Winterthur

Umweltpolitik im Krebsgang

Die Stadt zieht in ihrem aktuellen Umweltbericht Bilanz darüber, wo Winterthur ökologisch gut unterwegs ist und wo nicht. Das Fazit fällt ernüchternd aus: Verbesserungen sind da, das Tempo ist in vielen Dossiers aber ungenügend.

Damit noch mehr recycelt werden kann, wäre in Winterthur ein weiterer Recylinghof von Nöten.

Damit noch mehr recycelt werden kann, wäre in Winterthur ein weiterer Recylinghof von Nöten. Bild: Johanna Bossart

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Wo steht Winterthur in Sachen Ökologie, knappe sechs Jahre, nachdem sich die Stimmbevölkerung zu den Grundsätzen der 2000-Watt-Gesellschaft bekannt hat? Das zeigt nun der aktuelle, alle 4 Jahre von der Stadt herausgegebene Umweltbericht.

Bis 2050 soll der Primärenergieverbrauch und den Treibhausgasausstoss bekanntlich auf 2000 Watt beziehungsweise 2 Tonnen CO2 pro Kopf reduziert werden. Und auf Kernenergie will eine Mehrheit der Winterthurer bis dahin ganz verzichten. Weil es ein weiter Weg ist bis zu diesem Ziel, wurden für die Jahre 2020 und 2035 Zwischenziele definiert. Daraus ergeben sich die sogenannten Absenkpfade.

Laut dem Umweltbericht ist Winterthur auf den ersten Metern gut unterwegs. Beim Primärenergieverbrauch – darunter fallen der Endenergieverbrauch plus die Verluste aus der Erzeugung der Endenergie aus der Primärenergie – und beim Treibhausgasausstoss wurden die Ziele für das Jahr 2020 bereits erreicht.

Der Kernenergieanteil liegt zudem heute unter 20 Prozent. Alles im grünen Bereich in Sachen Ökologie also? Nicht ganz, wie der Bericht bei einer detaillierten Lektüre zeigt.

Erst wenige Bio-Höfe

Von den acht Landwirtschaftsbetrieben der Stadt werden heute drei im Biolandbau betrieben: Binzenloo, Taggenberg und Ifang. Der Hof im Eschenberg soll laut Bericht in zwei Jahren auf Bio umgestellt haben.

Potenzial für eine Umstellung bestehe bei weiteren drei Betrieben. Ein grundsätzliches Ziel, alle Höfe auf Biolandbau umzustellen, verfolgt die Stadt allerdings nicht. Die Umstellung auf Bio werde geprüft, sobald ein Pächterwechsel oder eine Grossinvestition anstehe.

20 Prozent Graustrom bleiben

Von 2008 bis 2016 hat der Primärenergieverbrauch pro Kopf in Winterthur von 4500 auf 3500 Watt abgenommen, das sind etwas mehr als 20 Prozent. Hingegen hat sich der Endenergiekonsum in diesem Zeitraum lediglich um 14 Prozent nachgelassen.

Der Unterschied lässt sich darauf zurückführen, dass weniger Atomstrom und mehr Elektrizität aus erneuerbaren Energien verbraucht wurde. Strom aus Kernenergie benötigt sehr viel mehr Primärenergie als Strom aus erneuerbaren Quellen.

Der Anteil Strom aus erneuerbaren Quellen konnte deutlich erhöht werden von 25 Prozent im Jahr 2008 auf 70 Prozent im Jahr 2016. Dazu kommen 10 Prozent Energie aus der Kehrrichtverbrennungsanlage. Die Herkunft der restlichen 20 Prozent ist nicht deklariert. Dieser sogenannte Graustrom ist stark CO2-belastet. Schweizweit macht Graustrom einen Anteil von 13 Prozent aus.

Stagnierende Treibhausgase

Die Treibhausgasemissionen pro Kopf sind von 5,4 Tonnen im Jahr 2008 auf 4,9 Tonnen im Jahr 2016 gesunken, vor allem durch den Ersatz von Ölheizungen durch klimaschonende Heizsysteme und den Ausbau von Nah- und Fernwärmenetzen. Der Wert stagniert jedoch seit 2012. Wie eine weitere Reduktion erreicht werden soll, lässt der Umweltbericht weitgehend offen.

