wieder Jahrgänge mit 50 Prozent Frauen. Hier an der ZHAW haben wir zurzeit 30 Prozent Frauen in der Architektur. Im Bauingenieurwesen sind es nur rund 20 Prozent Frauen. Auf Kaderstufe sind wir in unserem Departement zur Hälfte Frauen, das ist wohl eine Ausnahme.

Wie gehen Sie in der Personalpolitik mit dem Geschlechterthema um?
Unsere Grundhaltung ist, offen zu sein. Auf den Frauenanteil möchte ich deshalb nicht kategorisch reagieren. Natürlich überlegt man sich, bei gleicher Qualifikation und Erfahrung eher die Frau zu wählen. Ich hoffe aber, dass Gleichberechtigung bald einfach selbstverständlich wird und sich die Frage der Frauenquote gar nicht mehr stellt.

Sie haben eine 17-jährige Tochter. Wie gut können Sie Familie und Beruf unter einen Hut bringen?
Am Anfang war das sehr anspruchsvoll. Mein Mann und ich waren beide immer berufstätig, ich habe neben der Arbeit geforscht. Wir mussten damals für einen Krippenplatz kämpfen.

«Architekten und Bauingenieure dürfen den Kopf in den Wolken haben, müssen aber mit den Füssen fest auf dem Boden stehen.»

Wie familienfreundlich ist dieser Beruf, in dem man manchmal auch eine Nacht oder ein Wochenende durcharbeitet?
Natürlich ist es anspruchsvoll und immer wieder auch ein Balanceakt, eine Tätigkeit auszuüben, die einem geistig und physisch sehr viel abverlangt. Das ist aber überall so, wo engagierte Arbeit gefordert ist und wo ein Beruf auch Berufung ist.

Was hat Sie selbst dazu bewogen, Architektin zu werden?
Architektur war für mich immer das Zusammenkommen von Künstlerisch-Gestalterischem und Handwerklich-Technischem, von Zeichnen und Modellieren, von Idee und physischer Umsetzung. Als Kind habe ich gerne gezeichnet, mein ältester Bruder war Stadtplaner. Als Kind durfte ich ihm während seines Studiums beim Zeichnen helfen, das hat mir extrem viel Spass gemacht und mich geprägt.

Für wen ist Architektin oder Architekt der richtige Beruf?
Architekten ebenso wie Bauingenieure schaffen Werke, die im besten Fall sowohl funktional als auch ästhetisch befriedigen, die beständig sind und die Umwelt für viele Jahrzehnte und manchmal sogar Jahrhunderte prägen. Das bringt eine ganz spezielle Genugtuung mit sich. Der Beruf selbst setzt verschiedene Qualitäten voraus: wache Sinne, Gestaltungstalent und räumliches Vorstellungsvermögen, aber auch Sozialkompetenz, Sachlichkeit und ökonomisches Verständnis. Architekten und Bauingenieure dürfen den Kopf in den Wolken haben, müssen aber mit den Füssen fest auf dem Boden stehen. (Der Landbote)

Erstellt: 19.05.2017, 12:13 Uhr

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