Winterthur

Stadttor und Coop-Haus abreissen: Das sind die radikalen Planerideen

Am Hauptbahnhof braucht es grosse Veränderungen, damit künftig mehr Züge verkehren können. Verschiedene Planungsbüros wälzen im neu vorgestellten «Synthesebericht zum ­Testplanungsverfahren» sehr weitgreifende Ideen.

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Mehr Platz für Gleise am HB

Am HB braucht es bis in gut 30 Jahren ein bis zwei zusätzliche Durchgangsgleise und breitere Perrons, so haben die Planer errechnet, doch die Voraussetzungen dafür sind nicht gut: Auf dem Gleisfeld ist kein Platz mehr, und die angrenzende Rudolfstrasse ist sehr schmal.

Die naheliegende Lösung, einen Tiefbahnhof zu bauen, hat man kritisch beurteilt, wie der Projektleiter im Amt für ­Städtebau, Nicolas Perrez, sagt: «Der Bahnhof müsste unter der Eulach liegen, also sehr tief. Die Gleisrampen würden dadurch extrem lange und wir müssten damit das ganze Innere Lind verbauen, was wir nicht möchten.»

Einzelne der beigezogenen Planerbüros schlagen radikale Alternativen vor: Das Stadttor (Einkaufsgebäude bei der Hauptunterführung) könnte zusammen mit dem benachbarten Coop-Gebäude sowie dem erst kürzlich erstellten Raiffeisen-Haus auf der anderen Seite des Bahnhofgebäudes abgerissen werden. Das Bahnhofgebäude selbst würde ausgehöhlt und ein oder zwei Gleise durch das Haus gezogen.

Ob sich das realisieren liesse, ist fraglich: Das Coop-Gebäude ist anders als die anderen Bauten, die den SBB gehören, in Privatbesitz. Die Eigentümerin Swiss Life teilt mit, es habe bislang keinen Kontakt zur Stadt oder den SBB gegeben; eine Enteignung scheint auch bei hoher Entschädigung schwierig. Hinzu kommt: Das Bahnhof­gebäude steht unter dem höchsten Bundesschutz.

Allenfalls könnte das Haus, so wie vor ei­niger Zeit das Direktionsgebäude der alten Maschinenfabrik Oer­likon, nach vorne verschoben werden, um dahinter Platz für mehr Gleise zu schaffen; dies allerdings würde den Bahnhofplatz mit dem Busbahnhof verkleinern. Eine weniger radikale Variante sieht eine Verschmälerung der Rudolfstrasse hinter dem Bahnhof vor.

Auch über die Aufhebung des Parkdecks für Autos über den ­Gleisen wird diskutiert. Damit würde eine Bausünde aus den 1980er-Jahren rückgängig gemacht und es könnte entweder der Perronbereich heller werden oder aber über den Gleisen könnten neue Büros und Geschäfte entstehen. Die Parkplätze auf dem Dach würden durch ein neues Parking ersetzt, beispielsweise am Ort der alten Güterschuppen südlich der Zürcherstrasse, deren Gebäude allerdings im städtischen Schutz­inventar verzeichnet sind (siehe Punkt 2).

Erst langfristig zum Thema werden könnte eine Verbreiterung der Hauptunterführung, wie sie aktuell bei der Unterführung beim Raiffeisen-Gebäude (Nordunterführung) begonnen wird. Kurzfristig sei eine «Verschönerung» oder «Pinselrenovation» der Hauptunterführung vorstellbar, sagt Baustadtrat Josef Lisibach (SVP), doch ­habe dies nichts mit der aktuellen Testplanung zu tun.

Insgesamt liegt in diesem Bereich keine brauchbare Lösung vor; «die Testplanungsbeiträge konnten das Ziel noch nicht erreichen», heisst es im Bericht.

Am liebsten alles im Süden: Gleise, Parking, Neubau

Auf dem Areal südlich der Zürcherstrasse könnte man verdichten oder auch ein neues Parkhaus hinstellen (siehe 1). Wenn da nur nicht die Güterschuppen stünden (Club Bolero und andere), die sich im Schutz­inventar befinden, ebenso wie das Salzhaus. Letzteres könnte abgerissen und durch einen höheren Neubau ersetzt werden. Diese Variante sei kritisch beurteilt worden, betont man bei der Stadt; im Bericht steht: «Der Vorschlag soll in die weiteren Planungen mitgenommen werden.»

Allerdings haben die SBB noch ganz anderen Bedarf: Man überlegt, hier einen Kopfbahnhof zu bauen mit mindestens zwei Gleisen. Dieser könnte dauerhaft genutzt werden oder zumindest provisorisch den HB entlasten während der Zeit, in der die geplanten Perronverbreiterungen vorgenommen werden.

