Winterthur

Siebzig Kindergeigen für ein Happy-End

Ein Blasorchester aus Töss und eine Primarschule, in der jedes Kind Geige spielt, spannen zusammen. Das Resultat ist das Kindermusical «Rumpelwolf und Dornenstilzchen», das am Samstag aufgeführt wird.

Zum ersten Mal zusammengespielt haben das fünfzigköpfige Orchester und die 150 Schüler letzten Samstag und Sonntag bei der zweitägigen Probe in der Rebwiesen-Turnhalle.

Zum ersten Mal zusammengespielt haben das fünfzigköpfige Orchester und die 150 Schüler letzten Samstag und Sonntag bei der zweitägigen Probe in der Rebwiesen-Turnhalle. Bild: zvg

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Den Zauberlehrlingen Baba, Yaga und Frieda ist langweilig. Als Mutprobe öffnen sie eine Zaubertruhe. Fünf Töne entfliehen daraus, und bald steht die ganze Märchenwelt Kopf: Rotkäppchen ist jetzt fernsehsüchtig und die Grossmutter will den Wolf fressen. Das Kindermusical «Rumpelwolf und Dornenstilzchen», das am Samstagnachmittag und -abend in der Parkarena Hegi aufgeführt wird, ist eine regelrechte Grossproduktion. Auf der Bühne sitzen 150 Kinder, ein ganzes Primarschulhaus samt Kindergarten, dazu ein 50-köpfiges Blasorchester. Zustande gekommen ist das Projekt auch aus verletztem Quartierstolz. «Über Töss hört und liest man meist nur, wenn es schlecht läuft», sagt Verena Fehr, die Präsidentin der Stadtharmonie Winterthur-Töss. «Dabei bietet der Stadtteil viel Lebensqualität und Vielfalt.» Um diese andere Seite zu zeigen, und Töss positive Schlagzeilen zu bescheren, suchte die rührige Präsidentin den richtigen Partner. Und fand ihn im Schulhaus Rebwiesen.

In der Primarschule an der Schlosstalstrasse wird nämlich seit Jahren täglich musiziert. Vor fünf Jahren gab es hier die erste «Streicherklasse», inzwischen lernt jede Schülerin und jeder Schüler ab der ersten Klasse ein Saiteninstrument, Geige, Cello oder Ukulele. Möglich ist das durch private Instrumentenspenden und den besonderen Einsatz der Lehrkräfte. Sie leisten dies ohne zusätzliche Musikstunden, neben dem ganz normalen Schulbetrieb.

Alles ist massgeschneidert

Wie das klingt, wenn Dutzende kleine Geigenbögen über die Saiten kratzen, testeten einige Orchestermitglieder, als sie das Weihnachtssingen der Schule Rebwiesen besuchten. «Sie waren gerührt», sagt Schulleiter Christian Joss. So richtig spürbar wurde der «Rumpelwolf» nach den Sommerferien: Jetzt wurden die Rollen verteilt. Jede Klasse ist für ein Märchen zuständig, die Sechstklässler spielen die Hauptrollen. In einer Projektwoche im September begann der extra engagierte Regisseur Thomas Hauck, die Szenen zusammenzusetzen. Aus Holzlatten wurden abstrakte Bühnenelemente gezimmert und bunt bemalt, und Kostüme zusammengestellt. Und natürlich wurde das Stück noch auf das Rebwiesen massgeschneidert: So kommen das Schulhauslied vor, ebenso die zwei Schulhausmaskottchen Räbi und Wisi.

Die Aufsicht über das Grossprojekt liegt bei der Stadtharmonie Winterthur-Töss. Diese gibt es zwar schon seit 1879, doch das Orchester ist alles andere als verstaubt. Der Altersschnitt liegt deutlich unter vierzig, der Ehrgeiz ist hoch, das Repertoire breit. «Alle zwei, drei Jahre machen wir etwas Verrücktes», sagt Präsidentin Verena Fehr. Für nächstes Jahr sind bereits eine grosse Produktion von «Carmina Burana» geplant, sowie ein Auftritt im Vatikan.

Zum ersten Mal zusammengespielt haben das fünfzigköpfige Orchester und die 150 Schüler letzten Samstag und Sonntag, bei der zweitägigen Probe in der Rebwiesen- Turnhalle. «Das war ein wahnsinniges Erlebnis», sagt Verena Fehr. «Die Freude an der Musik war auf beiden Seiten riesig.» Auch Schulleiter Joss, der mit dieser «grossen Kiste» (wie er es nennt) ein Wagnis eingegangen ist, zeigt sich begeistert: «Die Musiker bringen ganz viel Verständnis für die Kinder mit, und diese profitieren von den erwachsenen Vorbildern.»

Zugang zu Musik ermöglichen

Für Joss ist das Wichtigste, dass jedes Kind eine Rolle bekommt, nicht nur die Stärksten. Das entspricht nämlich auch der Schulhaus-Philosophie. «Oft spielen in solchen Projekten nur die begabtesten Kinder mit, zum Beispiel die, die ohnehin schon ein Instrument spielen.» In vielen Quartieren finde man diese Kinder auch problemlos. In Töss nicht. Das Quartier ist wirtschaftlich heterogen, die Hälfte der Kinder spricht zuhause eine andere Sprache. «Die meisten Kinder haben zuhause keinen Zugang zur Musik», sagt Joss. «Manche Eltern könnten oder würden keinen Musikunterricht bezahlen.» Hier setzt die Musikförderung im Klassenzimmer an.

Für die Umsetzung von «Rumpelwolf und Dornenstilzchen» floss übrigens kein Rappen Steuergeld von der Stadt. Der Stadtharmonie und der Schule gelang es, Gönner und Spender zu finden. Damit die Rechnung aufgeht, sollte die Parkarena am Samstag möglichst gut gefüllt werden, 1500 Plätze gibt es. Tickets sind an der Abendkasse erhältlich. Das erklärte Ziel von Verena Fehr: Dass nach dem Zahlen aller Rechnungen noch genügend Geld übrig bleibt für ein gemeinsames Essen des Orchesters mit allen Schülern.

(Der Landbote)

Erstellt: 09.11.2017, 14:49 Uhr

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