Altstadt

Poller gegen die Autos - auch in Winterthur?

Im «autofreien» Zentrum kurven viele ­Fahrzeuge herum. Nun wollen linke Politiker Sperren errichten, um Unberechtigte auszuschliessen. Das Gewerbe ­aber moniert: Poller sind schlecht fürs Geschäft.

Einfahrtsblockade beim Stadtturm in Baden: Wer die Poller absenken will, braucht einen Badge oder muss sich bei der Stadtpolizei melden.

Einfahrtsblockade beim Stadtturm in Baden: Wer die Poller absenken will, braucht einen Badge oder muss sich bei der Stadtpolizei melden. Bild: Johanna Bossart

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Das Problem ist bekannt: Die Winterthurer Altstadt, die grösste Fussgängerzone der Schweiz, ist auf dem Papier autofrei – doch die Realität sieht anders aus.Anwohner, Gewerbler, Lieferanten und Warenbezüger, Bauar­beiter, Behinderte, Taxifahrer und so fort geniessen freie Fahrt. SP­ Gemeinderätin Maria Sorgo, die selbst in der Altstadt wohnt, ortet das Problem in den unberechtigten Fahrten: «Ich sehe immer wieder, wie Neumarkt und Graben als Abkürzungen durch die Altstadt missbraucht werden.» Die Politikerin hat ein von SP, Grünen, AL und EVP unterstütztes Postulat eingereicht, das Durchfahrtssperren «an besonders ­sensiblen Punkten» verlangt. Beim Altstadtbewohnerverein unterstützt Co-Präsident Peter Urweider das Anliegen. Vor einigen Jahren ­votierte jedoch eine Mehrheit der Mitglieder gegen die Unterstützung einer ähnlich gelagerten Initiative. Mittler­weile könnten viele die Meinung ge­ändert haben, glaubt Urweider, denn das Problem habe sich verschärft: «Manche fahren in die Altstadt zum Einkaufen, wie wenn es kein Fahrverbot gäbe.»

Im Vergleich zu anderen Städten ist die Praxis in Winterthur ­liberal: Es gibt viele Berechtigte und die ­Zufahrten sind offen. Viel strenger sind in der Deutschschweiz nebst Basel und Bern beispielsweise Baden, Liestal und Olten (siehe auch Kasten). Dort gilt: Nur wer einen Badge hat, kann nach Belieben ins Zentrum fahren. Am Rand der Fussgängerzonen liessen die Behörden versenkbare Poller installieren, die nur berechtigten Autofahrern den Weg freigeben.

«Mit den Pollern ­verschwanden die Autos»

Die Bilanz der Poller ist positiv – das sagt jedenfalls René Zolliker vom Planungs- und Bauamt der Stadt Baden. Die bürgerlich dominierte Aargauer Stadt gilt als Pionierin: Anlässlich einer Platzneugestaltung entschied man vor rund zehn Jahren, die belebte Badstrasse zwischen der Altstadt und dem Bahnhof mit insgesamt zehn Pollern zu blockieren. «Das hat sich bestens bewährt», bilanziert Zolliker. «Vorher fuhren trotz Fahrverbot viele in die Fussgängerzone hinein, jetzt nicht mehr.» Das habe den Ort als Einkaufspassage aufgewertet. Die Unterhalts- und Reinigungskosten für die beheizten Poller werden mit 7000 bis 10 000 Franken jährlich angegeben.

Baden setzt bei der Verkehrsberuhigung in der Altstadt auf Poller. Bild: Johanna Bossart

Das Regime ist strikt. Etwa 100 Anwohner haben Badges erhalten, doch Taxifahrer beispielsweise müssen sich an einer Funksäule bei der Polizei melden, wenn sie einen Gast zum Hotel bringen wollen. Es gebe so viele Taxibetriebe, da habe man keine Pauschallizenzen ausgeben wollen, sagt Philipp Reimann von der Stadtpolizei Baden. Auch wer in einem der Geschäfte an der Badstrasse etwas mit dem Auto abholen will, muss klingeln.

Demnächst will man in Baden weitere Poller installieren. Nach dem Bau einer unterirdischen Busspur sollen 2018 auch Teile der Altstadt, von der Badstrasse aus gesehen auf der anderen Seite des Stadtturms, abgeriegelt werden. Dies soll insbesondere die grösste Altstadtgasse, die weite Gasse, für Fussgänger aufwerten.

