Quote

Sie wollen keine «Quotenfrauen» sein

Dass sich der Stadtrat für eine Frauenquote im Kader ausspricht, weckt Diskussionen. Auf bürgerlicher Seite lehnen auch Frauen die Quote ab. Wir haben drei von ihnen nach den Gründen gefragt.

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In den obersten zwei Kaderstufen der Stadt arbeiten 70 Prozent Männer und 30 Prozent Frauen, und das, obschon Frauen mit 61 Prozent beim städtischen Personal klar in der Überzahl sind. Mitte- und Linksparteien stören sich schon länger an dieser Verteilung und haben darum eine von der GLP initiierte Motion unterstützt, die die Einführung einer Frauenquote im Kader verlangt.

Kehrtwende im Stadtrat

Stand der Stadtpräsident dem Vorstoss im April noch skeptisch gegenüber, hat sich der Stadtrat in seiner neuen Besetzung nach den Wahlen nun hinter das Anliegen gestellt. Er legt einen Antrag vor, der wie verlangt im Kader einen Frauenanteil von 35 Prozent vorsieht, aber nicht starr auf einzelne Abteilungen angewendet werden soll. Wird die Quote verfehlt, müssen sich die Verantwortlichen vor dem Parlament erklären – «comply or explain» (einhalten oder erklären) nennen die Amerikaner dieses Prinzip.

Während GLP und Linke zufrieden sind, stösst der Stadtratsentscheid im bürgerlichen Lager auf Unverständnis. Auch Frauen lehnen die Frauenquote ab. «Warum eigentlich?» – das haben wir drei bekannte Winterthurerinnen gefragt.

Chantal LeupiFinanzfachfrau, Alt-Gemeinderätin der SVP und ehemalige höchste Winterthurerin. 
Bild: Johanna Bossart

«Ich war schon gegen die Motion, als diese im Gemeinderat überwiesen wurde. Ich vertraue dem Stadtrat und der Stadtverwaltung, dass das Personal nach qualitativen Massstäben ausgesucht wird und Frauen nicht übergangen werden. Eine Quote, wie sie jetzt vorgeschlagen wird, schadet den Frauen mehr, als sie nützt. Dadurch kommen allenfalls Frauen in Kaderpositionen, die dafür nicht genug qualifiziert oder geeignet sind. Und wenn sich dann später qualifizierte Frauen auf eine Kaderstelle bewerben, ist die Skepsis grösser oder es heisst vielleicht: Wieder so eine Quotenfrau!

Dass Frauen noch in der Minderzahl sind im Kader, hat womöglich eher mit der Mentalität zu tun. Frauen unterschätzen sich tendenziell eher. Ich konnte das bei mir selbst beobachten. Teilweise hatte ich Selbstzweifel und einen Bammel vor dem Amt als Ratspräsidentin. Dann habe ich mich selber positiv überrascht.

Das Geschlechterverhältnis im Kader wird sich weiter angleichen. Die Rahmenbedingungen – Ausbildungsmöglichkeiten und Betreuungsplätze für Kinder – sind heute sehr gut, und als Vorbilder gibt es doch einige erfolgreiche und starke Frauen. Somit steht einem Wandel eigentlich nichts mehr im Weg.»

Romana HeubergerKommunikations-Unternehmerin und 
Gemeinderätin der FDP Winterthur.
Bild: PD

«Ich bin heute in dem Verwaltungsrat, in dem ich sitze, die einzige Frau – das war ich in meiner Karriere schon in vielen Gremien. Ich war immer stolz darauf, wegen meiner Leistungen berufen worden zu sein und nicht, weil ich eine Frau bin. Für mich ist ganz klar: Man muss jede Position mit der besten Person besetzen wollen, unabhängig vom Geschlecht. Die Bereitschaft, auch auf Kaderstufe qualifizierte Frauen einzustellen, ist heute in der Wirtschaft sehr gross.

Dass es in höheren Funktionen immer noch weniger Frauen als Männer hat, hat auch mit den Bewerbungen zu tun. Wenn ein Mann 70 Prozent der Anforderungen erfüllt, bewirbt er sich. Eine Frau tut das erst, wenn sie 100 Prozent erfüllt. Frauen trauen sich weniger zu als Männer. Hier braucht es sicher einen Wandel. Hingegen sage ich immer: Schlimmer als eine Standardquote ist eine Quotenfrau. Niemand will eine Quotenfrau sein.

Es ist absolut wünschenswert, dass es mehr Frauen im Kader gibt. Aber die Vorlage wird in der Realität nichts nützen und ist überflüssig – es gibt doch nicht ernsthaft ein Departement in der Stadt, das eine gleich qualifizierte Frau nicht nehmen würde. Der Wandel ist bereits in vollem Gange.»

Karin LeuchKommunikations-Unternehmerin und Vorstandsmitglied des KMU-Verbandes. 
Bild: Johanna Bossart

«Über eine Anstellung sollte keine Quote entscheiden, sondern die Qualität und der Leistungsausweis der Bewerberin oder des Bewerbers. Eine aufgezwungene Geschlechterquote tut einem Unternehmen aus meiner Sicht alles andere als gut. Zum einen was die Qualität der Arbeit betrifft, aber auch die Stimmung im Team.

Nicht, dass man mich missversteht, ich finde es wichtig, dass mehr Frauen an die Spitze kommen, ein guter Mix im Kader ist enorm wertvoll. Einer weniger gut qualifizierten Kandidatin den Vorzug zu geben, kann aber nicht der Weg sein. Es gibt auch Bereiche und Branchen, wo der Anteil der Frauen tief ist, das muss man akzeptieren.

Frauen brauchen mehr Mut und Selbstbewusstsein. Ob es Fördermassnahmen braucht, kann ich nicht sagen. Die Dinge ändern sich schon jetzt. Als ich im Vorstand des KMU-Verbandes Einsitz nahm, war ich die einzige Frau. Heute sind wir schon zu dritt, bei sieben Männern. Klar ist, wer Karriere machen will, muss sich fokussieren. Es gibt auch Frauen, die eine Familie gründen und sich um ihre Kinder kümmern wollen. Ich erlebe in meinem Umfeld, dass immer noch mehr Frauen als Männer einen solchen Lebensentwurf wählen. Auch diesbezüglich kann man mit einer Quote nichts erzwingen.» (Landbote)

Erstellt: 11.10.2018, 09:06 Uhr

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