Gastronomie

Verheiratet mit dem Schäfli

Eva Pavlik flüchtete als junge Frau aus der Tschechoslowakei und kam ohne Geld und Job in die Schweiz. Die Wirtin des Schäfli am Oberen Graben hat sich hier ein neues Leben aufgebaut. Die Geschichte einer Emanzipation.

Eva Pavlik ist seit 1990 Pächterin des Schäfli in Winterthur.

Eva Pavlik ist seit 1990 Pächterin des Schäfli in Winterthur. Bild: Marc Dahinden

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Manchmal hat sie böse Träume, sie handeln immer vom gleichen: «Ich bin in der Tschechoslowakei eingeschlossen und kann nicht raus und ich weiss, ich muss in die Schweiz, weil da habe ich meinen Sohn, meinen Job und das Restaurant. Aber ich kann nicht aus dem Kommunismus raus.»

Eva Pavlik ist 1980 mit ihrem Mann und dem vierjährigen Sohn vor dem kommunistischen Regime in ihrer Heimat, der Tschechoslowakei, geflüchtet. Mit den richtigen Kontakten und unter dem Vorwand, Campingferien am Meer in Jugoslawien zu machen, verschafften sie sich in Zagreb ein Visum für die Durchfahrt nach Frankreich über die Schweiz.

Knapp 40 Jahre später sitzt Eva Pavlik, heute 63, am Stammtisch ihres Restaurants, dem Schäfli am Oberen Graben. Bekannt ist es für seine währschafte Küche mit Spezialitäten aus Böhmen, Mähren und dem Osten.

Bauarbeiter tragen Möbel ins Lokal, im Nebenraum dröhnt eine Bohrmaschine. Es zieht. In den zwei Stunden unseres Gesprächs klingelt ihr Telefon immer wieder, Arbeiter fragen sie nach diesem und jenem, Gäste wollen wissen, wann sie wieder öffnet. «Es ist ein Durcheinander heute», sagt sie und lacht. Das tut Pavlik, aschblonde Haare, makelloser Lidstrich, schwerer Silberschmuck um den Hals und die Finger, oft und herzhaft.

«Am liebsten wäre ich damals direkt wieder zurück. Ich begriff plötzlich, dass ich die Sprache nicht verstand, dass ich kein Zuhause hatte.»Eva Pavlik

Eine «Katastrophe» sei das gewesen, sagt sie mit tiefer Stimme. Sie meint das Nebenhaus, in früher ein chinesisches Take-Away einquartiert war. Sie kaufte es – eine Ruine – wie sie erfahren musste. Nun hat sie es von Grund auf renoviert, am Donnerstag eröffnet sie einen zweiten Saal für ihr Schäfli. Bis zum «Schäfli Plus» war es ein weiter Weg, genauer gesagt, 1000 Kilometer.

Revolution im Kindergarten

Eva Pavlik wuchs als jüngstes von fünf Geschwistern in Friedeck-Mistek, einer 60000-Einwohner-Stadt an der Grenze zu Polen und der Slowakei auf. Zu acht in einer Drei-Zimmer-Wohnung, der Himmel schwer von der Eisen- und Stahlindustrie.

Ihr Vater war überzeugter Kommunist. Gross geworden im zweiten Weltkrieg, in einem Dorf, in dem er und seine sieben Geschwister immer wieder mit leeren Bäuchen einschliefen. «Der Kommunismus hat ihn gerettet.» Er konnte deswegen zur Schule, eine Ausbildung machen und hatte als Bauleiter später selbst Lehrlinge unter sich.

Pavlik aber fühlte sich immer stärker unterdrückt. In Ihrem Job als Kindergärtnerin musste sie den Schülern die russische Oktoberrevolution von 1917 erklären. «Das hat mir gar nicht gefallen. Ich dachte mir, das ist sinnlos.» Mit 24 Jahren entschied sie sich, zu gehen.

