Podium

«Über Gewalt gegen Kinder wird nach wie vor nicht offen gesprochen»

Bei der Erziehung mit einem Klaps nachzuhelfen, ist in der Schweiz nicht verboten – noch nicht.

63 % aller Schweizer Jugendliche haben schon einmal elterliche Gewalt erlebt.

63 % aller Schweizer Jugendliche haben schon einmal elterliche Gewalt erlebt. Bild: Symbolbild: Keystone

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Frau Bozzi, haben Sie einem Kind schon einmal einen Puff versetzt oder es gekniffen?
Cristina Bozzi: Ja, den berühmten «Chlapf ufs Fudi» habe ich schon gegeben.

Bei welcher Gelegenheit ist das passiert?
Bozzi: Zum Glück ist es sehr lange her, aber es dürfte passiert sein, als eines meiner Kind meinen Anweisungen nicht folgte und die Situation eskaliert ist. Aus einem Ohnmachtsgefühl heraus.

Sie sind nicht alleine. Gemäss einer Studie der ZHAW haben 63 Prozent aller Schweizer Jugendlichen elterliche Gewalt in der Erziehung erlebt. Frau Kaiser, passt das zu Ihren Erfahrungen, als Leiterin der Fachstelle für Opferhilfeberatung und Kinderschutz?
Gabriela Kaiser: Ja, das passt. Von der Menge der Fälle her und von der Art der Gewalt. Es geht oft auch um nicht so schlimme Fälle, eben um den erwähnten «Chlapf», der in der Schweiz nicht verboten ist. Daneben gibt es aber auch Fälle, wo massive Gewalt angewandt wird, mit den Händen und mit Gegenständen.

«Wichtiger als die Frage, ob es sich bei einem Klaps um Gewalt
handelt ist das Verhalten danach.»
Gabriela Kaiser
Fachstelle für Opferhilfeberatung und Kinderschutz OKey

Wer meldet Ihnen diese Fälle?
Kaiser: Ob in Fällen von massiver Gewalt oder in weniger schweren Fällen haben wir sehr viele Meldungen aus Schulen. Die Polizei meldet uns Opfer Häuslicher Gewalt, ebenso wie Beistandspersonen oder andere Fachleute, aber auch Privatpersonen oder Betroffene selbst.

In Deutschland oder Österreich erleben die Jugendlichen laut ZHAW-Studie weniger Gewalt. Was läuft in der Schweiz schief?
Bozzi: Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ist in der Schweiz nach wie vor ein Tabuthema. Darüber wird nicht offen gesprochen. Das hat fest mit der Gesellschaft zu tun und mit der Entwicklung der Erziehung über Generationen. In die Erziehung meiner Kinder fliesst meine eigene Erfahrung mit meinen Eltern mit ein.

«En Chlapf hinter d’Ohre hät na niä gschadet!»
Laut einer Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) haben 63 Prozent aller Schweizer Jugendlichen schon elterliche Gewalt erlebt. Was das für die Betroffenen bedeutet diskutieren am Donnerstag, 21. November Fachpersonen aus Schule, Familienarbeit, Opferhilfe und Wissenschaft an einem öffentlichen Podium. Auf Einladung der Interessengemeinschaft Elternräte diskutieren Opferhilfeberaterin Gabriela Kaiser (siehe Haupttext), Gewaltforscher Dirk Baier, Familienberaterin Silvana Ferrari und Schulsozialfachfrau Vera Vogt. Die Diskussion beginnt um 19.30 Uhr in der Mehrzweckhalle Teuchelweiher. Interessierte können sich unter info@ig-elternraete-winterthur.ch anmelden. (dh)

Im Moment läuft eine Petition, die für die Schweiz ein gesetzlich verankerte Recht auf gewaltfreie Erziehung verlangt Lässt sich an der Situation mit einem Gesetz etwas ändern?
Kaiser: Ein Gesetz wäre ein starkes Signal der Gesellschaft und der Politik, dass es eine Null-Toleranz gibt im Bezug auf körperliche Übergriffe als Erziehungsmittel. Wir hören von Eltern oft, sie hätten ihr Kind nur einmal oder ausnahmsweise geschlagen. Ein explizites Verbot von Gewalt gegen Kinder wäre eine grosse Hilfe, allen Eltern klar zu machen, dass Gewalt generell nicht toleriert wird und man darüber reden muss.
Bozzi: Vielen ist nicht bekannt, dass es weltweit geltende Kinderrechte gibt, die Kinder vor jeder Form von Gewalt schützen. Jeder der davon nicht weiss, ist einer zuviel.

