Winterthur

Sie nennen ihn den Schweizer

Seit bald einem Vierteljahrhundert präsidiert Shefqet Cakolli den albanischen Kulturverein Dardania in Winterthur. Warten mit einem, der sein Hybridtaxi stets hinten anstellt und immer fährt.

Nach 20 Jahren am Steuer eines Taxis sagt Shefqet Cakolli: «Die Branche ist am Boden.» Foto: Enzo Lopardo

Nach 20 Jahren am Steuer eines Taxis sagt Shefqet Cakolli: «Die Branche ist am Boden.» Foto: Enzo Lopardo

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Kurz nach 14 Uhr biegt Shefqet Cakolli in die Stadthausstrasse. Schichtbeginn. Sanft zieht er das Steuer nach links und reiht sich hinter die wartenden Taxis ein. Nieselregen verschleiert den Blick auf die Ampel am Kopf der Kolonne, die anzeigt, wie viele Plätze vorne beim Bahnhof frei sind. Etwa alle zehn Minuten rollt Cakolli um eine Wagenlänge nach vorne. Sein Toyota Hybrid macht dabei keinen Mucks: «Der Motor schaltet sich nur ein, wenn es steil wird», sagt er.

Das Auto riecht noch nach neuem Leder und Lufterfrischer. Die Warterei ist Alltag für Cakolli. Langweile kennt der Schweizer mit kosovarischen Wurzeln hingegen weniger. Der 57-Jährige engagiert sich stark für die albanische Diaspora in Winterthur. Als Präsident des Kulturvereins Dardania, als Stimme am Radio Stadtfilter und früher auch im städtischen Ausländerbeirat. Aber der Reihe nach

Im Auto überlegte sich Cakolli jeweils die neuen Choreografien. Bild: elo

Das erste Mal kam Cakolli 1983 als Gastarbeiter in die Schweiz. In Rothenturm arbeitete er als Schreiner: «Meine Gastfamilie hatte kleine Kinder. Dank ihnen lernte ich schnell Deutsch.» Auch sonst sei ihm die Integration leichtgefallen. Er ahmte nach, wie die Leute reden und wie sie sich bewegen: «Ich habe immer versucht, mich anzupassen und keine Fehler zu machen.» Dann ging er zurück nach Pristina, wo er Betriebsökonomie studierte und kam jeden Sommer wieder.

Ab 1988 arbeitete er vier Jahre lang als Dachdecker im Thurgau, bevor es ihn nach Winterthur zog. Am Konzert eines albanischen Sängers im Hotel Winterthur lernte er seine künftige Frau kennen. Oder besser gesagt: Sie erkannte ihn wieder von der Uni. 1993 heirateten sie im Kosovo. Zurück in der Schweiz arbeiteten die beiden fünf Jahre lang in Charly’s Fitness an der Pflanzschulstrasse. Er als Hauswart, sie als Reinigungskraft. Ein Jahr nach der Hochzeit kam die erste Tochter zur Welt und sie gründeten zusammen mit Freunden den albanischen Kulturverein Dardania, den Shefqet Cakolli bis heute präsidiert. Er erzählt von der Laute Çifteli, traditionellen Flöten, der Trommel Def oder dem albanischen Dudelsack Roga. Von den Festen und Tänzen der vergangenen Jahre. Und von der Mutter-Teresa-Statue, die anscheinend seit über einem Jahr in Winterthur steht.

«Shefqet Cakolli leistet als Brückenbauer einen wertvollen Beitrag an die Gesellschaft in Winterthur.»Michael Künzle, Stadtpräsident CVP Winterthur

An dieser Stelle besinnt sich Cakolli, schert aus der Kolonne aus und fährt zur General-Guisan-Strasse. Auf dem Wiesenstreifen gegenüber der Axa steht die Bronzestatue der Heiligen, die im nordmazedonischen Skopje in eine albanische Familie geboren wurde. In den Händen hält sie eine Taube: «Die Schweiz hilft der Welt so wie es Mutter Teresa getan hat», begründet Cakolli das Geschenk an die Stadt. Bei der Einweihung im Juni 2018 war auch Michael Künzle dabei. Der Stadtpräsident besuchte schon einige Dardania-Anlässe und lobt die gute Zusammenarbeit bei der Integrationsförderung: «Shefqet Cakolli ist sehr aktiv. Er leistet als Brückenbauer einen wertvollen Beitrag an die Gesellschaft in Winterthur.»

