Winterthur

Urbanität ist da, wo nicht alles fertig gebaut ist

Das Sulzer-Areal bietet jene «Urbanität», auf die Städter so viel geben ­­– ein glücklicher Zufall, findet eine junge Winterthurer Soziologin in einem kürzlich erschienenen Buch.

Weil die Umnutzung des Sulzer-Areals verzögert wurde, entstand am Lagerplatz Raum für Zwischennutzungen.

Weil die Umnutzung des Sulzer-Areals verzögert wurde, entstand am Lagerplatz Raum für Zwischennutzungen. Bild: Johanna Bossart

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Urbanität: So populär der Begriff ist, so weit wird er ausgelegt. Ist Winterthur urban? Ein New Yorker wird diese Frage vermutlich anders beantworten als ein Willisauer. Worin sich indes viele einig sind: Urbanität ist eine Qualität, die durch die Stadt allein nicht garantiert ist. Schlafstadt, Retortenstadt, Vorstadt – die Liste der pejorativen Stadtbegriffe mag das demonstrieren.

Wer in Winterthur Urbanität sucht, wird vorab an zwei Orten fündig: in der Altstadt (plus Neuwiesenquartier) und im Sulzer-Areal. Was sind die Gründe dafür, dass sich in der früheren Industriezone jene Qualitäten entwickeln konnten, die vielerorts fehlen? Die junge Winterthurer Soziologin Hannah Widmer geht dieser Frage in einem lesenswerten Aufsatz nach, der in der kürzlich veröffentlichten Anthologie «Hinter den Gleisen» erschienen ist.

Widmer legt dafür ein Urbanitätsmodell, das Begriffe wie Zentralität, Diversität, Interaktion und Zugänglichkeit subsumiert, über die Geschichte des Sulzer-Areals, von seiner Entstehung, über die Stilllegung der Produktion bis zur Wiederbelebung. Und sie kommt zu einem pointierten Schluss: Das Sulzer-Areal verdankt seine Urbanität einer Fehlplanung, und die heisst Megalou.

«Ausgeschöpft wird das urbane Potenzial nur dann, wenn unterschiedliche Menschen und Gruppen sich denselben Raum zu eigen machen können.»Hannah Widmer,
Winterthurer Soziologin

Das Grossprojekt des Stararchitekten Jean Nouvel, das am Ende nicht gebaut wurde, hatte demnach zwei Wirkungen: Es löste eine Stadtentwicklungsdebatte aus, und es verzögerte den Prozess der Umnutzung. Die Folge war, dass alle anderen Areale aus dem Fokus gerieten. Auf ihnen entstand, quasi als Verlegenheitslösung, Raum für Zwischennutzungen, allem voran am Lagerplatz. Es ist laut Widmer dieser Prozess, der die heutige Urbanität hervorgebracht hat, ein Prozess der Aneignung. Im O-Ton: «Ausgeschöpft wird das urbane Potenzial nur dann, wenn unterschiedliche Menschen und Gruppen sich denselben Raum zu eigen machen können.»

Zugrunde liegt dieser Lesart eine Theorie des Schweizer Soziologen Lucius Burckhardt, der städtebaulich immer für den kleinstmöglichen Eingriff plädierte. Eine Stadt ist in diesem Modell nie fertig, sondern ein stetiger Prozess.

Widmer zieht in ihrem Aufsatz auch den Umkehrschluss: «Bei grossen Eingriffen wie der Bebauung der Lokstadt besteht die Gefahr, dass ein vermeintlich definitiver Stadtteil geplant wird, obwohl im Kontext der Stadtplanung die Vorstellung der Vollendung irreführend ist. Versuche der definitiven Planung erschweren Urbanität, die oft gerade dort entsteht, wo nicht alles fertig gebaut ist.»

Katharina Graf, Niklaus Reichle (Hrsg.): Hinter den Gleisen. 2018. 324 Seiten, circa 42 Franken.

Erstellt: 17.03.2019, 17:35 Uhr

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