Winterthur

«Tiefes Mitgefühl für die Betroffenen»

Der Stadtrat nimmt zur Geschichte der Kinderheime in Winterthur Stellung. Auch hier gab es Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe.

ZHAW-Forscher haben ehemalige Winterthurer Heimkinder interviewt: «Einigen gings hervorragend, während andere litten.»

ZHAW-Forscher haben ehemalige Winterthurer Heimkinder interviewt: «Einigen gings hervorragend, während andere litten.» Bild: zvg

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Der Stadtrat hatte der Fachhochschule ZHAW den Auftrag erteilt, die Vergangenheit der Winterthurer Kinderheime auszuleuchten. Bei der Präsentation der Forschungsergebnisse sagte Stadtrat Nicolas Galladé (SP): «Der Stadtrat blickt mit Betroffenheit auf das Leid der ehemaligen Heimkinder und spricht den Betroffenen sein tiefes Mitgefühl aus.» Mit dem neuen Werk werde ihnen nun eine Stimme gegeben.

Das Forscherteam der ZHAW hatte unter anderem 22 ehemalige Heimkinder in Interviews befragt. Diese anonymisierten Gespräche bilden die Basis für den Hauptteil des Buchs. Gehorchen und bei Nicht-Gehorchen bestraft werden, das war die Regel. Machtmissbrauch kam oft vor

«Si händ immer öppis gfunde, zum ein bestrafe. Mer isch eifach under de Knute gsi.»Eine Betroffene

«Si händ immer öppis gfunde, zum ein bestrafe. Mer isch eifach under de Knute gsi», wird eine Betroffene zitiert. Der Grat zwischen körperlicher Züchtigung im Namen der Erziehung und Machtmissbrauch sei als sehr schmal zu bewerten, halten die Forschenden fest. Dokumentiert ist zum Beispiel der Fall eines Heimleiters, der massiv Gewalt ausübte, was den Behörden bekannt war, aber folgenlos blieb. Auch von sexuellen Übergriffen ist die Rede. Angestellte hätten gelegentlich ältere Knaben aus den Betten zu sich ins Zimmer geholt. Es gibt auch postitive Erlebnisse; der Heimalltag sei unterschiedlich erfahren worden: «Einigen gings hervorragend, während andere litten», sagte ein Forscher.

Zu wenig Personal, mangelhafte Infrastruktur

Zusätzlich zu den Heimkindern wurden vom Forschungsteam der ZHAW auch ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter befragt. Die Ergebnisse sind in einem Buch zusammengefasst, das unter dem Titel «Zusammen alleine» erscheint. Die Resultate der Interviews sind überwiegend negativ. Mehrere ehemalige Heimkinder berichten von körperlicher Gewalt und sexuellen Übergriffen. Die Verhältnisse in den Heimen seien problematisch gewesen, steht in einer Medienmitteilung der Stadt. Das Personal war schlecht ausgebildet und nicht zahlreich genug.

Mitgefühl des Stadtrats

Der Stadtrat spricht den Betroffenen sein «tiefes Mitgefühl» aus, wie er bereits in der Medienmitteilung schreibt. Ehemalige Heimkinder, die vor 1981 körperlichen oder psychischen Missbrauch erlebt haben, werden vom Stadtarchiv Winterthur dabei unterstützt, ein Gesuch um einen Solidaritätsbeitrag des Bundes einzureichen.

Die Untersuchung der ZHAW gibt Einblick in drei Heime: das «Städtische Waisenhaus» (später: Kinder- und Jugendheim Oberwinterthur), das «Sunnehus» für Mädchen und das Durchgangsheim «Büel». Den Auftrag für die Studie hatte die Stadt 2014 gegeben. (mgm/bä)

Erstellt: 04.12.2017, 17:20 Uhr

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