Die Entlassung historischer Gebäude aus dem Schutzinventar ist grundsätzlich bei «überwiegendem öffentlichem Interesse» möglich. Peter Niederhäuser vom Heimatschutz hält das Salzhaus für einen wichtigen Zeitzeugen: «Es ist ein wesentlicher Teil der Bahnhofbebauung und steht für die Zeit des Aufbruchs in Winterthur.» Veränderungen seien aber nicht ausgeschlossen. Die Salzhaus-Betreiber wussten bislang nichts Genaues von den Planungen. Man habe erst kürzlich einen neuen Fünfjahresvertrag von der Stadt bis Ende 2024 erhalten, sagt Geschäftsleiter Kajo Böni.

Lokremise und Freiraum

Westlich der Gleise liegt einer der wenigen Be­reiche, in denen schon vieles klar zu sein scheint. Das ­so­genannte Depot-West-Areal soll «zurückhaltend genutzt», also mit eher wenigen Veränderungen erhalten bleiben. Zentral ist hier, dass der Erhalt der geschützten Lokremise nicht hinterfragt wird.

Zudem will man die historische Industriefassade des Sulzer-Areals (unter anderem mit der heutigen ZHAW-Bibliothek) nicht mit neuen Häusern ver­bauen. «Fussgänger» und «Aufenthaltsqualität» lauten hier die Stichworte – was «massvolle» ­Zusatznutzungen nicht ausschliesst. Auch eine neue Gleisquerung zwischen der Zürcherstrasse und der Wylandbrücke würde man gerne bauen.

Eine Brücke und ein Haus

Während man im Norden vieles verändern möchte, soll im südlichen ­Vogelsang das meiste beim Alten bleiben. Das Gebiet soll weiterhin für den Güterverkehr und andere Bahnanlagen genutzt werden. Zwar hat man auch hier einige Varianten geprüft, jedoch mehrheitlich verworfen.

So seien weder eine Gleisüberbauung noch ver­schiedene Verlegungsvarianten wirtschaftlich und raumplanerisch sinnvoll. Bau­liche Nutzungen hätten zudem infolge der ­Lage des Areals am Hangfuss in der Höhe beschränkt werden müssen.

Allerdings will man weiter ­prüfen, ob nicht auch hier, so wie weiter nördlich, eine zusätzliche Gleisquerung gebaut werden könnte, also eine Brücke, auf der sich die Bahngleise überqueren lassen. Ebenfalls könnte gleich südlich der ­Wylandbrücke ein neues Gebäude erstellt werden, so denken die Planer; es handelt sich um einen lang gezogenen, sehr schmalen Landbereich.

­Aufgrund des Lärms (Lage unmittelbar an den Gleisen) scheint fraglich, ob das hier zu positio­nierende Gebäude für eine Wohnnutzung geeignet sein könnte.

Hochhäuser oder nicht?

Viel Aufwertungspotenzial bietet gemäss den Planern das Gleisdreieck im Norden zum Kantonsspital hin; hier befinden sich heute ­wenig gebrauchte Gleise, Lok­remisen, SBB-Häuschen und ein Parkplatz. An dieser Stelle ­könnten zum Beispiel Hoch­häuser gebaut werden, eine ­Variante, die im Planungsbericht allerdings nicht sehr euphorisch beschrieben wird. «Hochhäuser sind grundsätzlich möglich», heisst es da, allerdings brauche es für diese eine übergeordnete ­Gesamtstrategie.

Damit ist nicht etwa ein Hochhauskonzept gemeint, über das die Stadt bislang bekanntlich nicht verfügt, wie Baustadtrat Josef Lisibach (SVP) auf Nachfrage präzisiert. «Möglich» ist laut dem Planungs­bericht auch eine sanftere ­Entwicklung unter Erhalt ein­zelner der bestehenden Bauten. Die von ein­zelnen Planungsteams vor­geschlagenen Bebauungen des Gleisfelds sehen dagegen viele lang gezogene Blöcke oder aber ein grosses, unterteiltes Gebäude mit Innenhof vor.

Das eigentlich sehr zentral ­gelegene Grundstück hat einen Nachteil: Es ist nur von Norden her erschlossen, im Osten und Westen wird es von den Gleisen abgeschnitten. Diese Orientierung nach Norden würde es eigentlich für eine Nutzung durch das Kantonsspital prä­destinieren, was noch genauer diskutiert werden soll. Geprüft werden soll auch eine Anhebung des stark abgesenkten Areals zur Lindstrasse hin.

(Der Landbote)

Erstellt: 25.05.2018, 10:36 Uhr

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