Hilfe

«Taliban ist nicht gleich Taliban»

Marlene Eggenberger ist für ein Hilfswerk 15 Tage durch Afghanistan gereist. Die Winterthurerin begegnete herzlichen Leuten, schönen, kargen Landschaften – und ihrer eigenen Angst.

Marlene Eggenberger: «Auch wenn die Sicherheitslage schwierig ist, muss man versuchen, den Menschen heute vor Ort eine Perspektive zu geben.»

Marlene Eggenberger: «Auch wenn die Sicherheitslage schwierig ist, muss man versuchen, den Menschen heute vor Ort eine Perspektive zu geben.» Bild: Madeleine Schoder

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Es war ein warmer, fast noch heisser Abend in der Provinz Daykundi im Herzen von Afghanistan. Marlene Eggenberger war zusammen mit drei Kollegen von der Afghanistanhilfe bei der Provinzgouverneurin zum Essen eingeladen. Wieder zurück bei ihrem Haus, plauderten sie noch eine Weile im Freien. «Auf einmal teilte uns die afghanische Partnerorganisation Shuhada mit, dass wir den Ausflug am nächsten Tag abblasen und stattdessen in der Nähe des Hauses bleiben sollten.» Der Weg sei nicht sicher, gewisse Leute hätten mitgekriegt, dass Ausländer vor Ort seien.Auch die Autofahrt zum nächsten Projekt wurde gestrichen. Stattdessen reisten Eggenberger und ihre Kollegen mit einem Flugzeug der Vereinten Nationen. «Natürlich hatte ich Schiss», sagt sie. Aber bevor sie die Reise antrat, habe sie sich entschieden, den Partnern vor Ort zu vertrauen. «Den Entscheid macht man nicht mittendrin rückgängig.»

Am Anfang stand ein Film

Eggenberger ist vor eineinhalb Jahren zur Hilfsorganisation gestossen. Zuvor hatte sie knapp vierzig Jahre in der Sozialhilfe gearbeitet. Unter anderem verdankt ihr der Kanton Zürich das 2007 in Kraft gesetzte Gewaltschutzgesetz. Als sie im Fernsehen einen Dokumentarfilm über die Gründerin der Afghanistanhilfe Vreni Frauenfelder gesehen hatte, war für sie klar, dass sie beitreten wollte, wenn sie einmal mehr Zeit hätte. Nach ihrer Frühpensionierung 2015 und einer Auszeit trat sie der Organisation bei, die es seit 30 Jahren gibt und für welche 10 Leute ehrenamtlich arbeiten.

Teaser über die Mission der Afghanistanhilfe. afghanistanhilfe.org via Vimeo

Besonders überzeugt habe sie die Tatsache, dass man mit der Shuhada vor Ort eine stark verankerte Partnerorganisation habe. «Nur so können wir sicherstellen, dass die Spenden ihrem Zweck entsprechend eingesetzt werden», sagt Eggenberger. Die Shuhada wurde 1990 von der afghanischen Ärztin Sima Samar gegründet. Die Zusammenarbeit mit der Afghanistanhilfe beruht auf einer engen Freundschaft zwischen Frauenfelder und Samar. Shuhada hat in Afghanistan knapp 350 Mitarbeiter.

Einen Schwerpunkt legt Samar auf die Befähigung von Frauen und Mädchen. Zu den von der Afghanistanhilfe finanzierten Projekten gehören Schulen, Waisenhäuser, Kliniken und Ambulatorien. Die Afghanistanhilfe treibt in der Schweiz die Mittel für die Projekte auf. Das jährliche Budget beträgt 600 000 bis 900 000 Franken.

Verhandeln mit den Taliban

Neben der Shuhada hat man eine zweite Partnerorganisation, die im Paschtunengebiet im Südosten tätig ist. «Dorthin konnten wir nicht reisen, das wäre zu gefährlich gewesen», sagt Eggenberger. Auch die Shuhada-Projekte seien nicht immer sicher. Eine 2016 eröffnete Klinik musste im August 2017 bereits wieder schliessen, weil das Gebiet von den Taliban eingenommen wurde. «Jetzt warten wir ab, ob wir zurückkehren können, oder ob wir die Klinik an einem neuen Ort aufbauen müssen.»

Für die Eröffnung einer Klinik oder einer Mädchenschule verhandelte die Shuhada auch schon mit den Taliban. «Taliban ist nicht gleich Taliban. Manche sind zum Beispiel froh, wenn sie ihre Frau in eine gute Klinik bringen können für die Geburt», sagt Eggenberger. Auch wenn die Sicherheitslage schwierig sei, müsse man versuchen, den Menschen heute vor Ort eine Perspektive zu geben. Nur dann könne sich etwas ändern. (Landbote)

Erstellt: 12.03.2018, 11:15 Uhr

«Inside Afghanistan»

Foto-Vortrag mit afghanischer Musik , 20. März, 19 Uhr, Alte Kaserne, Eintritt frei.

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