Valentinstag

«Stellen Sie sich mich auf Parship vor, da habe ich doch keine Chance»

Das Winterthurer Ehepaar Janka und Matthias Reimmann hat sich über eine Partnervermittlung für Menschen mit Handicap kennengelernt. Es brauchte ein paar glückliche Zufälle, bis sie sich kurz vor dem Valentinstag zum ersten Mal trafen.

In dieser akribischen Nachbildung der Panta Rhei hat Matthias Reimmann den Verlobungsring versteckt.

In dieser akribischen Nachbildung der Panta Rhei hat Matthias Reimmann den Verlobungsring versteckt. Bild: Madeleine Schoder

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Es ist eine Liebesgeschichte, wie sie im Buche steht: Mann trifft Frau, verliebt sich in sie. Frau will es aber langsam angehen. Ein Notfall tritt ein, Mann kann den Helden spielen und gewinnt so ihr Herz.

Bei Janka (43) und Matthias (38) Reimmann war es genauso, mit Ausnahme von ein paar Eigenheiten: Janka ist stark sehbehindert, Matthias hat wegen eines seltenen Gendefekts nur je drei Finger an beiden Händen und hört schlecht.

Kennengelernt haben sie sich auch nicht über Freunde oder am Arbeitsplatz, sondern über die «Partnervermittlung mit Herz» (siehe Interview), der einzigen Agentur in der Schweiz, die Vermittlungen für Menschen mit Handicap anbietet.

Reimmanns leben im Elternhaus von Matthias im Winterthurer Vogelsang-Quartier. Auf der Kommode des Wohnzimmers steht ein Strauss roter Rosen. «Den hat mir Matthias auf unseren Jahrestag geschenkt», sagt Janka.

Am 8. Februar vor vier Jahren hatten sie ihr erstes Date. Die gelernte Büroangestellte erzählt, wie sie, nachdem sie von der Partnervermittlung Matthias’ Kontaktdaten erhalten hatte, für ihr erstes Treffen auf der Panta Rhei von Zürich nach Rapperswil fuhren.

«Meine Überlegung war: Wenn es überhaupt nicht passen würde, könnte ich bei einem der Zwischenhalte immernoch aussteigen», sagt sie und lacht. Matthias erinnert sich, wie er am Kiosk im Bahnhof Stadelhofen nervös wartete. «Als Janka sich vorstellte, fragte sie direkt ob sie bei mir einhaken darf. Da waren die ersten Berührungsängste schon abgebaut.» Anders als für Janka war ihm schnell klar: Mit dieser humorvollen und aufgestellten Frau möchte er zusammensein. Er muss sich aber noch etwas gedulden. Erst als Jankas Kater Mogli ins Tierspital muss und Matthias Fahrdienst leistet und während Jankas Abwesenheit für ihren Blindenführenhund Django schaut, erobert er ihr Herz.

«Ich kann mich nicht an unseren ersten Kuss erinnern, aber was er da für mich getan hat, das werde ich nicht vergessen», sagt Janka. Knapp zwei Jahre später heiraten sie. Den Verlobungsring hat Matthias, der von Beruf Schreiner ist, in einer selbstgemachten, akribischen Nachbildung der Panta Rhei versteckt.

Oft bleibt es oberflächlich

Für Matthias ist es die erste Beziehung. Bevor er Janka kennenlernte, hatte er schon andere Partnervermittlungen ausprobiert. «Man kommt sehr schnell mit vielen Leuten in Kontakt, jedoch ist alles sehr oberflächlich», sagt er.

Er habe mit vielen Leuten Nachrichten ausgetauscht. «Aber sobald ich ein Foto von mir schickte, kam keine Antwort mehr.» Weil alles so anonym sei, funktioniere dies auf Parship oder anderen Online-Portalen.

Viele Menschen sind so auf Äusserlichkeiten fixiert, ich sehe den Menschen, wie er ist.Janka Reimmann

Bei der Partnervermittlung mit Herz sei dies anders. Matthias stiess über Google auf die Agentur. Dass jeder zu einem persönlichen Gespräch eingeladen wurde und nur ein Treffen stattfand, wenn sich beide für den anderen interessieren, überzeugte ihn. «Da ist der Umgang von Beginn weg anders», sagt er. Janka war nach mehreren längeren Beziehungen zu dieser Zeit ebenfalls Single und erfuhr über ihre beste Freundin von der Agentur. Ungefähr gleichzeitig melden sie sich an für ein Gespräch mit der Vermittlerin.

«Wir scherzen manchmal darüber, dass wir wohl beide zuoberst auf ihrer Liste standen und darum einander vorgeschlagen wurden», sagt Janka und fügt an: «Stellen Sie sich mich auf Parship vor, da habe ich doch keine Chance», sagt sie.

Ihr gehe es auch weniger um Äusserlichkeiten: «Ich sehe den Menschen, wie er ist.» Es sei zwar noch lange nicht so, dass mit dieser Vermittlung jeder jemanden findent, aber: «Ohne die Partnervermittlung hätten wir uns nie kennengelernt.»

