Winterthur

Sie lebte fast ein Jahrhundert am Obertor

Vorgestern konnte die Winterthurerin Charlotte Hug ihren hundertsten Geburtstag feiern. Obwohl sie fast nichts mehr sieht, ist sie körperlich noch rüstig, geistig topfit – und auchzu Spässen aufgelegt.

«Ich wollte nicht der Unterhund werden» – Charlotte Hug ist ihr Leben mit Bestimmtheit angegangen. Am Mittwoch feierte sie den 100. Geburtstag.

«Ich wollte nicht der Unterhund werden» – Charlotte Hug ist ihr Leben mit Bestimmtheit angegangen. Am Mittwoch feierte sie den 100. Geburtstag. Bild: Johanna Bossart

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Auf die Frage, was man tun müsse, um hundert Jahre alt zu werden, antwortet Charlotte Hug: «Ich habe immer nur das gegessen und getrunken, was ich gerne mag – und nicht das, was gesund ist!» Ein bisschen dürften ihr aber auch die Gene geholfen haben, denn auch ihre vier Jahre jüngere Schwester Verena erfreut sich noch guter Gesundheit.

Als Charlotte Hug am 21.6.1917 geboren wurde, wohnte die Familie an der Friedenstrasse 13; 1920 zog sie ans Obertor 1. Und dort wohnt die Jubilarin heute noch. Ihr Vater, Richard Peter, betrieb an der Geiselweidstrasse ein Kolonialwaren-Engrosgeschäft.

«Ich habe immer nur das gegessen und getrunken, was ich gerne mag – und nicht das, was gesund ist!»

Bekannter dürfte den Winterthurern aber dasjenige des Urgrossvaters sein: Es befand sich im «Tösserhaus» am Kirchplatz, wo noch bis 2003, als dieses zur Stadtbibliothek umgebaut wurde, die alte Tafel mit der Beschriftung «Drogen, Colonialwaren & Südfrüchte» hing (heute im 1.UG der Bibliothek zu sehen).

Bei Tante Luisein der «Häfelischule»

Eine frühe Erinnerung hat sie an die «Häfelischule bei Tante Luise» an der St. Georgenstrasse: «Da musste ich einmal einen Nachmittag lang aufs Schandbänkli sitzen, weil ich über Mittag nicht nach Hause gegangen war.» Positiver eingeprägt hat sich ein Rebhäuschen, das die Familie als Gartenersatz an der Rychenbergstrasse besass. Besonders der «Wümmet» ist ihr im Gedächtnis geblieben, denn dann gab es jeweils Würstli.

Bis zur fünften Primarklasse besuchte Charlotte Hug das nahe Schulhaus Geiselweid. Dann fanden ihre Eltern, sie lerne da «wüst zu reden», denn in ihrer Klasse waren viele Arbeiterkinder aus einer Barackensiedlung am Deutweg. Nach einem Jahr in der Freischule wechselte sie 1929 ans erst im Jahr zuvor neu eröffnete Gymnasium im Lee, was für ein Mädchen zu jener Zeit alles andere als selbstverständlich war. «Das habe ich meiner Mutter zu verdanken», sagt Charlotte Hug: «Die hatte Haare an den Zähnen!»

Nach dem Gymnasium lernte sie ihren späteren Mann, den Medizinstudenten Roger Hug, kennen. Sie hätte zwar selber auch gerne Medizin studiert, doch befürchtete sie, dass das nicht gut herauskommen würde: «Ich wollte nicht der Unterhund werden», sagt sie. Stattdessen wurde sie Laborantin; im Krieg leistete sie im Frauenhilfsdienst Einsätze in Militärsanitätsanstalten.

Zwischen Mutterrolle und Beruf lag nur eine Treppe

Als ihr Mann 1943 sein Studium abgeschlossen hatte, heirateten die beiden sogleich. Ein knappes Jahr später kam 1944 Sohn Ruedi zur Welt – was eine Spitalangestellte zur bissigen Bemerkung verleitet habe: «Es hät grad no glanget!» 1948 folgte Tochter Marianne; im selben Jahr zog die Familie nach Arosa, wo der junge Arzt eine Assistenzstelle antrat: Es sollten die einzigen zwei Jahre bleiben, die Charlotte Hug nicht in Winterthur verbrachte!

Nach der Rückkehr eröffnete Roger Hug am Obertor 1 seine eigene Praxis, die er bis 1984 betrieb. Da ihn seine Frau als Laborantin unterstützte und zugleich ihre Mutterpflichten wahrnahm, rannte sie ständig die Treppen zwischen Praxis und Wohnung rauf und runter. Vielleicht hat sie auch dieses Fitness-Training so lange gesund erhalten?

Soeben fährt am Obertor 1 ein Polizeiauto mit eingeschalteter Sirene vorbei. Das gehe den ganzen Tag so, meint die Jubilarin, es sei halt nicht mehr wie früher: «In meiner Kindheit gehörten noch Pferde und Kutschen zum Alltagsbild, im Hinterhof des Hauses war eine Pferdestallung untergebracht, und man kannte sich damals noch am Obertor.» Von ihren lebendigen Erinnerungen an jene Zeit wird sie uns in den kommenden Wochen an dieser Stelle berichten.

(Der Landbote)

Erstellt: 22.06.2017, 17:31 Uhr

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