Schlechte Luft

Feinstaub-, Ozon- und Stickstoffdioxidwerte sind in Winterthur an vielen Orten zu hoch. Eine leichte Luftverbesserung habe man erreicht, weil man die Emissionen aus Holzfeuerungen verringen konnte, heisst es im Umweltbericht. Und ausserdem: «Ein grosser Teil der Schadstoffe liesse sich vermeiden, indem Wege primär zu Fuss, mit dem Velo oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt würden.»

Ein Prozent mehr Veloverkehr

Das Gesamtverkehrskonzept, das vom Parlament 2011 ohne Gegenstimme angenommen wurde, sieht vor, den Anteil von Fuss-, Velo- und öffentlichem Verkehr bis 2025 auf 60 Prozent des Gesamtverkehrs zu erhöhen. Vor allem der Ausbau des ÖVs sei im Moment zentral, sagt Josef Hunkeler vom Umweltdepartement. Im Bereich Fuss- und Veloverkehr hat sich bis heute wenig getan. Der Anteil konnte innert zehn Jahren (2005-2015) nur um ein Prozent auf 34 Prozent erhöht werden.

Hunkeler verweist in diesem Zusammenhang auf Verbesserungen im Langsamverkehrsnetz, die sich in den nächsten Jahren auswirken würden: die Velounterführung bei der Rudolfstrasse, die aktuell gebaut wird, die neue Unterführung an der Zürcherstrasse sowie die Brücke zwischen Neuwiesen und Kesselhaus. Neue Projekte für den Langsamverkehr erwähnt der Umweltbericht nicht.

Ein Thema ist aber das Parkieren von Berufspendlern in Quartieren ohne blaue Zone, das den Energie- und Verkehrszielen zuwiderläuft. Die Stadt will bis in drei Jahren flächendeckend blaue Zonen einführen, um den Pendlerverkehr zu drosseln.

Verspätete Lärmmassnahmen

20 Prozent der Winterthurer sind von Strassenverkehrslärm, der den zulässigen Grenzwert überschreitet, betroffen. Gemäss Lärmschutzverordnung müssen diese Strassen bis Ende März 2018 saniert werden. Die Umsetzung dauert in Winterthur sicher länger. Aktuell beteiligt sich der Bund bis Ende März 2019 an den Kosten von Lärmschutzmassnahmen. Bei der Stadt rechnet man aber damit dass diese Frist bis Ende 2022 verlängert wird – mit einer Änderung der Lärmschutzverordnung im April.

Recyclinghof gesucht

350 Kilogramm Abfall pro Kopf und Jahr fällt in Winterthur an. Total sind das jährlich rund 39 000 Tonnen Abfälle. Nach der Einführung der Sackgebühr 1996 ging die Abfallmenge von 445 Kilogramm pro Kopf und Jahr zurück, seit 2000 bleibt ist sie stabil, bei knapp einem Kilo Abfall pro Person und Tag.

Diese Menge weiter senken möchte die Stadt laut Umweltbericht vor allem mit Öffentlichkeitsarbeit und Umweltbildung. Damit mehr Güter recycelt werden könnten, wäre zudem ein zusätzlicher Recyclinghof wünschenswert, wenn nicht sogar nötig. Die Firma Maag, die diese Dienstleistung bislang anbietet, ist laut Bericht voll ausgelastet.

Kein Risiko beim Wasser

Gut aufgestellt ist die Stadt in der Wasserversorgung. 97 Prozent des Trinkwassers bezieht Winterthur aus dem Grundwasserstrom der Töss. Dessen Qualität soll mit dem bis 2040 laufenden «Generationenprojekt abwasserfreie Töss» langfristig gesichert werden.

Weil Meteorologen künftig mit längeren Trockenperioden rechnen, will sich die Stadt zudem andere Trinkwasserzugänge offen halten. Dazu gehört die Grundwasserkonzession in Rheinau, die Winterthur 2010 um 20 Jahre verlängert hat. Die Konzession wird bisher nicht genutzt, sie ist eine «strategische Reserve».

(Der Landbote)

Erstellt: 12.01.2018, 12:47 Uhr

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