Winterthur

Urban Gardening auf einer Dachterrasse im Mehrgenerationenhaus

Susanne Geilinger und Jürgen Küng haben auf ihrer Dachterrasse in der Giesserei einen Garten mit mehreren Bereichen geschaffen. Während auf dem Balkon in Holzkisten Gemüse spriesst, wachsen im Geviert zwischen Terrassentür und Nachbarwand Kletterpflanzen, Obstbäume und andere Gehölze.

Susanne Geilinger erklärt uns ihren Garten.
Video: mas

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Wenn man durch die Wohnung auf die Terrasse tritt, verschlägt es einem fast den Atem. Grün und lauschig ist es hier. An den roten Holzwänden winden sich Wein, Kiwi und Hopfen empor. Davor stehen drei 35 Jahre alte Bonsailinden. «Die stammen noch aus der Zeit, als ich mich mit dem Thema Bonsai beschäftigt habe», sagt Jürgen Küng. Inzwischen sind ihm normale Bäume lieber, auch wenn ihm die Linden ans Herz gewachsen sind.

In der Mitte der Terrasse steht locker angeordnet eine Gruppe Bäume in Töpfen. Die Quitte blüht gerade, vor zwei Jahren hat der Baum schon eine üppige Ernte geliefert, im letzten Jahr gab es wegen des Spätfrostes leider nichts, obwohl der Baum mit einer Plane geschützt wurde. Das Klima auf der Dachterrasse im 5. Stock ist anders als zu ebener Erde. «Im Sommer kann es brutal heiss werden, und mit dem Wind muss man auch immer rechnen», sagt Jürgen Küng.

Aussicht bis zur Kyburg

Am Birnbaum sind schon kleine Früchte zu erkennen. Zwischen Bäumen und Balkongeländer baumelt eine Hängematte, über die Leuchtschrift von DMG Mori hinweg kann man von hier bis zur Kyburg sehen.

«Während der Hochsaison ernten wir genug, dass wir keinen Salat und keine Tomaten kaufen müssen»

Während Jürgen Küng für die Bäume «und die schweren Arbeiten» zuständig ist, kümmert sich seine Frau Susanne Geilinger um das Gemüse und die Feinarbeit. Der rund drei Meter breite Balkon zieht sich vor der Terrasse und der Wohnung entlang über die ganze Längsseite des Mehr­generationenhauses. «Dort, wo der Feigenbaum steht, beginnt schon der Teil des Nachbarn», sagt Susanne Geilinger.

Eine Abtrennung gibt es nicht, schliesslich sind die 300 Leute vor fünf Jahren in die «Giesserei» ein­gezogen, um eine Form des Mit­ein­ander­lebens auszuprobieren. Das klappe mal mehr, mal weniger gut. «Es sind einfach viel zu viele Menschen, um sie alle zu kennen», sagt Susanne Geilinger. «Aber wir fühlen uns nicht nur auf unserer Terrasse, sondern auch in der Siedlung sehr wohl.»

Eigener Kompost

Die Holzkisten sind schon fast ­alle bepflanzt: Zucchetti, Mais, Salat und Kohlrabi stehen schon gut im Saft. Einige der Setzlinge stammen von Pro Specie Rara, sind also alte einheimische Sorten. In eine Ecke auf einem der hölzernen Beete steht ein Kompostbehälter, in dem auch die Rüstabfälle gesammelt werden. «Wir versuchen alles in einem geschlossenen Kreislauf zu verwerten», sagt Susanne Geilinger.

In das Beet mit dem Kompost wird jedes Jahr ein Kürbis gepflanzt. Der wächst so üppig, da kann es schon passieren, dass er sich ­seinen Weg über die Balkon­brüstung runter zu den Nachbarn sucht. So passiert im letzten Jahr, als die beiden zwei Wochen lang in den Ferien waren. «Als wir wiederkamen, hingen die Butternut-Kürbisse wie Trauben aussen vor dem Balkongitter», erzählt Susanne Geilinger.

Keine Chemie

Damit der Pflegeaufwand sich in Grenzen hält, hat sie in alle Pflanzkisten ein selbstregulierendes Bewässerungssystem verlegt, das ohne Strom funktioniert. «Ohne würden unsere Pflanzen nie genug Wasser kriegen. Das einzig Mühsame ist die gelegentliche Verkalkung der dünnen Schläuche.»

«Das ist pure Entspannung und Erholung. Wir geniessen unsere grüne Oase hier oben.»

Vor der Hauswand steht ein hölzernes Tomatenhaus, das Jürgen Küng mit alten Fensterscheiben selber gebaut hat. Daneben Kübel mit Johannisbeeren und ein Holunder, der kurz vor der Blüte steht. «Einige Pflanzen habe ich aus dem Haus mitgebracht, in dem ich früher mit meiner ­Familie gelebt habe», sagt Jürgen Küng. Er habe eigentlich immer einen Garten gehabt.

Hier auf dem Balkon ist die Pflanzfläche natürlich kleiner, es sind rund zwanzig Quadratmeter, hat Susanne Geilinger ausgerechnet, als sie kürzlich Nematoden zur Bekämpfung der Dickmaulrüssler bestellen musste. «Aber während der Hochsaison ernten wir genug, dass wir keinen Salat und keine Tomaten kaufen müssen», sagt sie.

Wichtig ist ihr, dass alles bio­logisch abläuft und keine Chemie an die Pflanzen kommt. Schliesslich hat sie vor 35 Jahren die Genossen­schaft Rägeboge mitaufgebaut, den ersten Bioladen in der Stadt. Über die Saison gerechnet investieren die beiden einen halben Tag Arbeit in der Wochein ihren Dachgarten.

Zum Glück bleibt dabei aber auch Zeit zum Geniessen, sei es in der Hängematte oder an der Feuerschale. «Das ist pure Entspannung und Erholung», sagt Susanne Geilinger. «Wir arbeiten beide beruflich mit Menschen und geniessen unsere grüne Oase hier oben.»

(Der Landbote)

Erstellt: 15.05.2018, 16:48 Uhr

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