Das Gewerbe in Winterthur ­befürchtet Umsatzeinbussen bei der Montage von Pollern. «Man will die Fahrer treffen, die un­berechtigt die Altstadt durch­queren», sagt Remo Cozzio von der Gewerbevereinigung Junge Altstadt, «trifft aber die, die hier einkaufen wollen». Zufahrten in die Altstadt sind erlaubt, wenn man zum Beispiel sperrige oder schwere Waren abholen möchte. Der Einkauf in der Altstadt dürfe nicht weiter erschwert werden, fordert Cozzio, ebenso wenig die Anlieferungen. Es bestehe kein Handlungsbedarf: «Es gibt nur wenige unberechtigte Fahrten. Ich weiss das, ich arbeite und wohne in der Altstadt.» Die Forderung nach Pollern sei Zwängerei der linken Politiker.

Gewerbe in Baden: Alles kein Problem

Angesichts dieser Kritik überrascht die Haltung des Aargauer Gewerbes: In Baden unterstützen die Laden­inhaber die Poller. «Es gibt nichts zu rüsseln», sagt Robert Sailer, Präsident des städtischen Gewerbeverbandes, knapp. Umsatzeinbussen? «Nein, nein.» Die Poller seien im Gewerbe allgemein akzeptiert, und man habe auch vor zehn Jahren deren Installation nicht bekämpft.

Die Winterthurer Politiker signalisieren derweil Kompromissbereitschaft. Man könnte die Poller ja zu bestimmten Zeiten absenken, schlägt Sorgo vor, zum Beispiel morgens für die Lieferanten und abends für die Warenbezüger. In der Stadt Basel ist eine Anlage in Betrieb, die Autofahrer von 5 bis 11 Uhr für den Warenumschlag passieren lässt.

Positionsbezug der Grünliberalen entscheidend

Das Parlament wird in den nächsten Monaten über das Postulat von SP-Gemeinderätin Sorgo befinden. Für die Überweisung würde es Stimmen aus der Mitte brauchen, denn die Mitunterzeichner aus den Reihen von SP, Grünen, AL und EVP stellen nur 26 Personen im 60-köpfigen Gremium. Die sieben Abgeordneten der Grün­liberalen unterschrieben das Papier nicht; Vorstandsmitglied Annetta Steiner schliesst eine Unterstützung jedoch nicht grundsätzlich aus. (Landbote)

Erstellt: 15.05.2017, 16:49 Uhr

Karte: Die Situation in Baden und in Winterthur. (Zum Vergrössern anklicken(

Übersicht: Städte mit Pollern

Fahrverbot durchgesetzt – mit einigen Kollisionen und Problemen

In mehreren Deutschschweizer Städten sind Poller in Betrieb. Eine ausgefeilte Technik wurde zuletzt in Basel getestet, am Spalenberg im oberen Teil der Altstadt. Einzelne der fünf Poller senken sich während der Güterumschlagszeiten automatisch; Induktionsschleifen im Boden erkennen die nahenden Autos. Ansonsten benötigt man für die Einfahrt einen Badge. Kürzlich bilanzierte Bauvorsteher Hans-Peter Wessels (SP), der unbefugte Verkehr habe abgenommen. Nun sollen im Zentrum viele weitere Säulen montiert werden.

In Bern bestehen bereits 17 Polleranlagen, mehrheitlich in den Quartieren; in der Altstadt sind drei Gassen abgeriegelt. Vor rund zehn Jahren zogen die ersten Poller wegen Steuerungsproblemen Kritik auf sich. Später mussten einige verbreitert und beleuchtet werden, nachdem Autofahrer sie gerammt hatten. «Heute ist eine andere, viel ­sicherere Technik in Betrieb», sagt der verantwortliche Bereichsleiter, Christian Beiner.

In Liestal verhindert ein Poller beim Stadttor («Törli») seit drei Jahren die Einfahrt in die Altstadt von Süden. Im Hauptort von ­Basel-Land sah man sich mit demselben Problem konfrontiert wie in den grossen Städten: Das geltende Fahrverbot wurde missachtet, so berichtet der Leiter des städtischen Sicherheits- und Sozialbereichs, René Frei. «Auch regelmässige Kontrollen konnten die Durchfahrten nicht stoppen.»

In Lenzburg sichern seit 2006 zwei Poller einen nur für Busse freigegebenen Platz. Mehrere Autofahrer kollidierten mit den Säulen; das Bezirksgericht wies Klagen wegen schlechter Signalisation ab. Nachdem auch Busse aufgefahren waren, wurde zeitweise diskutiert, ob zur Durchsetzung des Fahrverbots nicht Videokameras besser wären.

Auch in Olten riegeln Poller, seit vier Jahren, die Zufahrt in die Fussgängerzone am Rand der Altstadt ab; demnächst sollen weitere aufgestellt werden. Wie in Lenzburg verzeichnete man einzelne Kollisionen, zieht aber eine positive Gesamtbilanz. (gu)

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