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«Städtebau ist wie Fussballtraining»

Michael Hauser ist seit dieser Woche nicht mehr Stadtbaumeister. Er blickt auf zehn Jahre zurück, in denen in der Stadt rund acht Milliarden verbaut wurden. Seine Wünsche: Die Freiräume besser gestalten – und den Bahnhof verschieben.

«Am schwierigsten sind die Freiräume»: Michael Hauser, seit Donnerstag ehemaliger Stadtbaumeister, schaut vom Bäumli auf Winterthur und ortet bei den Parkanlagen in den Quartieren Nachholbedarf.
«Am schwierigsten sind die Freiräume»: Michael Hauser, seit Donnerstag ehemaliger Stadtbaumeister, schaut vom Bäumli auf Winterthur und ortet bei den Parkanlagen in den Quartieren Nachholbedarf.
Marc Dahinden

Wie sähe Winterthur heute aus, wenn das Amt für Städtebau vor zehn Jahren nicht gegründet worden wäre?Michael Hauser: Ich denke, dass mehr Planungs- und Baugeschäfte ins Stocken geraten oder gescheitert wären. Prominentes Beispiel dafür ist das Werk 1 auf dem Sulzerareal. Wenn wir dieses Projekt nicht begleitet und zwischen den Interessen vermittelt hätten, hätte es an Akzeptanz gefehlt und das Projekt wäre wohl untergegangen, wie man das früher auf dem Sulzerareal schon erlebt hat. Im Amt für Städtebau sind viele Kompetenzen vereint, wir konnten auf ein gutes Einvernehmen in Baufragen mit Politik, Bevölkerung, Fachkreisen und Investoren setzen.

Das Amt für Städtebau als Prozessbeschleuniger?Nein, beschleunigen alleine bringt nichts. Wir lotsen Bau- und Planungsprojekte so schlank wie möglich durch die Prozesse, damit ein Ergebnis entsteht, das gut ist für Winterthur.

Wie geht das Amt für Städtebau dabei konkret vor?Wir setzen auf gemeinsame Auslegeordnungen mit den Beteiligten und Betroffen und auf Architekturwettbewerbe. Vor allem Wettbewerbe bewähren sich: Auch ein Hochspringer bringt im Wettkampf eine bessere Leistung als im Training. Aktuell sind wir beispielsweise daran, den Neubau des Kantonsspitals noch einmal anzuschauen...

«Vor allem Wettbewerbe bewähren sich: Auch ein Hochspringer bringt im Wettkampf eine bessere Leistung als im Training.»

Michael Hauser

Was gibt es dort auszusetzen?Das Gebäude ist eine hochkomplexe Gesundheitsmaschine. Gleichzeitig entsteht das zur Zeit grösste, für die Bevölkerung weitherum sichtbare Gebäude in der Stadt. Wir setzen uns dafür ein, dass es ins Stadtbild passt.

Und die hören jetzt auf Sie?Das Amt für Städtebau ist gut unterwegs. Aber man muss immer dranbleiben. Wir sind wie der Trainer beim Fussball: Manchmal muss man die Mannschaft ein bisschen fordern. Aber die Spieler sind auch dankbar dafür, wenn einer sagt, den Pass musst Du besser abnehmen oder dort musst Du noch schneller rennen. Das funktioniert auch im Städtebau so.

In den letzten zehn Jahren unter Ihrer Ägide als Stadtbaumeister sind geschätzte acht Milliarden Franken in Winterthur verbaut worden. Ein historischer Boom. Wird die Stadt auch schöner?Ob wir unsere Aufgabe gut gemacht haben, kann erst die kommende Generation abschliessend beurteilen. Wir achten darauf, dass das, was neu kommt, auf der Höhe der Zeit ist, aber sich auch in die Stadt einfügt. Was aus meiner Sicht am schwierigsten ist, sind die Freiräume, also der Platz zwischen Gebäuden. Sie müssen hochwertiger werden und mehr für die Bevölkerung leisten. Das bedeutet etwa, dass wir Wiesen in Pärke verwandeln müssen. Wie in Neuhegi, wo der Eulachpark mit einem Grünring erweitert wird.

«Ob wir unsere Aufgabe gut gemacht haben, kann erst die kommende Generation abschliessend beurteilen.»

Michael Hauser

Mit dem Eulachpark in Neuhegi und dem Katharina-Sulzer-Platz im Sulzerareal hat die Stadt doch für Freiräume gesorgt.In diesen beiden Entwicklungsgebieten schon. In der Umgebung von Schul- und Sportarealen oder an der Töss gibt es aber noch viel zu tun. Diese «Lungen» in den Quartieren sind von zentraler Bedeutung, um den Wachstumsdruck mit vergleichsweise tiefen Kosten abzufedern.

Also spart die Stadt beim Grünraum zu stark und kurzsichtig?Öffentliche Räume gelten in Winterthur leider noch immer als «nice to have», aber nicht als notwendig für das Zusammenleben. Das hat man beim Teuchelweiher-Platz gesehen. Das Parkhaus wurde gebaut, beim Platz landete man am Schluss bei einer Nulllösung. Ich bin aber optimistisch. Vielleicht war hier der Druck noch nicht genügend hoch, aber der Teuchelweiherplatz wird von der nächsten Generation gestaltet.

