Winterthur

Freispruch für Stamm und Brunner

Heute stehen zwei ehemalige Stiftungsräte der Stefanini-Stiftung vor Gericht. Ihnen wird Urkundenfälschung vorgeworfen. Nun hat das Bezirksgericht beide freigesprochen.

Hier tagt heute das Gericht: Vor Winterthurer Bezirksgericht ist der Streit um die Nachfolge in der Stefanini-Stiftung das Thema.

Hier tagt heute das Gericht: Vor Winterthurer Bezirksgericht ist der Streit um die Nachfolge in der Stefanini-Stiftung das Thema.

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Heute wird hinter den Türen des Winterthurer Bezirksgerichts ein weiteres Kapitel des Streits ums Erbe des verstorbenen Immobilien- und Kunstsammlers Bruno Stefanini geschrieben. Angeklagt sind der ehemalige Geschäftsführer von Stefaninis Immobilienfirma, Markus Brunner, sowie der ehemalige Finanzchef, Umit Stamm.

Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage wegen Urkundenfälschung. «Corpus delicti» ist das Protokoll einer Sitzung des Stiftungsrats der Stefanini-Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte SKKG am 9. Januar 2014. Stattgefunden hat dieses Treffen am damaligen Hauptsitz des Stefanini-Imperiums, im Haus an der Metzggasse, vis-à-vis des Franz-Carl-Webers mitten in der Winterthurer Altstadt. Brunner und Stamm waren damals beide Mitglieder des Stiftungsrats der SKKG und an der Sitzung mit dabei.

Die Staatsanwaltschaft wirft Markus Brunner vor, er habe das Protokoll der damaligen Sitzung «bewusst gefälscht». Laut Anklageschrift hat der hochbetagte Stifter Bruno Stefanini am Treffen nur schwer verständliche Aussagen gemacht. Im Protokoll wurde das in keiner Weise deutlich. Stattdessen seien dort entscheidende Veränderungen in Bezug auf die Nachfolge Stefaninis in der SKKG festgehalten worden, schreibt die Staatsanwaltschaft.

Aussage verweigert

Vor Gericht entziehen sich am Montagmorgen beide Beschuldigten der Befragung durch die Einzelrichterin. Die Aussageverweigerung begründen Sie mit den Erfahrungen, die sie im Vorfeld des Prozesses gemacht hätten. Brunner wie Stamm sind überzeugt, Opfer einer Kampagne der Nachkommen von Bruno Stefanini zu sein.

Neue Informationen bringt die Abklärung der persönlichen finanziellen Verhältnisse der Beschuldigten: Brunner bestätigt, als Geschäftsführer von Stefaninis Terresta AG 21 000 Franken pro Monat verdient zu haben. Hinzu kamen mehrere Zehntausend Franken für Vewaltungsratsmandate in Stefaninis Firmen. Weitere Einkünfte hatte er als Generalbevollmächtigter, als Bruno Stefanini seine Geschäfte nicht mehr selbst wahrnehmen konnte. Diese Leistungen konnte er offenbar separat abrechnen. Der Anwalt von Bettina Stefanini, die als Privatklägerin am Prozess teilnimmt, schätzt die Entschädigung, die Brunner für diese Tätigkeit in Rechnung stellte, für das Jahr 2018 auf eine Viertelmillion Franken, was Brunner nicht kommentieren will.

Stamm wiederum lehnt es generell ab, zu seinen finanziellen Verhältnissen eine Aussage zu machen. Laut der Einzelrichterin verdiente Stamm als Finanzchef der Terresta monatlich 16500 Franken, hinzu kam ebenfalls die Entschädigung für diverse Verwaltungsratsmandate in Stefaninis Firmen. Stefaninis Anwalt stellt wiederum eine Zahl in den Raum: So soll Stamm 2018 eine Gesamtvergütung von einer halben Million Franken bezogen haben, was der Angesprochene weder bestreitet noch bestätigt.

Woher stammt die Tonbandaufnahme?