«Unsere Stimme» am Radio

Vor dem Casinotheater reiht sich Cakolli wieder in die Kolonne ein. Wieder heisst es Warten. «Die Taxibranche ist am Boden», sagt er, der seit 20 Jahren Taxi fährt, 18 davon als Selbstständiger. In der Zeit hat er zwei bewaffnete Überfälle erlebt. Trotz ausgebautem Nachtnetz und Uber ist seine Firma gewachsen. Wobei Cakolli auch sagt, dass es seinem Geschäft früher besser ging: «Mit einem Wagen verdiente ich mehr als jetzt mit vier.» Trotz hohen Fixkosten komme schrumpfen für ihn nicht infrage: «Ich bin ein sozialer Mensch, die Mitarbeiter sollen ihre Jobs behalten.»

Die Zeit in der Warteschlange nutzte Cakolli jeweils, um sich neue Tänze auszudenken: «Die meisten Choreographien sind hier im Taxi entstanden.» Oder er überlegt sich Themen für die Sendung «Zëri Ynë» respektive «Unsere Stimme», die er fürs Radio Stadtfilter produziert und moderiert. Sie wird an jedem dritten und fünften Montag im Monat zwischen 17 und 18 Uhr ausgestrahlt. Zwischen den Interviewbeiträgen spielt er traditionelle, aber auch moderne albanische Musik. Früher ging er dafür ins Studio, heute nimmt er die einstündige Sendung mit dem Smartphone auf. Inzwischen studiert eine seiner Töchter die Tänze mit den verschiedenen Dardania-Gruppen ein. Für die Radiosendung sucht Cakolli noch nach einer Nachfolge: «Langsam ist es genug.» Dies dürfte nicht einfach werden: «Die Jungen haben nicht mehr so viel Interesse an ihren Wurzeln», sagt Cakolli, der 2002 eingebürgert wurde. «Sie sind hier aufgewachsen und viele sprechen nicht mehr gut albanisch.»

Shefqet Cakolli übt mit Kindern eine Choreografie. Bild: Archiv/hd

Mittlerweile ist Shefqet Cakolli am Kopf der Kolonne angekommen. Eine grüne Eins zeigt an, dass vorne beim Bahnhof ein Platz frei geworden ist. Doch Cakolli wartet zu; er misstraut der Ampel: «Wenn ich jetzt fahre, könnte ich meinen Warteplatz verlieren.» Bei Regen oder wenn ein Wagen falsch steht, funktioniere sie manchmal nicht richtig.

«Unten nennen sie mich den Schweizer»Shefqet Cakolli

Erst als er vorne ein Taxi wegrollen sieht, drückt er aufs Pedal. «Es gibt auch einige, die sich nicht an die Regeln halten», ärgert sich Cakolli. So gebe es Taxifahrer, die direkt auf den Bahnhofplatz fahren, ohne zuerst an der Stadthausstrasse zu warten. Andere weigern sich Fahrgäste mitzunehmen, weil ihnen die Strecke nicht lukrativ genug scheint. Für ihn käme das nicht in Frage: «Ich fahre immer.» Früher habe er die fehlbaren Fahrer zur Rede gestellt – und sei damit vielen auf die Nerven gegangen.

Zumindest an diesem Tag irrt er sich in Bezug auf die Ampel: Zwei von drei Taxiplätzen vor dem Bahnhof sind noch frei. Obwohl Cakolli im Kosovo ein Haus hat, kommt eine Rückkehr nicht in Frage – der Mentalitätsunterschiede wegen: «Unten nennen sie mich den Schweizer», sagt er und lacht ein breites Lachen. Gerade weil er so vielen bei der Integration geholfen hat, überrascht seine politische Heimat: Cakolli wählt die SVP. «Es ist ganz einfach», sagt er: «Ich bin Nationalist und wähle die, die die Nation schützen.» Endlich steigt ein älteres Ehepaar ein, das an die Jonas-Furrer-Strasse will. Es ist die erste Fahrt in zwei Stunden: «Waren Sie auf Reisen?», versucht er das Gespräch in Gang zu bringen. Doch mehr als «Ja, drei Tage», «Ja, es war schön» und «Nein, im Wägital» kann er ihnen nicht entlocken. Danach wird es still im Auto, im Hintergrund läuft kaum hörbar das Radio Stadtfilter. Als er ihren Koffer aus dem Auto hievt, zeigt das Taxometer 19 Franken und 60 Rappen an.

Am 30. November feiert der Kulturverein Dardania in der Aula der Kantonsschule im Rychenberg mit Tanz und Musik sein 25-Jahr-Jubiläum

Erstellt: 22.10.2019, 12:24 Uhr

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