Klischee-Check

Schnauzbart trifft Stumpenraucher?

In einer neuen mehrteiligen Serie stellen sich zwei junge Reporter den eigenen Klischee-Vorstellungen. Einer gibt die Thesen vor, der andere macht den Realitäts-Check. Erster Test: Ein Abend mit den «Bähnlern» der Winterthurer Eisenbahn Amateure.

Werkeln an – und in einer eigenen Welt? Wer stellt die Weichen am Stamm der lokalen Eisenbähnler? Welche Klischees halten Stand?

Werkeln an – und in einer eigenen Welt? Wer stellt die Weichen am Stamm der lokalen Eisenbähnler? Welche Klischees halten Stand? Bild: Barbara Truninger

Es ist leichter, einen Atomkern zu spalten als ein Vorurteil. Zu diesem Schluss kam schon Albert Einstein. Das Schwingfest, das Tuning-Treffen, die Esoterik-Fachmesse – schon kreisen die Bilder von Gesichtern, Szenen und Dialogfetzen in unseren Köpfen, unweigerlich. Doch wer war selbst schon dabei und mitten drin? Und wenn doch, wer hat sich danach nicht oft genug über seine Vorurteile wundern oder ärgern müssen?

Die zwei jungen Reporter Tim Wirth und Nicolas Hermann machen abwechslungsweise den Selbsttest. Einer lehnt sich mit vier Prognosen auf dem Fenster , der andere macht vor Ort den Realitäts-Check. Besuch bei den Winterthurer Eisenbahn Amateuren, in ihrem Clublokal im Schulhaus Hegifeld.

Was sind ihre Erwartungen von den Winterthurer Modelleisenbähnlern? Machen Sie vor dem Weiterlesen den Landbote-Selbsttest:



Modelleisenbahn: Welche Vorurteile treffen zu?

Frage 1 von 6:

Hat es auch Frauen bei den Winterthurer Modelleisenbähnlern?

Nein, das ist Männersache.

Ja, aber nur sehr wenige.

Ja, bestimmt. Warum auch nicht?







Nicolas Prognosen


«Es wird eine reine Männer-Runde. Aber ein Grossvater nimmt seine zwei Enkel mit.»

«Die Hälfte aller Anwesenden trägt ein kurzärmliges Hemd und/oder einen Schnauz.»

«Tim wird so detailliert über Modelleisenbahnen informiert, dass er danach ein Buch schreiben könnte.»

«Nach dem Bauen wird beim Bier ein Stumpen angezündet und über die SBB gewettert.»



Tims Klischee-Check



Im Keller des Schulhaus Hegifeld surrt es – wie jeden Mittwoch, wenn sich die Winterthurer Eisenbahn Amateure treffen. Der Abfalleimer ist mit Pizzakartons gefüllt, neben einem Löteisen stehen Süssgetränke. Der Verein ist alt, sehr alt. 1946, nach dem Ende des zweiten Weltkrieges, ist er aus der Schweizerischen Lokomotive- und Maschinenfabrik hervorgegangen. Doch die Gruppe der fünfzehn Männer, die an diesem Abend Weichen umstellen und Modellwagen mit Leuchtdioden ausstatten, ist altersmässig bunt durchmischt. Oberstufenschüler mit trendigem Pulli, aber auch Pensionäre mit zugeknöpftem Hemd sind da.

«Früher kamen wirklich fast ausschliesslich ältere Eisenbahn-Freaks wie aus dem Bilderbuch»

Vereinspräsident Phillip Storrer.

Vereinspräsident ist der 33-jährige Phillip Storrer. Er trägt Businesshemd und eine klobige Sportleruhr. Mit 15 Jahren stiess er über eine Projektwoche in der Schule zu den Bähnlern. Heute ist auch sein Sohn Mitglied. Es habe sich viel getan in den vergangenen Jahren. «Früher kamen wirklich fast ausschliesslich ältere Eisenbahn-Freaks wie aus dem Bilderbuch», sagt Storrer. Doch das sei passé. Neben der Anlage hängt ein QR-Code, mit dem man sich direkt zum Facebook-Account scannen kann.

