Winterthur

Überholte Rollenbilder lähmen die Wirtschaft

Frauen gehörten vermehrt an Spitzenpositionen, sagt Kistler-Chef Rolf Sonderegger. Er setzte sich mit seinem Team an einen Tisch, um Möglichkeiten der Frauenförderung auszuloten. Jobsharing an der Spitze kommt für ihn vorläufig nicht infrage.

Ingenieurinnen sind in Hightechunternehmen wie Kistler trotz Rekrutierungsbemühungen rar.

Ingenieurinnen sind in Hightechunternehmen wie Kistler trotz Rekrutierungsbemühungen rar. Bild: pd

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Ein kürzlich erschienener Artikel im Landboten zum Thema Frauenquoten und Kulturveränderung in den Chefetagen sowie das darin erwähnte schlechte Abschneiden der eigenen Firma veranlasste den CEO von Kistler, Rolf Sonderegger, den Landboten zum Gespräch einzuladen und zu zeigen, «dass wir das Thema Frauenvertretung auf der Führungsebene ernst nehmen, und ich den Meinungen meiner Mitarbeitenden offen gegenüberstehe».

Der Landbote nahm die Einladung an, sah sich einem sechsköpfigen Empfangskomitee gegenüber und erfuhr im Gespräch, dass Kistler zwar Defizite habe, was den Frauenanteil in den einflussreichen Positionen betrifft. So sitzt in der Geschäftsleitung keine einzige Frau, und im fünfköpfigen Verwaltungsrat gerade mal eine. «Das entspricht aber immerhin einem 20-Prozent-Anteil in einer Branche, in welcher es ohnehin an weiblichen Fachkräften fehlt», betont Sonderegger.

So brauche die auf Messtechnik spezialisierte Kistler Gruppe Fachleute aus der Informations-, der Elektro- oder der Verfahrenstechnik sowie aus dem Maschinenbau. Der weibliche Anteil bei den entsprechenden Studiengängen der ETH und der ZHAW School of Engineering betrage jedoch nur 8 bis 12 Prozent. Die Bemühungen seien da, auch Kistler engagiere sich an den Mint-Programmen der Kantonsschulen, die Mädchen für technische Berufe begeistern sollen.

Wenn Mitarbeitende, auch im Kader, ihr Pensum zugunsten der Familie temporär reduzieren wollten, biete die Firma Hand für individuelle Lösungen. Gemischte Teams seien wichtig, dies habe zur Folge, dass Frauen bei der Rekrutierung oder bei den Anmeldungen für Weiterbildungsangebote einen Vorteil hätten. Dies könne streng genommen sogar als Diskriminierung gegenüber den männlichen Kollegen ausgelegt werden.

Ein paar Voten aus dem Gespräch mit Kistler-Kadermitarbeitenden hat der Landbote nachträglich aufgegriffen, und den CEO damit noch einmal konfrontiert:

Ihre Leiterin Learning & Development, Sieglind Chies, sagt, dass es Zeit sei, sich über Jobsharing auch in der obersten Führungsebene Gedanken zu machen. Sie selbst stehen dem skeptisch gegenüber?
Rolf Sonderegger: Ich möchte Jobsharing nicht grundsätzlich infrage stelle. Es mag kleinere Firmen geben, in welchen dieses auch an der Spitze funktioniert. Aufgrund der zahlreichen Abwesenheiten, die unsere Internationalität fordert, wäre ein Jobsharing in unseren Spitzenpositionen zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich und auch nicht wirtschaftlich. Möglich beziehungsweise nötig sind bei uns hingegen Teamarbeit, Homeoffice und kollaborative Kommunikationsmittel wie Videokonferenzen. Diese Optionen kommen den Mitarbeitenden entgegen und tragen auch zur Effizienzsteigerung im Unternehmen bei.

«Die Wirtschaft muss auf neue Lebensmodelle Rücksicht
nehmen.»
Rolf Sonderegger
CEO Kistler-Gruppe

Ihr Bereichsleiter Service, Kai Brossi, ist überzeugt, dass die Bedürfnisse der jungen Fachkräfte-Generation die Unternehmen zwingen werden, neuartige Arbeitsmodelle einzuführen, sowohl für Frauen als auch für Männer. Wollen Sie warten, bis Sie gezwungen werden?
Wir setzen heute schon auf individuelle Arbeitszeitmodelle. Bereits 20 Prozent unserer Belegschaft arbeitet teilzeit, und knapp die Hälfte davon sind Männer! Unser Unternehmen nimmt Rücksicht auf die Lebensplanung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, denn wir wollen die Talente halten. Natürlich sind unsere Möglichkeiten stark von den Arbeitsstandorten abhängig. Im slowakischen Bratislava etwa, wo wir 140 Softwareentwickler beschäftigen, arbeiten die Leute wie bei Google: Teilzeit und mit Ruhezonen und Spielecken. An Produktionsstandorten, wo an grossen Maschinen gearbeitet wird, ist dies natürlich nicht möglich.