Eva Pavlik war eine der späten Flüchtlinge. Die grosse Welle war bereits nach dem Prager Frühling 1968 gekommen. Die Schweiz öffnete ihre Grenzen und bot mehr als 11000 Tschechoslowaken politisches Asyl – sie war damit das grösste Aufnahmeland in Europa. Die Einreisebestimmungen wurden aber bereits 1969 sukzessive wieder verschärft. «Als wir kamen, haben die Schweizer nicht mehr gewunken», sagt sie. Sie hätten zu den Letzten gehört, die noch Asyl erhielten.

Das Erste, was sie von der Schweiz sah, werde sie nie vergessen: Es war Sommer, die Sonne schien und sie waren mit ihrem Skoda auf dem Weg nach Zürich. «Die Strasse hat so geglänzt, als ob Gold oder Edelsteine im Belag wären», sagt sie. «Ich dachte mir, was ist das für ein Land, wo die Strassen glänzen?» Sie lacht.

«Ich habe bis heute ein schlechtes Gewissen, dass ich meine Eltern angelogen habe.»Eva Pavlik

In den ersten Wochen kamen sie bei Freunden ihres Mannes in Burgdorf bei Bern unter, danach kümmerte sich eine slowakische Familie um sie, bis sie ihre eigene Wohnung hatten. Die Frau war Deutschlehrerin, sie gab Eva Pavlik die ersten und einzigen Deutschstunden ihres Lebens. Den Rest hat sie sich mit dem Wörterbuch selbst beigebracht. «Sie war unser Engel.»

Die acht Monate bis zum Asylentscheid waren für sie am schlimmsten. Ihr Mann schleppte bei der Arbeit schwere Pneus. Wenn er nach Hause kam, war er so erschöpft, dass er ohne ein Wort einschlief. Sie weinte oft heimlich zuhause. «Ich habe bis heute ein schlechtes Gewissen, dass ich meine Eltern angelogen habe», sagt sie. Aber wenn sie den Eltern gesagt hätte, dass sie flüchten möchte, hätte ihr Vater sie angezeigt, ist sie sich sicher.

«Am liebsten wäre ich damals direkt wieder zurück. Ich begriff plötzlich, dass ich die Sprache nicht verstand, dass ich kein Zuhause hatte.» Alles habe sie weggeworfen: die Beziehung zu den Eltern und Geschwistern, die neue Wohnung für ihre junge Familie, den Beruf als Kindergärtnerin. «Und das nur aus Überzeugung gegen den Kommunismus.» Aber sie wusste, sie konnte nicht zurück, sie musste das durchstehen.

Vor ihrem ersten Arbeitstag als Serviceaushilfe rief sie die Freundin an und fragte, was Gäste in der Schweiz bestellen würden. Sie konnte noch fast kein Deutsch. «Café Creme, ein Grosses und eine Stange», meinte diese. So ausgerüstet machte sie ihre ersten Schritte im Service. Sie wechselte bald die Stelle, nach zweieinhalb Jahren meldete sie sich für die Wirteschule an – zusammen mit gelernten Köchen und erfahrenen Gastronomen. «Ich habe das gemacht, damit ich weiterkomme», sagt sie.

1983 legte sie die Wirteprüfung ab. «Ich wusste, wenn ich das nicht schaffe, dann bin ich eine grosse Versagerin. Ich hatte so lange dafür gespart, ich musste das schaffen.» Sie lernte Tag und Nacht, schrieb sich alle Wörter, die sie nicht kannte auf, und lernte diese auswendig.

Sie sei schon immer eine «unglaubliche Chrampferin» gewesen, sagt Paul Lehmann, lange Jahre Präsident des Bewohnervereins Altstadt und ein enger Freund. Zehn-Stunden-Tage gäbe es oft bei der Schäfli-Wirtin. «Meistens verbringt sie auch den Sonntag im Restaurant», sagt er.

Eva Pavlik schloss die Wirteprüfung als Zweitbeste ab. Sie schuftete weiter, führte bald ihren ersten eigenen Betrieb in Thun, 1990 wurde sie Pächterin des Schäfli in Winterthur.

