Winterthur

Das eindeutige Nein zur Traglufthalle überrascht selbst die Gegner

Die Winterthurerinnen und Winterthurer lehnen den Kredit für eine Traglufthalle im Schwimmbad Geiselweid deutlich ab. 63,7 Prozent sagen Nein.

Kein Wahlkreis sagte Ja zur Traglufthalle.

Kein Wahlkreis sagte Ja zur Traglufthalle. Bild: Visualisierung: PD

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Fast 22 000 Winterthurerinnen und Winterthurer lehnten den Kredit von 2,3 Millionen Franken für die Traglufthalle ab, nur gut 12 000 stimmten zu. In keinem Stadtkreis erreichte das Projekt eine Zustimmung von 40 Prozent.

Wie die Befürworter der Traglufthalle ist auch Reto Diener vom Komitee Traglufthalle Nein von der Deutlichkeit der Ablehnung überrascht. «Ich war aber immer überzeugt, dass die Traglufthalle abgelehnt wird», sagt Diener. Ökologisch habe das Projekt einfach zu schlecht abgeschnitten und das in einem politischen Umfeld, das von der «Klimawahl» geprägt gewesen sei, sagt der Gemeinderat der Grünen. Die Gegner hätten glaubwürdige Argumente gegen die Traglufthalle anführen können und damit eine grosse Mehrheit der Winterthurerinnen und Winterthurer überzeugt.

«Faust aufs Auge»

Mit entscheidend sei der starke Widerstand aus dem Geiselweid-Quartier gegen die Traglufthalle gewesen, sagt Diener. «Der weisse Ballon wäre wie eine Faust aufs Auge gewesen». Die Traglufthalle mitten in der Stadt aufstellen zu wollen sei ein Fehler der Befürworter gewesen, findet Diener. Anderswo seien Ballonhallen am Rande des Siedlungsgebietes platziert worden, wo sie weniger störten.

Das Nein des Stadtrates zur Traglufthalle sei eine Hilfe gewesen, sagt Diener. «Was die Regierung zu einem Geschäft sagt, hat immer Gewicht.»Allenfalls sei aber auch der Nutzungsdruck auf das Hallenbad Geiselweid überschätzt worden, meint Diener. Möglicherweise gebe es weniger Schwimmer als gedacht und darum auch weniger Nutzerinnen und Nutzer, die das Hallenbad als zu klein befänden.

Im Abstimmungskampf hat Diener nie einen Hehl aus seiner Haltung gemacht, er werde auch ein zweites Hallenbad ablehnen. Nun öffnet er aber eine kleine Türe. «Ich könnte mir ein Hallenbad vorstellen, mit einem 25-Meter-Becken und mit mehr Nutzungsmöglichkeiten als die Traglufthalle geboten hätte.» Dies allerdings nur unter der Bedingung, dass die Halle energetisch alle Vorgaben erfülle und an einem Standort gebaut würde, der optimal an den Öffentlichen Verkehr angeschlossen ist.

«Chance verpasst»

Nichts zu feiern gab es für die Befürworter der Traglufthalle, die sich im Restaurant des Hallenbades Geiselweid trafen. «Winterthur hat eine Chance verpasst», sagt Markus Enz, Präsident des Trägervereins Traglufthalle. Die Traglufthalle hätte die Stadt das Problem der fehlenden Schwimmfläche gut und rasch lösen können, ist er nach wie vor überzeugt.

Vielleicht sei das Bedürfnis nach mehr Schwimmfläche tatsächlich kleiner als angenommen. Das Hallen- und Freibad verzeichne aber pro Jahr doch 300 000 Eintritte, wobei einige Schwimmerinnen und Schwimmer das Hallenbad mehrfach besuchten. «Das sind vielleicht zu wenige, um eine Abstimmung gewinnen zu können», sagt Enz. Die Wartelisten bei den Sportvereinen und bei den Schwimmschulen aber zeigten, dass Teile der Bevölkerung dringend auf mehr Platz im Hallenbad warteten.

