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Den Schicksalsschlag in Island verarbeitet

Kristina Loncar fuhr 800 Kilometer weit durch Island. Das Wetter setzte ihr zu. Doch nicht so sehr wie der Krebstod ihres Freundes. Für das Palliative-Care-Team, das ihn pflegte, sammelt sie Geld.

Ein Fahrrad und eine Landkarte leisteten Kristina Loncar auf ihrer Island-Tour wertvolle Dienste.
Ein Fahrrad und eine Landkarte leisteten Kristina Loncar auf ihrer Island-Tour wertvolle Dienste.
Nathalie Guinand

Kristina Loncar ist im Mai 2010 von einem Tag auf den anderen erwachsen geworden. Rein rechtlich ge­sehen war sie es mit ihren 20 Jahren schon längst. «Doch vom Leben und wie schmerzlich es sein kann, wusste ich noch nichts», sagt sie. Fünf Jahre war die heute 27-Jährige mit ihrer Jugendliebe zusammen, als ihr Freund die Diagnose Krebs erhielt. Es handelte sich um einen bösartigen und äusserst aggressiven Hirntumor.Eine Katastrophe sei das ge­wesen, sagt sie, die in Stallikon aufwuchs und seit acht Jahren in Winterthur lebt. «Als ich es erfuhr, brach für mich die Welt zusammen.» Vom jungen, unternehmungslustigen Paar, das sich an einem Death-Metal-Konzert kennen gelernt hatte, fiel jede Unbeschwertheit ab. «Mein Freund wollte die Krankheit nie akzeptieren», sagt sie. «Er gab alles, damit er da irgendwie wieder rauskommt.»

Auch sie habe alles daran­gesetzt, eine Lösung zu finden. «Ich wollte für ihn da sein und ihm Hoffnung geben.» Loncar hat sich über die Krankheit informiert, alles zusammengesucht, was sie finden konnte, «um ihn zu unterstützen». Doch sie habe gespürt, «dass das nicht gut ausgehen kann».

Vier Jahre nach der Diagnose und nach einem langen Kampf starb er. «Das war sehr schlimm», erinnert sich die junge Frau. Ihre Stimme stockt. Während des Gesprächs huscht nur selten ein Lächeln über ihr Gesicht. Mehrmals füllen sich ihre Augen mit Tränen. Sie sei ins Ausland geflüchtet und habe sich in die Arbeit gestürzt. Nachdem sie die Handelsmittelschule absolviert hatte, arbeitete sie als Kauffrau für eine Bank. An der Zürcher Hochschule der Künste will sie nun mit einem Studium in Kunst und Vermittlung ihre kreative Seite ausleben.

Ihre Gedanken waren oft bei ihrem Freund. «Das kann man nie wegschieben.» Die Jahre, während derer sie mit ihm und seiner Familie gegen die Krankheit gekämpft hatte, kosteten sie viel Energie. Heute wisse sie nicht mehr, woher sie die Kraft nahm. Sie sei ein positiver Mensch und habe einfach funktioniert. Sie wollte, dass ihr Freund das möglichst gut übersteht. Der grosse Rückhalt in der Familie gab ihm viel Kraft.

Obwohl nach seinem Tod für sie eine Welt zusammenbrach, habe sie sich nicht aufgeben wollen. Nach einiger Zeit verspürte sie den Drang, etwas zu unternehmen. «Und ich wollte es ­doppelt geniessen, weil ich es für zwei tun würde.» Die beiden waren früher oft unterwegs, gingen in die Berge. Sie auf Skis, er auf dem Snowboard. «Doch das wollte ich nicht mehr, alleine der Gedanke deprimierte mich.»

Also habe sie sich entschieden, etwas Neues auszuprobieren: das Velofahren. Und es sollte eine 1400 Kilometer lange Tour um Island sein. «Eigentlich Wahnsinn», sagt sie. «Denn dort kämpft man ständig gegen das Wetter an.» Doch sie war überzeugt: «Das kommt schon gut.»

Einen Monat lang nahm sie sich Zeit. Vor drei Wochen ist sie zurückgekehrt – mit einem Haufen an Eindrücken und der Über­zeugung, «dass Islands Natur die schönste der Welt ist». Die 27-Jährige ist nicht nur für sich selbst geradelt. Sie hat ihre Tour in den Dienst des Vereins Palliative Care Winterthur-Andel­fingen gestellt, für den sie über eine Fundraising-Website Geld gesammelt hat. «Denn deren Mitglieder haben unglaublich viel geleistet.»

Nachdem ihr Freund mehrere Operationen, unzählige Therapien, Spital- und Auslandaufenthalte hinter sich hatte und der Tumor trotzdem weiter wuchs, übernahm unter anderen das Careteam die medizinische Versorgung. «Für junge Menschen gibt es fast keinen Ort, wo sie sterben können», sagt Loncar. Er habe aber auch möglichst lange zu Hause bleiben wollen. In einer Situation, in der sie am Anschlag war, «hat ihm das Careteam viel Lebensqualität gegeben».

Aus den 1400 Kilometern sind letztendlich 800 geworden. Ihr Körper habe oft die Kraft nicht gehabt, weiterzufahren. Die Winde seien derart stark, «dass es einen auf die andere Strassenseite treibt». Hinzu kommen die «riesigen Fahrzeuge, die an dir vorbeibrausen», und die Schotterpisten, «auf denen man so richtig durchgeschüttelt wird».

Übernachtet hat sie meist auf Zeltplätzen. In den kältesten Momenten trug sie zwei bis drei Schichten Hosen, zwei Wind­jacken, einen Pulli, Mütze, Handschuhe und zwei Paar Socken. «Eine Panne hatte ich glücklicherweise nie.» Die Isländer selbst führen kaum Velo. «Das ist denen zu gefährlich.»

Rund 5000 Franken hat sie die Reise gekostet. Darin enthalten ist das Velo, das ein kleiner Veloladen in Winterthur für sie zusammenbaute. Auf ihren Wunsch hatte es eine Vorrichtung, mit der sie ihr Handy während der Fahrt über einen Dynamo aufladen konnte. Einen gleich hohen Betrag will Loncar dem Palliative-Care-Team spenden. Sie hat ihn noch nicht ganz beisammen. Wer mehr als 150 Franken gibt, erhält eine Foto­dokumentation ihrer Reise.

https://www.gofundme.com/cyclingicelandforpalliativecare

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