Winterthur

«Selbsthilfe wirkt»

Erstmals hat eine nationale Studie den Nutzen von Selbsthilfegruppen untersucht. Über 2500 gibt es in der Schweiz, Tendenz steigend. Claudine Frey vom Selbsthilfezentrum Winterthur ist Gastgeberin von 80 Gruppen, in denen sich Betroffene und Angehörige über Bulimie, Angst, Demenz und mehr austauschen.

Claudine Frey ist Gastgeberin für Selbsthilfe-Gruppen.

Claudine Frey ist Gastgeberin für Selbsthilfe-Gruppen. Bild: Marc Dahinden

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Fast dreihundert Seiten dick ist das Buch «Gemeinschaftliche Selbsthilfe in der Schweiz», das diese Woche vorgestellt wurde. Das Gemeinschaftswerk von Forschern der Universitäten Lausanne und Luzern untersucht die über 2500 Selbsthilfegruppen der Schweiz, welche sich über 300 Themen von A wie Adoption bis bis Z wie Zöliakie widmen.

Über 40 000 Schweizerinnen und Schweizer besuchen eine Selbsthilfegruppe. Eine Zahl, die in den letzten Jahren stark gestiegen ist, insbesondere seit auch die französischsprachige Schweiz und das Tessin auf den Geschmack gekommen sind.Winterthur ist schon lange ein guter Boden für Selbsthilfe. Seit 23 Jahren gibt es den Verein Selbsthilfe, seit 2000 betreibt er das Selbsthilfezentrum am Holderplatz, im gleichen Gebäude wie das Jugendkafi Stadtmuur.

«Die Erfahrung, mit dem Problem nicht alleine dazustehen, ist zentral»

Rund die Hälfte der 80 Gruppen in der Region Winterthur gehen hier ein und aus. Aus Sicht von Claudine Frey, die seit zehn Jahren die Co-Leitung innehat, hat sich das Ansehen der Selbsthilfe deutlich verbessert. «Vor fünfzehn Jahren hatten noch viele Ärzte und Psychiater noch grosse Vorbehalte: Kann das gut kommen, wenn sich Laien untereinander austauschen?»

In Freys Erfahrung lautet die Antwort fast immer: Ja, es kommt gut. Zu dem Befund kommt auch die Studie, welche die Antworten von über 1000 Teilnehmern auswertete. Die meisten Teilnehmer gaben an, dass sich ihr Wohlbefinden verbessert habe, das Gefühl von Einsamkeit verringert und sie in der Gruppe auch Anerkennung erfuhren. Befreiend wirke sich auch aus, dass die Teilnehmenden ihren Frust Ausdruck verleihen können und sich nicht mehr für ihre Situation oder die ihrer Angehörigen schuldig fühlen müssen. «Die Erfahrung, mit dem Problem nicht alleine dazustehen, ist zentral», sagt Frey.

Hochsensible und ADHS

Die Themen der Gruppen sind eine Art gesellschaftlicher Seismograph. Über die Zeit kommen neue Themen dazu. «Vor 10 Jahren wurde in Winterthur die schweizweit erste Gruppe für Hochsensible gegründet», sagt Frey. «Heute gibt es im ganzen Land unzählige und allein in Winterthur drei. Auch ADHS war vor zehn Jahren noch kaum ein Thema, heute beschäftigt es viele Menschen.» Rund zwei Drittel der Gruppen sind körperlichen und geistigen Leiden gewidmet, ein Drittel sozialen und Lebensabschnitts-Themen: Elternschaft, Trennung, Trauer.

Die typische Benutzerin einer Selbsthilfegruppe ist weiblich, 55 Jahre alt und relativ gut gebildet. Auch in den Winterthurer Gruppen sind Frauen deutlich in der Mehrzahl. Die Gruppengrössen schwanken zwischen drei und zwölf Mitgliedern, typisch sind Gruppengrössen um die sechs Mitglieder.

Drei freundlich eingerichtete Altbauzimmer stehen am Holderplatz zur Verfügung. Die Gruppen treffen sich im Schnitt einmal pro Monat, oft abends und am Wochenende. Ausserhalb der Bürozeiten liegt der Schlüssel im Safe. Als Beitrag an die Raummiete legt jeder Benutzer vier Franken ins Kässeli. Das funktioniert gut, sagt Frey.

Bitte keine Ratschläge!

