Winterthur

Sie ist mehr als ein Hütedienst

Hanni Kölla arbeitet seit 40 Jahren im Hort der Primarschule Schönengrund. Nun steht sie vor ihrem letzten Berufsjahr und kann sich einen Alltag ohne die Kinder fast nicht vorstellen.

Hanni Kölla kennt alle 130 Kinder, die ihren Hort im Schulhaus Schönengrund besuchen, beim Namen.

Hanni Kölla kennt alle 130 Kinder, die ihren Hort im Schulhaus Schönengrund besuchen, beim Namen. Bild: Madeleine Schoder

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Blumen aus blauem, rotem, gelbem und grünem Papier zieren die Schränke in den drei Räumen der schulergänzenden Betreuung im Schulhaus Schönengrund. Da passen die roten Haare der Hortleiterin Hanni Kölla perfekt ins Bild. Seit 40 Jahren arbeitet die 63-Jährige, die von allen Hanni genannt wird, in der Primarschule.

«Als Frau Kölla kennt mich niemand», sagt Hanni. Anfangs hätten sie viele Leute gewarnt. «Sie dachten, die Kinder würden deswegen frech werden.» Doch das sei bis heute nicht der Fall. «Mir ist es wichtig, dass wir uns gegenseitig wertschätzen und mit Respekt begegnen.»

Ein Kind habe sie jedoch ab und zu gesiezt, aber nur, wenn es wütend war. «Hatte er einen guten Tag, war ich einfach Hanni», sagt die Pädagogin und lacht.

Als Hanni vor 40 Jahren ins Schönengrund kam, hatte sie eigentlich nicht vor, so lange zu bleiben: «Hier werde ich nicht pensioniert», habe sie sich gedacht. Heute fehlt ihr noch ein Jahr bis zum Ruhestand. Zuerst fing sie als Hilfshortleiterin an und übernahm später die freie Stelle in der Leitung. Hanni hatte die Ausbildung zur Hortleiterin und Kindergärtnerin abgelegt. «Eigentlich hatte ich vor, als Kindergärtnerin zu arbeiten.» Damals seien Horte noch nicht so verbreitet gewesen wie heute.

Der klare Weg

Mit ihren Eltern und drei Schwestern ist Hanni in Kleinandelfingen aufgewachsen. «Dass wir zu viert waren, war super. So hatten wir immer jemanden zum Spielen.» Da ihre Mutter und eine ihrer Schwestern als Lehrerin gearbeitet hatten, lag der Beruf Kindergärtnerin nahe. «Für mich schien das der klare Weg zu sein.» Doch mit der Zeit sah die Hortleiterin, dass sie ihre Berufung bereits gefunden hatte. «Ich bin zwar reingerutscht. Dennoch würde ich mich heute wieder dafür entscheiden.»

«Heute weiss man: Wir sind mehr als nur ein Hütedienst.»


Für Hanni hat ihr Job in der Betreuung den Vorteil, dass sie die Kinder nicht nach Leistung beurteilen muss. «Das mache ich nämlich sehr ungerne», sagt sie. Als Kindergärtnerin hätte es jedoch zu ihren Aufgaben gehört, zu beurteilen, ob das Kind bereit für die Schule ist.

«Mein Beruf erhält heute viel mehr Wertschätzung als früher», sagt Hanni. Gerade habe der eine ihrer beiden Lernenden die Diplomfeier gehabt. «922 Fachfrauen und -männer in der Betreuung haben dieses Jahr abgeschlossen», sagt sie mit grossen Augen. Zu ihrer Zeit habe sie noch zu den ersten und wenigen ausgebildeten Hortleiterinnen gehört. «Heute weiss man: Wir sind mehr als nur ein Hütedienst.»

Hanni und ihre Mitarbeitenden betreuen die meisten Kinder über Mittag. Am freien Mittwochnachmittag bleiben einige auch länger. Dieses Schuljahr hatten sich 130 Kinder angemeldet, die teils die ganze Woche, teils an vereinzelten Tagen im Hort sind. «Vor 40 Jahren waren es noch etwa 40 Kinder», sagt Hanni.

An Spitzentagen betreuen sie heute über 70 Kinder. Hanni kennt jedes der Kinder beim Namen. «Wenn es Geschwister sind, verwechsle ich sie aber manchmal.» Das nehmen diese jedoch mit Humor: «So haben sie wieder einen Grund zu lachen.»

«Ich habe auch eine esoterische Seite»

Eigene Kinder hat Hanni jedoch keine. «Dafür fehlte mir immer der richtige Partner», sagt sie. Doch auch ohne Mann hat Hanni vor einigen Jahren zwei Kinder aus Eritrea bei sich aufgenommen. Die beiden Geschwister, der Junge war damals elf, das Mädchen 14 Jahre alt, haben nach einer schwierigen Zeit und einigen Ortswechseln Obhut bei ihr gefunden. «Den Jungen habe ich später adoptiert», sagt Hanni.

Heute lebt die Hortleiterin in einem kleinen Häuschen im Tössfeld. «Das ist gerade gross genug für mich.» Dort kümmert sie sich um ihren Garten und geht ihren Hobbies nach. «Ich habe auch eine esoterische Seite», sagt sie etwas schüchtern. Sie lege nämlich manchmal Tarot-Karten für ihre Freundinnen. «Es geht aber nicht nur darum, die Karten zu lesen, sondern auch den Menschen genau zu beobachten.»

Wie wir uns sehen

Vor einigen Jahren hat Hanni Bauchtanzkurse für kurvige Frauen gegeben. «Später sind dann auch sehr schlanke Tänzerinnen dazu gekommen.» Das sei eine gute Mischung gewesen und habe für interessante Gespräche gesorgt: «Es ging ums Körpergefühl und darum, wie wir uns selbst sehen.» Diese Themen beschäftigen die Betreuerin auch persönlich. «Früher war ich weniger rundlich als heute», sagt sie.

Die Kinder kümmere die Figur der Hortleiterin wenig. Doch sie seien teilweise etwas zu direkt: «Wenn sie mich fragen: ‹Hanni, warum bist du so dick?›, ist das schon nicht gerade freundlich.»

Verletzen würden sie solche Aussagen der Kinder jedoch nicht. In all den Jahren hat Hanni viele Kinder ins Herz geschlossen und sich auch schon von einigen verabschieden müssen. «Da ist mir immer zum Weinen zumute.»

In einem Jahr muss sie dann nicht nur von den Kindern, sondern auch von ihrem Berufsalltag verabschieden. «Ich weiss noch gar nicht, was ich dann machen soll.» Eine grössere Reise sei möglich: «Wahrscheinlich besuche ich Verwandte in Australien.»

Erstellt: 24.07.2019, 15:02 Uhr

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