Saatgut

«Unsere Gemüsevielfalt ist drastisch kleiner geworden»

Milena Wiget von der Ausstellung «Saatgut» erklärt, weshalb es sich lohnt, alte Sorten zu pflanzen.

Insbesondere alte Gemüsesorten sollten wieder vermehrt angepflanzt werden, damit die Biodiversität erhalten bleibt. Bild: Pixabay

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Die Eisheiligen sind durch, es wird angepflanzt. Auf was sollte ich als Hobbygärtnerin achten, wenn ich Samen kaufe?
Da gibt es verschiedene Aspekte, wie etwa die Herkunft, die Sortenvielfalt und die Bedingungen, unter denen das Saatgut kultiviert werden soll. Man kann sich fragen, wen man unterstützen will: lokale Züchter oder grosse Firmen? Das sind alles auch zentrale Punkte unserer Ausstellung.

Und woher kommen die Samen im Idealfall?
Ich würde vor allem bei biologischen Betrieben einkaufen, die robuste und an den Standort angepasste Sorten züchten. Sie eignen sich am besten für den Anbau ohne chemisch-synthetische Pestizide und künstlichen Dünger. Im Hinblick auf die Biodiversität sollte man auch alte Sorten anpflanzen und generell auf eine grössere Vielfalt achten. Als Gärtnerin könnte ich beispielsweise verschiedene Stangenbohnen kultivieren und so zum Sortenerhalt beitragen.

Entsteht biologisches Saatgut immer aus biologischen Pflanzen?
Biosaatgut entsteht durch Biozüchtung oder durch Vermehrung. Bei der Vermehrung werden meist konventionelle Sorten unter biologischen Anbaubedingungen vermehrt. Das heisst, die Mutterpflanze dieses Saatguts muss unter Biobedingungen angebaut worden sein. Bei Biozüchtung entsteht langfristig unter Biobedingungen eine neue Sorte, die besser an die Bedingungen im Biolandbau angepasst ist.

«Die vier grossen Agrar-Multis kontrollieren den grössten Teil des Saatgutmarkts.»Milena Wiget, Regionalgruppen Zürich & Winterthur Public Eye 

Wie steht es denn um die nationale Samenlage?
Sehr präsent sind die vier grossen Agrar-Multis, die auch den grössten Teil des Saatgutmarkts kontrollieren.

Bedeuten weniger Anbieter weniger Vielfalt?
Ja, wenn wir nur auf wenige Hochleistungssorten zurückgreifen könnten, wäre das fatal für die Vielfalt. Wenn man vergleicht, wie viele Sorten früher auf den Tisch kamen und wie viele es heute noch sind, dann ist das sehr drastisch. Das hat viel mit der Rationalisierung der Landwirtschaft zu tun, aber auch mit den Konsumenten selbst und unseren ästhetischen Ansprüchen.

Als Konsumentin habe ich ja nicht das Gefühl, dass die Auswahl kleiner geworden ist.
Es mangelt nicht an genereller Vielfalt, sondern an verschiedenen Sorten. Wenn nur schon eine Sorte verloren geht, gehen Eigenschaften verloren, die wir nicht mehr weiter zur Züchtung verwenden können. Ein Beispiel ist die Wistenlacher Zwiebel, die Ur-Zwiebel des Berner Zibelemärit. Sie ist flach und hat viel Laub, damit kann man gut zöpfeln. Mit der Zeit wurde das Laub weniger wichtig, hat gar gestört, und es kamen ertragreichere Sorten auf den Markt, die einfacher zu handhaben waren. Heute gibt es nur noch eine geringe Anzahl dieser Zwiebelsorte.

Was wäre denn so schlimm, wenn es die Zwiebel nicht mehr gäbe?
Es geht um ein grundlegendes Prinzip. Sorten müssen an neue Ansprüche, Klimabedingungen und Schädlingsaufkommen angepasst werden, und dafür müssen wir auf Eigenschaften alter Sorten zurückgreifen und sie neu kombinieren können. Unser heutiges Gemüse könnte man kaum an kargen Stellen anpflanzen, alte Sorten sind da viel widerstandsfähiger, aber vielleicht in anderen Eigenschaften für den heutigen Konsum nicht mehr ideal.

Könnte die Gentechnik dieses Problem lösen?
Das Problem der heutigen Gentechnik ist, dass sie nur für ein industrielles System geschaffen wurde, das nicht nachhaltig ist. Die Risiken sind kaum erforscht und sie trägt auch nichts zur Diversität auf dem Feld bei, welche gerade in Zeiten des Klimawandels essenziell ist.

Ausstellung «Saatgut»der Regionalgruppen Zürich & Winterthur, Public Eye.16. Mai bis 15. September, Lokstadt

Erstellt: 18.05.2019, 13:39 Uhr

Milena Wiget organisiert die Ausstellung Saatgut in der Winterthurer Lokstadt mit. (Bild: PD)

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