Winterthur

So funktioniert die neue Jihad-Fachstelle

Eine neue Fachstelle der Stadt Winterthur soll verhindern, dass Jugendliche in den heiligen Krieg ziehen. Stadtpräsident Michael Künzle sagt wie. Und warum die Stadt so lange schwieg.

«Wir schwiegen, weil wir nicht weitere mögliche Jihad-Reisende animieren wollten», sagt Stadtpräsident Michael Künzle (CVP) im Interview. (Archivbild)

«Wir schwiegen, weil wir nicht weitere mögliche Jihad-Reisende animieren wollten», sagt Stadtpräsident Michael Künzle (CVP) im Interview. (Archivbild) Bild: Heinz Diener

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Herr Künzle, Winterthur schafft eine Präventionsstelle für Extremismus und Gewaltprävention. Damit meinen Sie: Islamismus?
Michael Künzle: Das steht tatsächlich im Vordergrund. Aber vielleicht verschieben sich über die Zeit die Schwerpunkte oder neue Themen tauchen auf.

Wer darf sich an diese Stelle wenden?
Wirklich alle. Eltern, Lehrkräfte, Arbeitgeber, Vereinsmitglieder oder die Verwaltung. Insbesondere alle, die sich Sorgen machen, weil sich ein junger Mensch im nahen Umfeld verändert hat.

Was passiert dann?
Die Fachperson weiss die Lage zu beurteilen und kann eine erste Einschätzung treffen, wie ernst der Fall ist. Vielleicht reicht es, Informationsmaterial abzugeben. Vielleicht können gezielt Fachpersonen oder Beratungsstellen weiterhelfen – wir verfügen in der Stadt ja über ein breites Instrumentarium. In ernsten Fällen muss unter Umständen auch die Polizei eingeschaltet werden. Die Fachstelle übernimmt diese erste Triage.

Wie sieht das Stellenprofil aus?
Es handelt sich um eine neue Achtzig-Prozent-Stelle. Voraussetzung ist ein abgeschlossenes Hochschul­ oder Fachhochschulstudium und die Person muss sich vorgängig mit der Thematik Radikalisierung auseinandergesetzt haben.

Sind besondere Sprachen- oder Islamkenntnisse nötig?
Das haben wir nicht ins Stellenprofil geschrieben.

Warum dieser Schritt? Hat Winterthur, wie von manchen Medien beschrieben, ein besonderes Jihad-Problem?
Nein, das haben wir nicht, aber wir haben ein paar Jihad­Reisende, das stimmt. Eine Studie der ZHAW besagt klar, dass die Radikalisierung übers Internet stattfindet. Was in der Nacht im elterlichen Haushalt an Handy und Computer passiert, können wir nicht alles überwachen.

Sie glauben also nicht, dass extreme Gruppen in Winterthur gezielt Jugendliche anwerben?
Diese Beurteilung überlasse ich den Fachleuten und der Polizei.

In den letzten anderthalb Jahren beantwortete die Stadt so gut wie keine Anfragen zum Thema Jihad. Diese Informationssperre wurde oft kritisiert. Hat das Schweigen die Verunsicherung nicht noch verschlimmert?
Ich bin überzeugt, dass wir richtig gehandelt haben. Ich würde es heute wieder gleich machen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Einerseits entsprach es dem dringenden Wunsch der Sicherheitsbehörden. Sie wollten die Ermittlungen nicht gefährden. Andererseits wollten wir wegen einiger Jihad-­Reisenden mit unserer Stadt nicht in den nationalen Fokus geraten und vor allem nicht weitere mögliche Jihad-­Reisende animieren.

Der Imageschaden ist dennoch passiert.
Da tragen aber auch die Medien eine Mitverantwortung.

Was geschah hinter den Kulissen?
Als bekannt wurde, dass ein Geschwisterpaar nach Syrien gereist ist, wurde eine Arbeitsgruppe gegründet, später eine zweite. Diese haben sich innerhalb der Verwaltung intensiv vernetzt und die Lage dauernd analysiert. Sie bestehen weiter und können dem Stadtrat auch weiterhin Massnahmen vorschlagen. Kürzlich fanden zudem vier von der ZHAW durchgeführte halb- und ganztägige Workshops statt, an denen 200 Personen aus dem Umfeld von Schule und Jugendarbeit teilnahmen. Eine erste Weiterbildung zum Thema Radikalisierung im Schulkontext wurde schon im September 2015 durchgeführt.

Wie kam das bei den Lehrern an?
Sehr positiv. Die Verunsicherung und der Informationsbedarf waren teilweise gross. Oft wurde der Wunsch nach einer Ansprechsperson in Verdachtsfällen geäussert, wie wir sie jetzt schaffen. Übrigens auch seitens der Moscheen.

Deren Vertreter wollen Sie demnächst zu einem zweiten Treffen einladen. Und «konkrete Schritte aufgleisen». Welche?
Ich will dem Treffen nicht vorgreifen. Aber es ist wichtig, dass der Kontakt gepflegt wird. Auch das wird eine Aufgabe der neuen Fachstelle sein.

Wird sie die schweizweit erste sein?
Nein, Vorbild ist die Stadtzürcher Fachstelle für Gewaltprävention. (Der Landbote)

Erstellt: 17.05.2016, 17:58 Uhr

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