Trinkwasser

Schwimmbeckenweise Wasser für Winterthur

Winterthur hat Durst und sucht Abkühlung. Die Wasserversorgung der Stadt liefert dazu ausgiebig vom kühlen Nass. Seit 145 Jahren zapft sie einen Grund­wasserstrom an, der edles Trinkwasser führt. Ein Besuch.

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Stefan Wassmer (49) bekommt neuerdings wiederholt ähnliche Anrufe: «Mein Nachbar bewässert ständig seinen Rasen. Darf der das?» — «Ja, der darf das», lautet Wassmers Antwort. «Ob das sinnvoll ist, steht auf einem anderen Blatt», sagt er. Wassmer ist Abteilungsleiter bei Stadtwerk Winterthur. Er ist für Anlagen und den Betrieb bei der Gas- und Wasserversorgung zuständig.

Heisses Wetter, kaltes Blau

Es ist 30 Grad warm, hier im Linsental, unterhalb der Kyburg. In der Töss ist das wenige Wasser aufgeheizt und grün vor Algen. Das Pumpwerk oberes Linsental bietet gerade passend eine herrliche Abkühlung. Hier gibt es einen Pumpschacht von 15 Metern Tiefe, darin kristallklar blauschimmerndes Wasser. Man möchte hineinspringen. «Die Wassertemperatur beträgt nur um die 10 Grad», sagt Wassmer. Abgesehen davon ist der Schacht mit bruchsicherem Glas überdeckt. Keinerlei Keime dürfen da hinein gelangen. Das Wasser kommt, so wie es aus dem Untergrund in den Schacht läuft, zu den durstigen Verbraucherinnen und Verbrauchern. Ganz unbehandelt.

Ganz selten gleiten Taucher in die Tiefe des Schachts. Sie prüfen dann mit Kanalkameras die rundum ausgreifenden Rohre, die das Wasser in den Schacht leiten. Die Rohre haben Filterschlitze. Diese könnten sich mit der Zeit verstopfen.

Von der Natur beschenkt

«Der Mineralgehalt des Winterthurer Leitungswasser entspricht einem handelsüblichen Mineralwasser», sagt Wasser. Er beträgt und 600 Milligramm pro Liter, darunter auch einiges an Kalk. Wassmer schenkt das Wasser direkt ab Hochdruckleitung aus, 10 Grad kühl. Ein frischer Geschmack nach Kiesel zeichnet es aus. Seewasser, wie es in Zürich aus der Leitung fliesst, schmeckt flacher.

Ein frischer Geschmack nach Kiesel zeichnet das Winterthurer Wasser aus.

«Alles Wasser bekommen wir von der Natur. Was wir brauchen, fehlt anderswo», sagt Wassmer. Die Natur meint es gut mit Winterthur. Unterhalb der Töss fliesst ein mächtiger Grundwasserstrom zur Mündung des Flusses in den Rhein. Derzeit ist er gegenüber der durchschnittlichen Wasserhöhe um 35 bis 50 Zentimeter abgesunken. «Das ist nicht dramatisch. Der Wasserpegel ist derzeit etwa gleich tief wie während der Trockenheit im Jahr 2015», sagt Wassmer. Damals fehlte der Regen im Spätsommer bis zum Spätherbst. Derzeit sind trotz Hitze nur fünf von acht Pumpwerken in Betrieb. Ein zweiter Grundwasserstrom, jener unter der Eulach, wird noch nicht genutzt.

Weniger Wasser pro Kopf

Es tut gut, die Arme auf die kühle Hauptwasserleitung zu legen. Sie befördert 210 Liter pro Sekunde. Das sind zwei volle Badewannen. Zunächst gelangt das Trinkwasser vom Linsental ins Reservoir Ganzenbüel. Von hier fliesst es unter Druck in die Gebäude der heissen Stadt hinunter. Derzeit 32 000 Kubikmeter am Tag. Das sind 13 olympische Schwimmbecken von je 50 Metern Länge.

Winterthur hat genügend Trinkwasser. Das hat auch mit einer bemerkenswerten Zahl zu tun. In den 1950ern brauchte die Stadt pro Kopf über 500 Liter Wasser pro Tag. Heute sind es im Durchschnitt noch 220 Liter. «Wegen der Sommerhitze ist dieser Wert kurzfristig auf 280 Liter pro Kopf gestiegen. Anderseits sind viele Winterthurer verreist. Das gleicht den hitzebedingten Mehrverbrauch etwas aus», sagt Wassmer.

Es gibt mehrere Gründe für den geringeren Wasserverbrauch. In den 50er Jahren war Winterthur noch eine richtige Fabrikstadt. Die Industrie benötigte damals viel Wasser. «Ausserdem sind Apparate wie Wasch- und Spülmaschinen effizienter geworden», sagt Wassmer. Nicht zuletzt hat sich das Bewusstsein verändert. Die meisten Menschen gehen heute sorgsam mit dem Wasser um.

Brunnengeplätscher

Wasser ist ein kostbares Gut. Vor 1873 mussten das die Bewohnern von Winterthur noch am eigenen Leib erfahren. In manchen Sommern versiegten die Quellen in den Hügeln, die die Brunnen der Stadt versorgten. Im Jahr 1873 konnte dann Winterthur eine zentrale Wasserversorgung einweihen. Von Anfang an gewann Winterthur Grundwasser auf dem Gebiet der Gemeinde Zell. Die heute Wasserfassungsstelle bei Rämismühle liegt oberhalb von Winterthur. «Deshalb brauchen wir nur wenig Strom, um dieses Wasser zu gewinnen», sagt Wassmer.

Normalerweise kommen drei Viertel des Trinkwassers aus Zell, ein Viertel aus dem Linsental. Etwas Quellwasser ergänzt die Wasserversorgung. Derzeit ist der Anteil des Zeller Wassers jedoch kleiner. «Die Konzession sieht vor, dass wir in Rämismühle ein Pumpwerk herunter fahren, wenn die Töss so wenig Wasser führt wie in diesem Sommer», sagt Wassmer.

Die Winterthurer Brunnen dürfen so oder so weiter plätschern. «Das Brunnenwasser hat sich inzwischen bis auf 20 Grad aufgewärmt», sagt Wassmer. Darum wohl liegen einige Winterthurerinnen genüsslich in den breiten Brunnenbecken da und dort in der Stadt. (Landbote)

Erstellt: 08.08.2018, 11:40 Uhr

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