Das ist ihr Geheimnis

Ihre Handicaps sind in der Beziehung kein Thema. «Für uns ist es Alltag, wir helfen uns gegenseitig wo wir können», sagt Janka. «Matthias füllt für mich Formulare aus oder liest mir beispielsweise Dinge vor.» — «Und Janka wiederholt für mich den Witz, wenn alle schon lachen.»

Zum Valentinstag möchten sie sich einen Film im Kiwi Kino anschauen. Dank der App «Greta», die alle Szenen im Film beschreibt, bekommt Janka alles mit. Für sie ist es das Schönste, dass sie weiss, dass sie für ihren Partner die Nummer Eins ist.

Das sei vielleicht auch das Geheimnis einer funktionierenden Beziehung, ergänzt Matthias: «Wenn sie mich braucht, bin ich für sie da und sie auch für mich.» (Der Landbote)

Erstellt: 14.02.2018, 08:10 Uhr

Nachgefragt bei Andrea Klausberger, Gründerin und Leiterin der Partnervermittlung mit Herz

«Die Sehnsucht nach Liebe und Gemeinsamkeit ist dieselbe wie früher»

Seit 25 Jahren vermitteln Sie als einzige Agentur in der Schweiz auch Menschen mit Handicap. Wie kam es dazu?

Andrea Klausberger: Eine Person mit Behinderung hat bei mir um Hilfe in der Partnersuche gefragt. Ich habe mich umgeschaut und bemerkt, dass es in der ganzen Schweiz keine Partnervermittlung für Menschen mit Behinderung gab. Das hat mich total schockiert. Es wurde mir gesagt, dass diese Menschen schon selbst jemanden finden würden. Aber wenn wir ehrlich sind, die Partnerfindung für nichtbehinderte Singles ist schon schwierig genug.

Was ist anders bei Singles mit Handicap?

Menschen mit einer Behinderung sind oft toleranter und haben nicht so hohe sondern realistische Ansprüche. Ansonsten unterscheidet sich die Vermittlung nur unwesentlich: Der Mensch steht im Vordergrund, danach gilt es zu beachten, dass eine Beeinträchtigung sich mit einer anderen Person ergänzt und nicht noch mehr einschränkt.

Vermitteln Sie auch Personen mit geistiger Beeinträchtigung?

Ja, das kommt sogar oft vor. Meistens meldet sich eine Bezugsperson oder ein Elternteil. Diese sehen, dass ihr Kind oder Klient leidet. Die Vermittlung funktioniert grundsätzlich gleich wie bei nicht Beeinträchtigten, ausser dass wir bei ihnen das Einverständnis des Beistands benötigen. Und noch etwas ist anders: Bei ihnen geht es weniger darum, eine romantische Beziehung aufzubauen, sie wünschen sich oft einfach ein «Gspänli», mit dem sie sein können. Abgelehnt haben wir noch nie jemanden mit geistiger Behinderung.

Wie funktioniert Ihre Partnervermittlung?

Wenn sich Interessierte bei uns melden, klären wir in einem ersten Gespräch, welche Möglichkeiten wir haben, diese Person zu vermitteln. Danach erstellen wir ein persönliches Profil mit Kurzbeschrieb und senden es valablen Kandidaten zu. Erst wenn beide Parteien «Ja» sagen, teilen wir ihnen den Kontakt des anderen mit.

Was ist anders in der Partnervermittlung als noch vor 25 Jahren?

Mit dem Aufkommen von Anbietern im Internet hat sich die Partnersuche stark verändert. Auch die Emanzipation der Frau hat einen Einfluss darauf. Es ist nicht mehr aussergewöhnlich, wenn ältere Frauen einen jüngeren Partner suchen. Ausserdem wird wieder stärker auf die Bildung geschaut. Akademikerinnen suchen Akademiker. Die Sehnsucht nach Liebe und Gemeinsamkeit ist aber dieselbe und wird es auch in 50 Jahren noch sein.

Wer braucht neben Tinder und Parship überhaupt noch eine konventionelle Vermittlung?

Viele, die zu uns kommen, haben es bereits online mit der Partnersuche versucht. Sie haben es satt über das Internet zu suchen, sind überfordert vom Angebot und frustriert. Wir verlassen uns stark auf unser Bauchgefühl und suchen so Menschen, die wirklich zueinander passen. Wie ein Mensch wirkt, kann ein Computer nicht analysieren. Unsere Kunden schätzen das.

Haben Sie jeweils mehr Anmeldung am Valentinstag?

Über die Festtage haben wir in der Tat mehr Anfragen, der Valentinstag sticht da aber nicht heraus. Am meisten spüren wir eine Zunahme der Anmeldungen über die Weihnachtszeit. Viele arbeiten das ganze Jahr über und merken erst um die Festtage, wie alleine sie sind. Sie kriegen Torschlusspanik und versuchen, auf die Schnelle noch jemanden zu finden.

Interview: Lisa Aeschlimann

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