Erster Volltreffer

«Keine einzige Frau ist Mitglied im Verein», sagt Phillip Storrer. Modelleisenbahn-Vereine seien wirklich eine reine Männerdomäne. Warum? «Ich weiss es nicht. Wenn Frauen basteln, dann wohl eher Halsketten und Armreifen.» Er baue ja auch lieber Bahnhöfe, als dass er Freundschaftsbänder knüpfe.

«Wenn Frauen basteln, dann wohl eher Halsketten und Armreifen.»

Urs Zehnder ist einer von zwei Schnauzträgern. Der 57-jährige Arzt ist erst seit einem Jahr dabei. Er kniet unter dem Hügel der Anlage, wo ein Tunnel hindurchführt. Ein Kollege erklärt ihm die genaue Steuerung, damit es keine Crashs gibt. Der 21-jährige Marco Baumann ist Stromer. Er hat Lampen installiert, die von Nacht auf Tag wechseln. So erleuchtet ein SBB-Wagon schon einmal im schönen Morgenrot. Momentan tüftelt er an automatisierten Bahnübergängen. Sein Grossvater baute schon an dieser Modeleisenbahn, auch sein Götti ist im Verein.

Der 21-jährige Stromer Marco Baumann beim Tüfteln.

Vorsicht, Spanner-Storch!

Über die Modelleisenbahn im Schulhaus Hegifeld gibt es viel zu erzählen. Ja, man könnte durchaus ein Buch darüberschreiben. Doch nicht nur die Technik gibt zu reden. Auch in der Landschaft der Modelleisenbahn verstecken sich viele Geschichten. Ein VW-Bus mit deutschem Kennzeichen missachtet das Naturschutzgebiet. Im Bahnhofshaus Winterthur Töss hängen Bilder des Konstrukteurs, unter anderem von seiner Ex-Freundin. Und in einem aus Teppichborsten gefertigten Kornfeld spielt sich eine Sex-Szene ab. Ein Storch sieht dabei zu.

Die Modelleisenbahn ist liebevoll mit vielen Details ausgestattet. Ein Storch beobachtet die Szenerie im Kornfeld

«Die Älteren sagen dann häufig, dass früher alles besser war»

Mathias Nil begrast eine Wiese mit grünem Kunststoff, den er aus einem elektrostatisch geladenen Topf giesst. So kommen die Gräser zum Stehen, die Wiese sieht wie echt aus. Der 69-jährige Anlagenchef ist der einzige mit einem kurzärmligen Hemd, und auch der einzige, der sich zum Schluss ein Bier gönnt. Auf einem Zettel plant und koordiniert er die nächsten Bauetappen: «Schrebergärten verfeinern, Tannen und Föhren belauben».

Der einzige Raucher der Truppe ist an diesem Abend nicht da. Auch die SBB ist heute kein Thema. Es werde aber schon darüber geredet, besonders wenn es eine Riesen-Panne wie kürzlich in Luzern passiere. «Die Älteren sagen dann häufig, dass früher alles besser war», sagt Vereinspräsident Storrer.

Alt und Jung begeistert sich für die vorbeisurrenden Miniatur-Züge.

Das Surren verstummt, jemand sucht noch seinen Zug. Dann geben sich die Männer zum Abschied die Hand – je jünger, desto ausgefallener der Handshake.

Fazit: Die Modeleisenbahn-Frau gibt es in Winterthur tatsächlich nicht. Doch Oberlippenbartträger werkeln und tüfteln hier Hand in Hand mit Teenagern, und alle mit dem Auge fürs Detail. Routine trifft auf Übermut, ein spannendes Gemisch.

Impressionen der Winterthurer Eisenbahn Amateure. Quelle: WEA/youtube. (Der Landbote)

Erstellt: 21.04.2017, 14:44 Uhr

«Ich Schick di» (1/6)

In einer sechsteiligen Serie stellen die Reporter
Tim Wirth und Nicolas Hermann Klischees auf den Prüfstand. Wo der nächste Klischee-Check stattfindet, entscheiden die Leserinnen und Leser.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben