Winterthur

Seid umschlungen, Millionen

Tausende strömten auch dieses Jahr in die Eulachhalle, um sich von einer freundlichen Inderin umarmen zu lassen. Amma zählt in Europa auf treue Fans – und ist in ihrer Heimat eine Art Volksheldin.

Spenden oder eine bestimmte Spiritualität waren nicht nötig: Jede und jeder konnte von Mittwoch bis gestern in den Eulachhallen anstehen und sich von Amma herzen lassen.

Spenden oder eine bestimmte Spiritualität waren nicht nötig: Jede und jeder konnte von Mittwoch bis gestern in den Eulachhallen anstehen und sich von Amma herzen lassen.

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Einen Augenschein zu erhaschen ist nicht schwer, der dreitägige Anlass ist gratis, die Veranstalter freundlich. Die linke Eulachhalle ist gefüllt mit endlosen Reihen von Plastikstühlen. Geduldig warten die Besucher, bis ihre Nummer dran ist. Dann dürfen sie auf die Bühne und empfangen das Darshan.

Die Schuhe nach indischem Brauch ausgezogen, kniend, legen sie ihren Kopf auf die breite Brust der sitzenden Amma. Sie lächelt, murmelt einige Worte. Das Niederknien hat keinen religiösen, sondern einen ganz praktischen Grund, versichert Agosti: den Höhenunterschied. Amma ist nur 1,52 Meter klein. Wortlos steigen die Umarmten in Socken von der Bu?hne, manche beschwingt, manche tief bewegt.

260 Freiwillige auf Tour

«Es geht gar nicht um die körperliche Umarmung», sagt Agosti. «Es geht darum, zu sehen, dass es möglich ist, besser zu leben.» Grosszügiger, zufriedener. Amma ist der lebende Beweis. «Was man aus Liebe macht, ist nie mühselig», lehre sie. Inspiriert, ihr Bestes zu geben, seien die rund 260 Freiwilligen, die sie auf ihrer mehrwöchigen Europatour begleiten, in drei Cars und einem zur Küche umgebauten Truck. Unterwegs schlafen sie in Turnhallen auf Matten, auch Amma selbst.

Jürg Ricklin hat sich in der Essenshalle bei einem der zahlreichen Stände mit Curry versorgt. Der 46-Jährige, Bart, lange Haare, Filzmantel, war als junger Mann nach Indien getrampt und hatte Amma in einem kleinen Dorf kennen gelernt. Indien habe ihn ver- ändert.

Und Amma. «Wo gibt es so einen Meister, der die bedingungslose Liebe so vorlebt?», fragt er. «In der westlichen Welt passiert nichts ohne Erwartungen. Alles ist ein Deal, sogar die Ehe.» Ricklin lebt mit seiner Familie in einer einfachen Hütte im Tessin, wo er den Sommer über 800 Schafe hütet. Er meditiert täglich. Sein Tischkollege Bruno Langhard, Vertreter fu?r Reha-Bedarf aus dem Baselbiet, reist Amma seit zwanzig Jahren hinterher.

«Wie wenn Jesus lebte»

«Es ist, wie wenn man Jesus oder Buddha treffen könnte», sagt Langhard. «Diese lebendige, spürbare Liebe, bevor die institutionelle Religion kommt und alles in Regeln packt.» – «Es fa?ngt hier auch schon an», wirft Ricklin ein. «Ja, ein wenig schon», sagt Langhard. Von Amma und ihrer Umarmung schwärmen aber beide ungetrübt. Wie fühlt sich ihre Umarmung an? «Es ist vielleicht nicht der beste Vergleich», sagt Langhard, «aber manchmal, wenn ein Baby lacht, dann kann man gar nicht anders als mitlachen, und die Sorgen sind vergessen. Bei Amma ist es das Gleiche, nur viel tiefer und bewusster.»

Vor der Halle steht ein deutsches Pärchen aus Ravensburg und raucht. «Wir waren das erste Mal hier», sagt Anne Tratsis, 34. «Freunde haben uns gesagt, das müssen wir erlebt haben.» Spiritualität sei fu?r die beiden ein Thema, aber «mit Meditieren und Ähnlichem sind wir gar nicht fit». Trotzdem: «Die Ausstrahlung dieser Frau ist extrem eindrücklich», sagt Tratsis. Sie würden beide wiederkommen, wenn Amma nächstes Jahr in Winterthur haltmacht. Und das ist so gut wie sicher.

Erstellt: 17.10.2015, 11:23 Uhr

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