Winterthur

Sie wollen Chancengleichheit auf dem Rasen

Frauen werden im Fussball längst nicht so gut gefördert wie Männer. Eine talentierte Spielerin will das nun ändern, mit einem Frauenteam beim FC Winterthur. Doch für ihre Pläne müsste ein kleinerer Verein ein Opfer bringen.

Trainerin Adrienne Krysl und Projektleiterin Sarah Akanji während des Sichtungstrainings in Winterthur.

Trainerin Adrienne Krysl und Projektleiterin Sarah Akanji während des Sichtungstrainings in Winterthur. Bild: Marc Dahinden

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Das Ziel ist in Fussballkreisen unbestritten, nur über den Weg gibt es aber noch keinen Konsens: In Winterthur soll es endlich ein eigenes Elite-Team im Frauenfussball geben, damit junge Talente nicht mehr nach Zürich oder St. Gallen abwandern oder die Fussballschuhe kurzerhand an den Nagel hängen.

Die Forderung nach einer besseren lokalen Frauenförderung hat die Ex-Nationalliga-A-Spielerin Sarah Akanji letztes Jahr in einem Gespräch mit dem «Landboten» aufgestellt. Seither ist viel passiert. Akanji hat mit dem FC Winterthur und weiteren interessierten Kreisen Gespräche geführt und ein Projekt auf den Weg gebracht. Die besten Talente aus der Region sollen künftig in einem einzigen Team zusammenspielen, das organisatorisch dem FC Winterthur angegliedert werden soll. Doch noch fehlt ein wichtiges Puzzleteil für ihr Vorhaben.

Die Krux mit der Lizenz

Akanji und ihre Mitstreiterinnen müssten mit einem neu gegründeten Team ganz unten, in der vierten Liga anfangen. Das ist für gute Spielerinnen nicht attraktiv. Der Plan sieht darum vor, sich mit einem bestehenden Frauenteam, das eine 2.-Liga-Lizenz besitzt, zusammenzutun – oder im Fussballjargon: sich zu «gruppieren». Für Akanji ist der FC Wiesendangen dafür die erste Wahl.

Ihre Heimatgemeinde hat im Moment das stärkste Frauenteam der Region. Willigt der Club ein, würde das Team für drei Jahre als FC Winterthur/Wiesendangen weiterspielen. Danach soll es nur noch FC Winterthur heissen. Mit einer solchen so genannten Gruppierung würde die 2.-Liga-Lizenz bis zu einem Aufstieg in die Nati B beim FC Wiesendangen bleiben. Scheitert das Projekt, ginge die Lizenz zurück an Wiesendangen.

Der FC Wiesendangen wird am 21. April über den Vorschlag befinden. Im Verein und im betroffenen Team gehen die Ansichten auseinander. Akanji hat bei den Spielerinnen eine Umfrage gemacht. Demnach plädiert die Mehrheit der Spielerinnen für das Projekt, acht von ihnen würden in einem solchen Elite-Team mitspielen wollen.

Vier Spielerinnen sehen die Idee skeptisch, sie machen zur Bedingung, dass den wechselwilligen Wiesendangerinnen für ein Jahr ein Platz in der neuen Mannschaft garantiert würde. «Die Förder-Mannschaft soll aber kein Wiesendanger Team werden, das in Winterthur trainiert», betont Akanji. «Uns ist wichtig, eine wirklich neue Mannschaft mit den grössten Talenten aus der Region zu bilden.»

Die vier Fussballerinnen, die sich gegen das Projekt stellen, kritisieren, dass das Wiesendanger Team auseinandergerissen würde. Auch stören sie sich daran, dass das Projekt sozusagen «aus dem Boden gestampft» werden soll. «Ein Team muss von Grund auf aufgebaut werden, und also zuerst in der 4. Liga starten», sagt etwa Nadine Jenni, Verteidigerin beim FC Wiesendangen.

Auch im Vorstand des FC Wiesendangen sind die Meinungen geteilt. Der Präsident Martin Keller betont, er finde Akanjis Idee unterstützenswert. «Im Moment sind wir aber noch etwas skeptisch, weil das Projekt so schnell aufgestellt werden soll», sagt er. Aus der neuen Mannschaft dürfe kein Strohfeuer werden. Zudem wäre die faktische Übergabe der Lizenz an Winterthur natürlich schmerzlich für den FC Wiesendangen. «Aber vielleicht lohnt es sich, etwas aufzugeben, und dafür den talentierten Fussballerinnen aus der Region eine neue Chance zu geben», sagt Keller.

Zu wenig Nachwuchs

Falls der Vorstand des FC Wiesendangen Nein sagt zur Übergabe der Lizenz, würden die Initianten «andere in Frage kommende Vereine, die in der höchsten regionalen Liga spielen kontaktieren». Regional gleich hinter Wiesendangen in der 2. Liga klassiert ist das Frauenteam des FC Phönix Seen.

Dort findet man Akanjis Idee unterstützenswert. «Winterthur verdient langfristig eine Frauenmannschaft, die in der Topliga mitspielt», sagt Phönix-Präsident Roger Inglin. Auch er warnt aber davor, etwas zu überstürzen. «Wir waren überrascht, als uns die Projektleiter erst vor Kurzem über ihr Vorhaben informiert haben.» Besonders wichtig sei, dass das Projekt von allen regionalen Vereinen getragen werde, sagt Inglin. «Es müssen alle an einem Strick ziehen.» Die Aufstellung eines Elite-Teams könnte mehrere regionale Frauenmannschaften gefährden, weil diese oft nur knapp genug Spielerinnen haben. Die fehlende zahlenmässige Breite im Nachwuchs ist derzeit noch das Hindernis in der Förderung des Frauenfussballs.

Eine Mehrheit der regionalen Vereine müsse das Projekt mittragen, sagt auch der FC Winterthur-Geschäftsführer Andreas Mösli. Akanjis Vorhaben stelle diese Vereine nun vor einen Grundsatzentscheid. «Es geht darum, ob wir den Frauen in Winterthur dieselben Chancen bieten wollen, wie den Männern.» Die Unterstützung der regionalen Vereine sei deshalb entscheidend, weil sie bereit sein müssten, ihre besten Spielerinnen an das Elite-Team abzugeben, sagt Mösli. Bei den Männern laufe das heute genau so: Der FC Winterthur hat mit den regionalen Clubs vereinbart, dass sie die besten Spieler nach Winterthur schicken. «Das müsste bei den Frauen auch so funktionieren.»

Erstellt: 18.04.2016, 12:02 Uhr

Sichtungstraining auf der Schützenwiese

Für das geplante Elite-Team wurde am vergangenen Dienstag ein erstes Sichtungstraining durchgeführt. Daran haben 38 Frauen teilgenommen. Ein Zweites findet am Dienstag, 19. April um 20:30 auf der Schützenwiese statt. Interessierte Personen können sich via die Facebook-Seite «Spitzenfussball für Frauen in Winterthur» an die Projektleiterin Sarah Akanji wenden.

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