Klischee-Check

«Ufrisse, Junge, nöd Artikel schriibe...!»

In einer neuen Serie stellen sich zwei junge Reporter den eigenen Klischeevorstellungen. Einer gibt die Thesen vor, der andere macht den Realitäts-Check. Dritter Test: Party im Club Halli Galli.

Der Boxkasten ist für die jungen Männer  eine der Hauptanziehungspunkte im Halli Galli.

Der Boxkasten ist für die jungen Männer eine der Hauptanziehungspunkte im Halli Galli. Bild: Valérie Zellner

Hölle, Hölle, Hölle. Das geht den einen durch den Kopf, wenn sie an Schlagerpartys denken. Andern geht’s Herzl auf: «Nur noch fünf Monate schlafen, dann ist Oktoberfest...». Ballermann-Hits und Schaumparty ziehen nach wie vor – könnte man meinen. «Zumindest in Clubs schon länger nicht mehr», sagt Mebi Haliti, seit gut einem Jahr Besitzer Club Halli Galli im Zentrum Neuwiesen ist. Am Samstag ist Abschlussparty, Ende Monat wird nach einem Umbau der Sandrigo Club eröffnet, mit Shisha-Lounge, Reggaeton und Hip-Hop-, statt Ü16-Feten. Grund genung nochmals im einst legendären vorbeizuschauen.





Nicolas Prognosen



«Tim ist mit 21 Jahren der mit Abstand Älteste. Mit einer Ausnahme: Ein paar ältere Thurgauerinnen feiern Polterabend.»

«Noch um 22 Uhr stehen die meisten Partytiger am Rand herum und wissen nicht mehr, was tun. Einer von ihnen ist Tim. Die Lösung wird sein: Alcopops.»

«Um 23 Uhr gibt es das erste Drama: Irgendwas mit rumknutschen, erbrechen oder prügeln.»

«Kurz nach Mitternacht kommt es zum zweiten Drama: Völlig entnervte Eltern zerren ihr angetrunkenes Kind ins Auto und kutschieren es nach Hause, zurück aufs Land.»



Tims Klischee-Check



Zwei verschwommene, leicht bekleidete Damen schmiegen sich an einen DJ. Mädchenhaftes Rosarot dominiert. So sieht der Flyer der Ladies Night im Winterthurer Halli Galli aus. Der Winterthurer Club – Einlass ab 16 Jahren - beschreibt sich selbst als «gnadenloses Festlokal für Büezer, Stifte, Yuppies, Realos, Models, Lebenskünstler und Manager». Hinter dem Bahnhof, zwischen der Bäckerei Kuhn und Baustellen-Gerüsten, flackert ein roter Kussmund, das Logo des Halli Galli. Treffen sich hier Jungspunde zum exzessiven Feiern?

«Boah, jetzt chani jo für huere vil Geld suffe»

21.30 Uhr: Fünf Jungs stehen in einem Kreis, versammelt um Cola, Sprite und Gin. Beim Eingang, Szenen wie bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen. Der Metalldetektor piepst gefühlt immer, der Türsteher beäugt das Innenlebens meines Rucksacks kritisch. Auf einem Flachbildschirm dutzende Kameraeinstellungen – mein erster Einblick ins Halli Galli. Wer 18 Jahre alt ist bekommt einen Stempel. Ein Jüngling versucht es mit Hoffnung auf Spirituosen beim Türsteher mit seinem Charme, scheitert aber. Die Hausregeln besagen unter anderem: Keine Springerstiefel und Stahlkappen-Schuhe sind erlaubt. Raudaubrüder sind also nicht willkommen.

Männer dürfen das Lokal nicht verlassen, ohne nochmals zahlen zu müssen. Frauen schon, denn sie kommen an der Ladies Night gratis in den Club. Die Preisgestaltung ist für mich ein Novum. Der günstigste Eintritt kostet 15 Franken, dann sind 15 Franken Getränkegutschein inbegriffen. Man kann auch 30 Franken bezahlen, dann gibt es für 60 Franken Freigetränke. Oder 50, dann ist Flüssiges für 100 drin. Der Multiplikator scheint zu funktionieren. «Boah, jetzt chani jo für huere vil Geld suffe», höre ich auf dem Weg zur Garderobe.

Zögerliche erste Tanzschritte

Eine Frau mit Jupe schwingt das Tanzbein unter einem Holzpavillion. Um 22 Uhr ist sie noch die einzige. Zwei Teenagerinnen mit identischem Blumen-Shirt wollen sich dazugesellen, zaudern aber und krebsen nach kurzer Zeit wieder zurück. Das Schamgefühl überwiegt noch. Derweil wärmt sich eine Gruppe Jungs am Boxkasten auf, andere ziehen an einer Wasserpfeife. DJ Matchlaz steht hinter den Turntables. Er trägt Bart und Baseballkappe. Zudem ist er älter als ich, und Thurgauer. So spannend ist es noch nicht. Er fingert am Handy rum, was keinen Einfluss auf seine Hip Hop-, House- und Reggaetonbeats hat.