Ihr Personalleiter Martin Meier sagt, er habe in seiner Berufskarriere nie geschlechterbedingte Lohndiskriminierung erlebt. Die Wissenschaft hat andere Erkenntnisse. Welche Mechanismen verhindern bei Kistler, dass es nicht zu Lohndiskriminierung kommt? Und wie wird das kontrolliert?
Wir arbeiten mit anerkannten Branchenvergleichen, mit Marktbeobachtern wie Landolt & Mächler oder auf internationaler Ebene mit Towers Watson. Unser Ziel ist es, dass unsere Löhne marktgerecht sind. Da darf das Geschlecht keine Rolle spielen.

Was sagt Ihre Erfahrung: Verhandeln die Frauen schlechter und liegen im Lohn immer im unteren Spektrum der marktüblichen Löhne, oder woher rührt der Lohngap?
Ich erlebe bei beiden Geschlechtern, dass sie sich ab und an sowohl unter als auch über ihrem Wert verkaufen. Nicht, dass ich das Thema Lohnungleichheit in Abrede stellen möchte, aber ich persönlich nehme kaum Unterschiede wahr, was das Verhandlungsgeschick betrifft.

Ihre Kommunikationschefin Simone Koch findet Quoten problematisch. Sie selbst sei durch ihre Leistung in der aktuellen Position, nicht weil sie eine Frau sei, sagt sie. Das lässt den Umkehrschluss zu, dass Frauen weniger in Spitzenpositionen sind, weil sie weniger leisten. Einverstanden?
Nein, absolut nicht einverstanden. Dass Frauen in der Hightechbranche weniger an Spitzenpositionen anzutreffen sind, hat meines Erachtens nichts mit fehlender Leistung zu tun. Ich sehe zwei Gründe: Erstens die geringe Verfügbarkeit von Ingenieurinnen, die dann auch an der Spitze fehlen. Wir brauchen auf der Führungsebene nun mal Leute mit einer technischen Ausbildung und entsprechender Erfahrung, denn sie müssen unsere Märkte kennen. Der zweite Grund ist die nach wie vor schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf in unserem Land. Nehmen wir China: Dort arbeiten die Frauen meist Vollzeit und geben wenige Monate nach der Niederkunft wieder Vollgas, während die Familie oder Tagesschulen die Betreuung gewährleisten. Hierzulande herrscht das klassische Rolllenbild vor: Der Mann macht Karriere und die Frau hält ihm den Rücken frei.

Das ist in Ihren Augen veraltet?
Grundsätzlich sind solche Entscheide den Einzelnen überlassen. Aber wir verlieren ein Riesenpotenzial, wenn Frauen ihre Ausbildung nicht nutzen, und der Wirtschaft die Fachkräfte und Talente fehlen. Insofern: Ja, das Rollenbild ist veraltet.

Mira Rohrbach, Produktionschefin bei Kistler, findet auch, dass die gesellschaftliche Prägung einen nicht zu vernachlässigen Anteil daran hat, dass Frauen zugunsten der Familie auf den Beruf verzichten. Die Wirtschaft ist also raus aus der Verantwortung?
Nein, nicht ganz. Die Wirtschaft hat die Gesellschaft zweifelsohne mitgeprägt. Das Wort Verantwortung stört mich aber, denn für die Rollenmodelle muss nicht die Wirtschaft geradestehen. Trotzdem trägt sie eine Mitverantwortung in dem Sinne, dass sie auf die neuen Lebensmodelle Rücksicht nehmen muss.

Damit würde die Wirtschaft auch dem Quotendiktat zuvorkommen.
Das ist so. Ich bin gegen Quoten, denn sie schränken die Freiheit des Unternehmens ein. Mit einer Quotenempfehlung hingegen kann ich als Unternehmer gut leben. Sie zeigt ein Problem auf, dem ich mich widmen muss.

Welche Auswirkungen wird also diese Auseinandersetzung in Bezug auf die Frauenförderung bei Kistler haben?
Das Gespräch hat zur weiteren Sensibilisierung beigetragen. Die Arbeitsmodelle müssen ständig hinterfragt werden. Dies ist in unserem ureigenen Interesse, denn wir wollen die besten Mitarbeitenden, Frauen wie Männer, gewinnen und langfristig behalten.

Erstellt: 17.07.2019, 17:20 Uhr

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