Eine ihrer wichtigsten Aufgaben ist die Gründungsbegleitung. «Wir gründen selbst keine Gruppen. Sie entstehen dann, wenn sich eine Person bei uns meldet und ein neues Anliegen einbringt», sagt Frey. Über Medien, das Internet und ein Netzwerk von Ärzten und Therapeuten werden weitere interessierte Teilnehmer gesucht. Die ersten drei Sitzungen werden begleitet, um eine Struktur zu etablieren.

Dazu gehört eine kurze Einstiegsrunde, bei der die Teilnehmer kurz aus ihrem Leben erzählen. «Jeder sollte zu Wort kommen können und Themen vorschlagen können, auch die stilleren Teilnehmer», sagt Frey. Eine Sanduhr verhindert, dass in der Einstiegsrunde zu lange ausgeschweift wird, oder dass Diskussionen entstehen. Danach werden ein oder zwei Themen im Detail besprochen.

Ein Dauerbrenner ist der Umgang mit Ratschlägen: «Die meisten Leute, die zu uns kommen, wurden schon von ihrem Umfeld eingedeckt mit Ratschlägen. Solchen, die unnütz sind, die ein schlechtes Gefühl geben, ja ein schlechtes Gewissen, wenn man sie nicht befolgt», sagt Frey. «Viele wollen darum gar keine Ratschläge mehr, andere sagen: Aus dieser Gruppe nehme ich sie gerne an, denn sie beruhen auf persönlicher Erfahrung.»

Das Kiosk-Prinzip

Bewährt hat sich die Regel: Man erzählt von sich. Nicht «Du solltest», sondern «Mir hilft». Frey verwendet auch das Bild vom Kiosk. «Jeder kann sich das Päcklein Kaugummi raussuchen, das ihm gefällt und muss sich gegenüber der Kioskfrau nicht rechtfertigen, warum er nicht den ganzen Laden gekauft hat.» Die Sitzungen enden mit einer Schlussrunde, wo resümiert wird, welche Erkenntnisse man mit nach Hause nimmt.

«Die Personen, die zu uns kommen stehen an einem Ort in ihrem Leben, wo sie etwas verändern möchten.»

Selbsthilfe nimmt man in Winterthur wörtlich, ab der vierten Sitzung sind die Gruppen in der Regel unbetreut. Besteht nicht die Gefahr, dass lauter Betroffene sich in der Runde gegenseitig herunterziehen und noch tiefer in den Sumpf reden? «Dieses Schreckbild hält sich hartnäckig in den Köpfen», sagt Frey. «Erlebt habe ich dies in all den Jahren noch nie. Die Personen, die zu uns kommen stehen an einem Ort in ihrem Leben, wo sie etwas verändern möchten.»

Das sind die zwei Einschränkungen, die Frey im Bezug auf Selbsthilfe wichtig sind: «Es muss Einsicht vorhanden sein, dass ein Problem vorliegt und der Wunsch, es anzupacken. Wer nur kommt, weil der Arzt es empfohlen hat, bleibt nicht lange.» Und zweitens: «Selbsthilfe ersetzt keine Therapie. In einer akuten Krise ist die Selbsthilfegruppe tendenziell überfordert.» Die Niederschwelligkeit ist aber auch eine grosse Stärke, findet sie. «Es braucht keine Krankschreibung, um teilzunehmen. Für viele ist es eine wichtige präventive Massnahme.»

Ziel: Noch bekannter werden

Im 24. Jahr sieht Claudine Frey das Winterthurer Selbsthilfezentrum als gut aufgestellt. Der grösste Wunsch ist der nach mehr Bekanntheit. Nach wie vor sei das Angebot vielen Menschen noch unvertraut oder mit Vorurteilen behaftet. Deutschland ist da weiter, sagt die Studie. Pro Kopf gibt es dreimal so viele Selbsthilfe-Angebote wie in der Schweiz.

Gemeinschaftliche Selbsthilfe in der Schweiz, Lucia M. Lanfranconi, Jürgen Stremlow et. al. Hogrefe Verlag, 2017. (Der Landbote)

Erstellt: 08.09.2017, 14:32 Uhr

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Neue Gruppen

Einen Überblick über die rund 80 bestehenden Angebote und die Gruppen im Aufbau liefert die Website www.selbsthilfe-winterthur.ch.

Folgende neue Gruppen starten, sobald sich genügend Interessierte gemeldet haben: Angst, Binge Eating, Depression, Eierstockkrebs, Jung und chronisch gestresst, Patchworkfamilien, Sarkoidose und Selbstfürsorge. Das Selbsthilfezentrum vermittelt Kontakte zu bestehenden Gruppen und hilft beim Aufbau von neuen. Telefon: 052 213 80 60.

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