Um 22 Uhr ist noch nicht viel los auf der Tanzfläche.

An der Bar gibt es kunterbunte Cocktails und Alcopops. Ausserdem einen Automat, der bei Bedarf pikante Oliven oder Riesen-Mais-Körner ausspuckt. Barkeeper Pascal streicht mit einem schwarzen Filzstift die Getränkeguthaben ab, wie an einer Festwirtschaft. Der 24-jährige Stromer arbeitet hier im Nebenjob. «Ich liebe es , Drinks zu mischen und dass im Halli die Altersspanne so gross ist.» Das Durchschnittsalter liege zwar bei 17 Jahren, doch auch viele Ältere würden sich hier treffen. Er schwärmt von einem vergangenen Tequila-Abend in kleiner Runde. Jemand fragt meine Begleitung, ob sie auch tanzen kommt. Es sei schöner, wenn sich alle bewegen.

Der Boden klebt schon

Asslan trägt einen weissen Kittel und die Kappe rückwärts. Er beobachtet die Tanzfläche, wo die meisten langsam ihre Scheu abgelegt haben. Es ist schwer mit Asslan zu sprechen, so laut wummert der Bass. «Ich bin nur hier, weil der Lehrling, mit dem ich heute feiern bin, noch nicht volljährig ist», sagt der ausgelernte Hochbauzeichner. Doch die Getränke seien erschwinglich, der Sound gut und die Frauen auch. Nur etwas zu jung für ihn. Er verabschiedet mich mit den Worten: «Gang lieber go ufrisse, statt Artikel z’schriibe.» Um 22.50 Uhr kommt es zum engen Kuss auf der Tanzfläche. Später werden noch mehr Zärtlichkeiten ausgetauscht, die Hände wandern wohl fast überall hin.

«Ich liebe es, Drinks zu mischen und dass im Halli die Altersspanne so gross ist.»Barkeeper Pascal

Der Boden klebt schon jetzt. Es ist ein Miteinander-Tanzen mit positiver Stimmung. Die Musik und die Garantie, hier immer jemanden zu kennen scheint die Ausgänger zu verbinden. Das sagen auch Seraina (18) und ihre Kollegin Carla (17) beide bauchfrei und tiefschwarz geschminkt. Sie kommen jeden Freitag her. Gerade exen sie einen Sauren-Apfel-Shot. «Um drei ist hier meistens fertig. Dann ziehen wir ins Gotthard beim HB weiter. Oder was gerade noch offen hat», sagt Seraina.

«950 wären gut!»

Phil visiert das Ziel an, holt aus und drischt mit voller Wucht in den Ball. Der Zähler stoppt bei 853. «Hm, 950 wären gut», sagt einer, der in einem anderen Raum des Halli Galli mit dem Boxkasten beschäftigt ist. Einmal kommt es beinahe zur Kollision mit der Shisha-Kohle, die ein Angestellter auf dem Tablett trägt.

750 zeigt der Zähler bei unserem Redaktor an.

Geduldig und mit viel Körpereinsatz führt Phil mich in die Box-Kunst ein. «Du muss genau den Mittelpunkt treffen und das ganze Körpergewicht in den Schlag legen». Mein erster Versuch: 503. Nach weiteren Tipps von Phil, der jeden Tag Thai Kick Boxen trainiert, reicht es für 750. «Da isch guet», sagt er aufmunternd.

Bei der Garderobe quatscht Gökhan mit einem Angestellten. Er nennt das Halli seine eigenen vier Wände. «Meine beste Kollegin hat mich mal hierhin gebracht, seitdem bin ich immer im Halli». Gökhan ist homosexuell. Hier konnte er auch schon Kontakte zu Männern aufbauen.

Nach Mitternacht haben wir langsam genug vom Trubel im Kuss-Mund-Club. «Nein, im Halli Galli wird niemand von den Eltern abgeholt» erklärt uns der Gökhan, als wir ihn mit dem Klischee konfrontieren. Und fragt: «Wieso geht ihr schon...?»

Fazit: Ob boxen, Shisha rauchen, tanzen oder Oliven essen – im Halli Galli ist vieles möglich. Die Leute kennen sich. Das Multiplikator-Alkohol-Preiskonzept tut das seine dazu.

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(Der Landbote)

Erstellt: 11.05.2017, 08:06 Uhr

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