Bin ich schon gewalttätig, wenn ich mein Kind anschreie, um meinen Willen durchzusetzen?
Kaiser: Wichtiger als die Frage, ob es sich dabei oder bei einem Klaps um Gewalt handelt ist das Verhalten danach. Kann ich mich entschuldigen kann für mein falsches Verhalten und frage ich das Kind, wie es ihm geht? Wenn es einem zwischendurch mal «den Deckel lupft» ist das etwas ganz anderes, als wenn ein Kind dauerhaft bedroht, entwertet, frustriert oder geschlagen wird.

Frau Bozzi, ist die Gewalt von Eltern gegen Kinder ein Thema in den Winterthurer Schulen?
Bozzi: Als Mutter erfahre ich aus Andeutungen meines Sohnes und aus Gesprächen mit anderen Eltern, dass es in diesem oder jenem Fall nicht gut läuft. Von den Lehrpersonen erfahre ich, dass Gewalt gegen Kinder einen Einfluss auf die Schule hat, etwa wenn eine Situation scheinbar ohne Grund eskaliert.

Wie reagieren Sie als Mutter darauf, wenn ihr Sohn von solchen Vorfällen berichtet?
Bozzi: Es freut mich, dass er mir vertraut. Es ist ihm wichtig, das Erlebte bei mir deponieren zu können. Es handelt sich ja oft nicht um Fakten, sondern um Eindrücke und Gefühle.

«Es braucht das Eingeständnis, dass jedem die Hand ausrutschen kann und dass niemand damit alleine ist.»Cristina Bozzi, Präsidentin IG Elternräte Winterthur

Wie sollen Lehrerinnen und Lehrer und Schulkolleginnen und -kollegen reagieren, wenn sie glauben, dass ein Kind zu Hause Gewalt erlebt?
Kaiser: Sie sollen beim Kind genauer nachfragen und die Schulleitung informieren. Unsere Fachstelle berät dabei, wie Kinder und danach Eltern auf Gewalt angesprochen werden und wie Kinder auch geschützt werden können. Bei Hinweisen auf Gewalt gibt es für Lehrpersonen einen Meldepflicht. Wichtig ist es, zu vermeiden, dass ein Kind wegen der Nachfrage zusätzlich leiden muss. Dafür ist ein koordiniertes und sorgfältiges Vorgehen nötig.
Bozzi: Die IG Elternräte möchte die Eltern sensibilisieren, sich Gedanken über ihre eigene Haltung zu einer Erziehung ohne Gewalt zu machen. Ich komme selbst hie und da in Situationen, wo ich merke, dass die Situation eskaliert, wo ich mich nicht mehr spüre. Wir möchten vermitteln, wie es Eltern schaffen können, inne zu halten. Vielleicht indem sie sich für einen Moment an einen anderen Ort begeben.

Warum dauert es eigentlich so lange, bis wir uns eingestehen, dass wir Hilfe benötigen, auch bei der Erziehung?
Kaiser: Das braucht viel. Als Eltern will man es ja gut machen. Oft passieren Übergriffe aus einer Überforderung, unter dem Eindruck von Erlebnissen aus der eigenen Kindheit oder wegen Ängsten vor dem Versagen der Tochter oder des Sohnes. Dazu kommt das Schamgefühl über die eigenen Handlungen.
Bozzi: Es braucht das Eingeständnis, dass jedem die Hand ausrutschen kann und dass niemand damit alleine ist.

Am 21. November organisiert die IG Elternräte Winterthur ein Podium, an dem Fachleute über Gewalt in der Erziehung diskutieren. Was soll das bringen?
Kaiser: Im Bereich von Häuslicher Gewalt und Gewalt in der Erziehung braucht es noch viel Aufklärungsarbeit. Es muss viel selbstverständlicher werden, dass Gewalt nicht toleriert wird und Kinder und Jugendliche geschützt werden. Das braucht nach wie vor Mut. Bozzi: Am Podium wollen wir darüber diskutieren, wie wir als Gesellschaft mit dem Thema Gewalt gegen Kinder umgehen. Und wir wollen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen Anstoss geben, über ihr eigenes Verhalten nachzudenken und darüber mit anderen Eltern zu sprechen, am Podium und im Alltag

Erstellt: 08.11.2019, 11:34 Uhr

Gabriela Kaiser, Leiterin Fachstelle Opferhilfeberatung und Kinderschutz (Bild: mad)

Cristina Bozzi, Präsidentin IG Elternräte Winterthur (Bild: mad)

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