Nach der ergebnislosen Befragung der Beschuldigten bringen die Plädoyers, die sich über mehr als drei Stunden hinziehen, neue Erkenntnisse. Die überraschendste vorweg: Die Tonaufnahme der Sitzung, auf welche die Anklage ihre Vorwürfe in weiten Teilen stützt, wurde von Umit Stamm selbst mit dem Mobiltelefon gemacht und von Brunner und Stamm den Behörden ausgehändigt. Für die Verteidiger der früheren Stefanini-Mitarbeitenden ist es ein deutliches Zeichen, dass ihre Mandanten sich keiner Straftat bewusst gewesen sind und für eine Urkundenfälschung die Täuschungsabsicht fehle.

Brunners Verteidiger argumentiert ausserdem, das Protokoll habe den Willen von Bruno Stefanini sowie die Sitzung in den entscheidenden Punkten korrekt wiedergegeben. Anders als von der Anklage beschrieben, sei Bruno Stefanini zudem durchaus noch fähig gewesen, seinen Willen kund zu tun. Viel Zeit verwendet der Verteidiger darauf, die Legitimation der in dieser Sitzung angestrebten Änderung der Stiftungsurkunde darzulegen. Er zitiert dafür aus Tagebucheinträgen Stefaninis von 2012, die 2017 entdeckt worden waren. Die Staatsanwaltschaft tut diese Herleitung später als irrelevant ab.

Auch der Verteidiger Stamms bezweifelt, dass das Protokoll den Sitzungsverlauf in einem strafbaren Sinne falsch darstellt. Zusätzlich argumentiert er, sein Mandant habe das Protokoll gar nicht unterschrieben, sondern allein ein Begleitschreiben an die Stiftungsaufsicht. Dieses stelle aber selbst keine Urkunde im rechtlichen Sinne dar. Das Protokoll habe Stamm zum Zeitpunkt der Unterschrift ferner noch gar nicht eingesehen. Die Staatsanwaltschaft hält entgegen, indem Stamm das Begleitschreiben an die Stiftungsaufsicht unterschrieb, habe er das gefälschte Protokoll miteingereicht.

Ausufernde Schlussworte

Für beide Beschuldigten verlangen die Verteidiger einen Freispruch, Brunner fordert zudem eine Genugtuung von 5000 Franken aus der Staatskasse. Die Staatsanwaltschaft fordert hingegen bedingte Geldstrafen von 67'200 Franken für Brunner und 52'200 Franken für Stamm sowie Bussen und eine Auflage der Gerichtskosten.

Die Beschuldigten nutzen zum Abschluss der Verhandlung die Möglichkeit eines Schlussworts, wobei sie beide weit ausholen und von der Einzelrichterin zur Ordnung angehalten werden. Im Kern sagen beide, dass sie einzig und ausschliesslich im Interesse ihres Patrons Bruno Stefanini gehandelt hätten und nun zu Unrecht zur Zielscheibe würden.

Das Bezirksgericht hat Markus Brunner und Umit Stamm am Abend vom Vorwurf der Urkundenfälschung frei gesprochen. Das Protokoll habe die tatsächlichen Beschlüsse der Stiftungsratssitzung korrekt wieder geben, sagte die Einzelrichterin. Weitere Aussagen im Protokoll stellten keine Urkunde im eigentlichen Sinn dar, sie seien somit für das Gericht irrelevant. Falsch wäre die Urkunde dann gewesen, wenn ohne Zweifel hätte nachgewiesen werden können, dass Bruno Stefanini in der Sitzung nicht mehr verstand, worum es in den Beschlüssen ging. Sonst sei zugunsten der Beschuldigten zu entscheiden. Die Richterin äusserte sich kritisch zur Notwendigkeit des Verfahrens. Der Streit in der Stiftung, die eine eigentliche Privatangelegenheit sei, habe schon viele Behörden beschäftigt. Das Strafverfahren sei nun noch so etwas wie der Wurmfortsatz dieser Verfahren gewesen.

Erstellt: 28.10.2019, 06:56 Uhr

Update folgt...

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