«Unglücklicher Zusammenfall»

Den Grund für die deutliche Niederlage sieht Enz in der hohen Stimmbeteiligung. «Dass die Abstimmung mit den nationalen Wahlen zusammenfiel, war für uns unglücklich». Sehr viele nationalen Wählerinnen und Wähler, hätten sich mit den städtischen Vorlage wohl wenig oder gar nicht befasst. Das aber wäre nötig gewesen, um die Vorteile etwa der Beheizung der Traglufthalle mit Fernwärme gegen die Nachteile abwägen zu können, findet Enz. Das Gleiche gelte für die Kosten. «Für viele ist eine Million eben nach wie vor wahnsinnig viel Geld.» Dabei sei eine Traglufthalle viel günstiger als ein zweites Hallenbad.

Nicht gelten lassen will Enz den Vorwurf, die Schwimmvereine, die Schwimmsportler und der Dachverband Winterthurer Sport (DWS) hätten sich zu wenig für die Traglufthalle engagiert. «Da hätten wir schon sehr viel mehr machen müssen, um das Resultat zu kehren.» Der DWS habe die Traglufthalle unterstützt und bei Flyer-Aktionen auf der Schützenwiese und in der Win4-Arena habe er Unterstützung von anderen Sportlern gespürt. Der Slogan «Sportler helfen Sportlern» habe aber doch zuwenig funktioniert.

Ganz aufgegeben will Enz die Forderung nach mehr Schwimmfläche nicht. «Die Stadt hat noch immer ein Problem.» Er setzt ein wenig Hoffnung auf das zweite Hallenbad. Die Frage sei, ob die Stadt das Problem wirklich lösen wolle und wie und wann sie es lösen werde, sagt Enz. Vorläufig bleibe abzuwarten, wie der Gemeinderat mit der Motion verfahre, die ein zweites Hallenbad fordert.

«Unpolitische Sportler»

«Ich habe die Niederlage ein wenig erwartet», sagt Annetta Steiner. Die GLP-Gemeinderätin warb auf der Strasse für die Traglufthalle und hörte sehr viele Stimmen und Argumente gegen die Traglufthalle. Es sei immer einfacher gegen eine Vorlage zu sein als für eine Vorlage, sagt Steiner. «In dieser Deutlichkeit habe ich das Nein aber nicht erwartet.» Das Resultat sei für die Befürworter ein Debakel.

Dass statt der Traglufthalle bald ein zweites Hallenbad gebaut werde, glaubt Steiner nicht. Im Gegenteil: «In den nächsten 15 Jahren wird Winterthur kein Hallenbad bauen.» Die Stadt können sich das nicht leisten, das sei allen Beteiligten bewusst.

Danach gefragt, ob nicht das Engagement der Schwimmsportler und der Sportler überhaupt für eine Traglufthalle zu klein gewesen sein, sagt Steiner: «Es hat sich wieder gezeigt, dass Sportler oft unpolitisch sind.» Sportler seien es nicht gewohnt, sich öffentlich für ihre Sache einzusetzen. Auch die Solidarität unter den verschiedenen Sportarten sei gering gewesen, sagt Steiner. Insbesondere vom Dachverband Winterthurer Sport hätte sie sich mehr Einsatz für die Sporthalle gewünscht.

«Bevölkerung ist Stadtrat gefolgt»

Das Resultat zur Traglufthalle lasse kaum Raum für Spekulationen, sagt Stadtrat Jürg Altwegg (Schul- und Sportdepartement). «Viel klarer geht es nicht», sagte Altwegg am Sonntagnachmittag im Superblock. Das Resultat zeige, dass die Bevölkerung den Argumenten des Stadtrates habe folgen können. Eine Traglufthalle sei ökologisch schwierig zu begründen gewesen, mit dem Biogas, das für die Beheizung hätte zugekauft werden müssen. Auch ökonomisch hätte sich die Stadt die Traglufthalle nicht leisten können, sagt Altwegg. «Fast 2,5 Millionen Franken plus Folgekosten von einer halben Million Franken können wir uns mit Blick auf die Finanzprognosen ab dem Jahr 2024 nicht leisten.»

Kein einziger Wahlkreis sagt Ja zur Traglufthalle. Die Sportverbände, die für mehr überdachte Fläche für die Wassersportler warben, schafften es offenbar nicht, die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger zu überzeugen.

Die Stimmbeteiligung lag durchschnittlich bei 50 Prozent, war in der Stadt aber sehr unterschiedlich. In Töss und Wülflingen interessierten sich mit rund 40 Prozent deutlich weniger für das Thema als in den Kreisen Altstadt und Veltheim mit rund 60 Prozent Beteiligung. (bä)

Erstellt: 20.10.2019, 15:03 Uhr

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