Ihr Lieblingsbeispiel für eine gute städtebauliche Entwicklung ist der Lagerplatz. Warum?Mir gefällt die Geschichte dieses Areals. Zuerst wusste man nicht so recht, was man machen sollte. Danach hat sich im Zusammenspiel der Besitzerin Stiftung Abendrot und den bisherigen Nutzern viel Überraschendes entwickelt. Nehmen wir das Portierhäuschen: Abendrot hat es gleich am Anfang zur Bar umgebaut und Winterthur damit einenTreffpunkt geschenkt. Im Lagerplatzareal lebt die Industriegeschichte wie sonst kaum irgendwo in der Stadt. Bestand, wirtschaftlicher Erfolg und Freiraum für neue Ideen beflügeln sich. Auch als Amt haben wir beim Lageplatzareal gelernt, dass es für eine gute Lösung richtig sein kann, ab und zu von den eigenen Grundsätzen abzuweichen.

«Es ist, wie in einem Chor. Es zählt das Ganze. Es muss nicht jedes Gebäude laut singen.»

Michael Hauser

Ganz anders verläuft die Entwicklung in Neuhegi, wo auf der grünen Wiese gebaut wird. Die Bauten dort gefallen niemandem besonders. Ihnen schon?Grosse Neubaugebiete sind am Anfang einfacher zu entwickeln, gesellschaftlich aber viel anspruchsvoller. Meiner Meinung sind wir auf gutem Weg. Besonders die Bewohnenden im Mehrgenerationenhaus kümmern sich um das neue Quartier und auch das zur Zeit entstehende grösste Holzhaus der Schweiz erweckt positive Aufmerksamkeit. Aber es ist klar: Ein neues Quartier braucht Zeit, bis es erwachsen ist.

Die Vorzeigeprojekte sind Ausnahmen. Die meisten Blöcke in Neuhegi sind nicht schön.Es ist wie in einem Chor. Es zählt das Ganze, dabei müssen nicht alle laut singen. Wie gesagt: Schnell entstehende Neubaugebiete auf der grünen Wiese haben ein Grundproblem. Vielleicht weil sie zu wenig zentral sind, vielleicht weil sie zu wenig Heimatgefühle wecken. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Parzellen zu gross und gleichförmig und die Eigentümer somit anonym sind. Institutionelle Eigentümer wie Pensionskassen wollen in der Regel auf der sicheren Seite stehen. Persönlich bin ich aber davon überzeugt, dass Projektentwickler gerade aus Risikoüberlegungen in der heutigen Zeit viel mehr nach Alleinstellungsmerkmalen suchen müssen.

Ein Vorwurf am Beispiel des Schulhauses in Neuhegi: Ihnen ist nur wichtig, dass am Schluss ein architektonisch schönes Gebäude dasteht. Ob es rechtzeitig fertig wird oder ob die Schüler mit dem Velo dazu hinfahren können, ist Ihnen egal.Ein Schulhaus zu bauen dauert fünf bis sieben Jahre: Landsicherung, Programm, Wettbewerb, Projektierung, Volksabstimmung und Bau. Mit dem Schulhaus Wallrüti ist nun das vierte Schulhaus innert zehn Jahren unterwegs. Zeigen Sie mir eine Zeit, in der in Winterthur vier grosse Schulhäuser in zehn Jahren gebaut wurden. Zudem: Ein Schulhaus steht 80 Jahre, prägt Generationen von Kindern und das ganze Quartier. Dieser Verantwortung muss man gerecht werden, und eine gute Lösung braucht ihre Zeit.

«Beim Bahnhof stellt sich die Frage, ob man in den nächsten Jahren 10 mal 100 Millionen oder einmal eine Milliarde investiert.»

Michael Hauser

Man könnte auch beim Bahnhofplatz sagen: Das Pilzdach ist ein Wurf. Aber um vom Bahnhof in die Altstadt zu gelangen, muss man immer noch den Bussen ausweichen. Eben doch: Ästhetik vor Funktionalität.Der Bahnhof ist ein laufendes Generationenprojekt, das alle 20 bis 25 Jahre neu überdenkt wird. Kann sein, dass die nächste Generation eine noch bessere Lösung für den Bahnhofplatz findet – oder der Verkehr dann ganz anders funktioniert. Darum haben wir auch eine Testplanung zum Gleiskorridor angestossen. Die grundsätzliche Frage ist doch: Hat der Bahnhof am jetzigen Ort noch genügend Platz?

Wollen Sie etwa den Bahnhof verschieben? Das wird teuer...Ich stelle mir grundsätzlich die Frage: Muss die Bahn die Stadt zerschneiden, dafür müssen Fussgänger, Autos, Velos, Busse und auch die Eulach unten durch? Was für Folgen hätte ein unterirdischer Bahnhof für die Stadt? Oder was wäre, wenn man den Schwerpunkt des Bahnhofs hundert Meter in Richtung Vogelsang verschiebt? Apropos Geld: allein der Brüttemer-Tunnel ist ein Milliardenprojekt. Beim Bahnhof stellt sich die Frage, ob man in den nächsten Jahren 10 mal 100 Millionen oder einmal eine Milliarde investiert.

Die klassische Schlussfrage: Was machen Sie jetzt?Das gleiche wie bisher. Planungs- und Bauprozesse gestalten und moderieren. Jetzt aber als privater Unternehmer. Zehn Jahre hatte ich sozusagen die Stadt Winterthur als einzigen Kunden. Das wird jetzt anders: Ich muss mir die Kunden selbst suchen und allein bedienen.

Haben Sie denn schon welche?Ja, es wird mir nicht langweilig.

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