Winterthur

Urteil nach Prügelattacke vor Kirche

Im Neuwiesenquartier verprügelte vor einem Jahr ein junger Mann einen Kollegen. Jetzt muss der Täter in ein Massnahmenzentrum. Das Vorgehen der Behörden wurde vor Gericht kritisiert.

Die Kirche St. Peter und Paul war vor rund einem Jahr Schauplatz eines tätlichen Angriffs.

Die Kirche St. Peter und Paul war vor rund einem Jahr Schauplatz eines tätlichen Angriffs. Bild: hd

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Die Befragung des Beschuldigten vor dem Winterthurer Bezirksgericht gestern Morgen war auch immer wieder eine Risikoabwägung durch die drei Richter. Wie rückfallgefährdet ist dieser junge Mann, der mit Handschellen in den Saal geführt wurde? Würde er wieder zuschlagen, wenn er sich provoziert fühlt?

So wie er es im Juni vor einem Jahr vor der Kirche St. Peter und Paul im Neuwiesenquartier getan hat? Oder ist er seit seinem Eintritt ins Gefängnis nun wirklich reifer, wie er selber sagt, und fokussiert er tatsächlich auf seine neuen Ziele im Leben wie «eine Ausbildung und Familie»?

Zumindest in der ersten Stunde der Verhandlung machte der junge Mann einen guten Eindruck, wählte seine Worte mit Bedacht und gab sich geständig und reuig. Dass er vor einem Jahr an einem Sonntagnachmittag einen Kollegen blutig geprügelt habe, sei ein einmaliger Ausraster gewesen. «Die Wut kochte einfach hoch.»

Am Vorabend habe besagter Kollege nämlich seine Ex-Freundin an einer Party primitiv bedroht. Als er ihn erneut gesehen und noch immer keine Entschuldigung von ihm erhalten habe, habe er «eine Welle der Wut» gespürt. Er verpasste dem Kollegen einen Faustschlag aufs linke Auge.

Das Opfer fiel zu boden und rollte sich zusammen, dennoch schlug der Mann ihm noch mehrere Male auf den Kopf. Das Opfer erlitt einen Bruch der linken Augenhöhle, einen Nasenbeinbruch und Rissquetschwunden.

Nach Tat monatelang frei

Der Beschuldigte kam eine Nacht in Haft, wurde am nächsten Morgen aber wieder freigelassen, offenbar ohne von der Staatsanwaltschaft Winterthur einvernommen worden zu sein.

«Es ist schwer ­nachvollziehbar, dass keine Untersuchung angeordnet wurde.»Der Staatsanwalt
an die Adresse der
Winterthurer Behörden.

Er blieb mehrere Monate in Freiheit, bis der Fall im Oktober 2018 bei der Zürcher Staatsanwaltschaft IV für Gewaltdelikte landete und diese erstmals offiziell Haft beantragte. Nötig war dann eine polizeiliche Ausschreibung, weil der Mann keinen festen Wohnsitz hatte. Erst im November, also fünf Monate nach der Tat, wurde er schliesslich aufgegriffen; seither sitzt er im Gefängnis.

Der Zürcher Staatsanwalt, der gestern die Anklage vertrat, übte Kritik am Vorgehen der Winterthurer Behörden. Im Nachhinein betrachtet und aufgrund der vorliegenden Akten sei es für ihn schwer nachvollziehbar, warum damals unmittelbar nach der Tat keine Blut- und Urinproben beim Beschuldigten genommen, keine rechtsmedizinischen Untersuchungen angeordnet und keine staatsanwaltschaftliche Befragung durchgeführt worden sei.

Das sei aus seiner Sicht im Nachhinein sogar «unverständlich», sagte der Staatsanwalt nun vor Gericht. Aus all diesen Gründen sei auch die Beweislage nicht optimal, und man könne dem Mann nun «bloss» einfache Körperverletzung vorwerfen und nicht eine versuchte schwere Körperverletzung.

Auf Anfrage sagte die Oberstaatsanwaltschaft gestern, man werde den Fall intern nachbearbeiten, um allenfalls Lehren zu ziehen (mehr dazu lesen Sie hier).

Der Staatsanwalt forderte einen unbedingten 18-monatigen Aufenthalt in einem Massnahmenzentrum für junge Erwachsene. Ein Gutachter habe dem jungen Mann eine emotionale Persönlichkeitsstörung des impulsiven Typs diagnostiziert und eine «knapp deutliche Rückfallgefahr» festgestellt.

«Eine schlechte Prognose», meinte der Staatsanwalt. Und er verwies auch auf eine Vorstrafe. 2017 wurde der Mann wegen Raufhandels mit einem Strafbefehl verurteilt, er bedrohte damals jemanden mit einem gezückten Messer.

«Ich beruhige mich schon»

Die Ausführungen gefielen dem Beschuldigten nicht. Er erhob seine Stimme und nannte das Plädoyer eine «bodenlose Frechheit» und «Schwachsinn». Und gerichtet an seinen Pflichtverteidiger, der ihn mit Handbewegungen zu mässigen versuchte, meinte er: «Ich beruhige mich schon, machen Sie sich keine Sorgen!»

Der Verteidiger forderte ebenfalls eine Massnahme, allerdings nur in Höhe von 15 Monaten. Sein Mandant habe stets gut kooperiert. Der Beschuldigte selber sprach über schwierige Kindheits- und Teenagerjahre, von Schlägen der Mutter und Mobbing in der Schule.

Die Richter entschieden nach einer zweistündigen Beratung im Sinne der Anklage. Der junge Mann muss für ein Jahr in ein Massnahmenzentrum. Die bisher abgesessene Freiheitsstrafe von 6 Monaten wird ihm an eine Gesamtstrafe von 18 Monaten angerechnet. «Es gibt keine Rechtfertigung für die Tat, und Sie haben Schlimmeres in Kauf genommen», sagte der Richter zum jungen Mann.

Auch wenn er im Gefängnis auf gutem Weg sei, sei die Prognose für ihn schlecht. «Das Verschulden ist erheblich, zudem mangelt es ihnen an Frustrationstoleranz, wie wir auch heute gesehen haben.» Das Urteil kann ans Obergericht weitergezogen werden.

Erstellt: 06.06.2019, 10:33 Uhr

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