Zurück nach zehn Jahren

Im Jahr zuvor, 1989, war die Berliner Mauer gefallen und somit bröckelte auch der Eiserne Vorhang, Symbol des Kalten Krieges. Die Grenzen waren plötzlich wieder offen. Pavlik fuhr sofort in ihr altes Zuhause, es war kurz vor Weihnachten. «Ich habe mich so gefreut, ich hatte ja schöne Erinnerungen aus meiner Kindheit.» An der Grenze dann der Schock: Alles war nass und schwarz, Stacheldraht hing über den Betonblöcken, die Soldaten trugen Maschinengewehre, «auch wenn sie freundlich waren».

Die Städte waren heruntergekommen. «Ich hatte das alles anders in Erinnerung. Es war eine Katastrophe.» Fast zehn Jahre hatte sie ihre Familie weder gehört noch gesehen. Ihre Eltern hätten sie wie eine Prinzessin empfangen. Aber nie mehr habe sie mit dem Vater über Politik gesprochen. «Er hat mich auch nie gefragt, warum ich in die Schweiz flüchtete und wie es mir dort ging.» Sie glaubt, dass er Angst hatte. Angst davor, dass jemand, der im nahe steht, das Leben im Westen gut finden könnte.

Zurück in der Schweiz wirtete sie im Schäfli, bis sie es 2002 von der Brauerei Feldschlösschen kaufte. In diesem Jahr erhielt sie auch den Schweizer Pass. Drei Jahre zuvor ging sie mit ihrem Mann auseinander. Sie spricht nicht gerne über diese Zeit, ihre Stimme wird leise und sie zögert mit ihren Antworten.

«Ich habe damals mein Schäfli gerettet», sagt sie. Als die Grenze wieder offen war und sie regelmässig in die Heimat fuhren, schwärmten die Frauen dort von den «Tschecho-Schweizern». «Damit können gewisse Männer nicht umgehen. Sie werfen dann das Bewährte weg und tun Dinge, die man nicht tun sollte». Ihr Mann musste gehen.

Er wollte dann aber mit seiner neuen Freundin das Schäfli für sich haben. «Das wäre das Ende gewesen», sagt Pavlik. «Ich dachte, nein, ich habe immer so fürs Schäfli gekämpft, das darf jetzt nicht sein.»

Zu dieser Zeit lernte sie auch Paul Lehmann kennen. Er erinnert sich gut daran: «Wenn Eva merkt, dass man ihr Unrecht tun möchte, dann wird sie eine richtige Kämpferin», sagt er. «Dann fährt sie ihre Krallen aus.»

Und sie setzte sich durch, auch mit der Hilfe von Anwälten. Und heute? Lebt ihr Ex-Mann in Tschechien, sie hat keinen Kontakt zu ihm. «Und ich bin mit dem Geschäft verheiratet», sagt sie und lacht wieder ihr herzhaftes Lachen.

Zwei Heimaten

Seit dem Mauerfall besucht Eva Pavlik ihre alte Heimat jedes Jahr für ein paar Tage. Ist die Schweiz oder Tschechien ihre Heimat? Die Schweiz, sagt sie ohne Zögern. Und fügt dann an: «Vielleicht beide. Wenn ich dort bin, fühle ich mich auch zuhause. Es gibt gewisse feine Dinge oder Witze, für die man Wörter braucht, die in keinem Wörterbuch stehen. Das geht nur auf Tschechisch.»

Mit ihren 63 Jahren macht sie sich Gedanken, was nach dem Schäfli kommt. Wo möchte sie alt werden? In der Schweiz oder in Tschechien? Sie lacht. «Das fragt mich mein Sohn auch immer. Ich weiss es nicht.» Ihr heute 43-jähriger Sohn ist selbst mit 17 Jahren ausgewandert. Er ging nach Amerika, zuerst der Sprache wegen, bekam dann ein Stipendium, blieb und arbeitet jetzt als Versicherungsexperte in New York.

«Als er ging, habe ich heimlich geweint», erzählt sie. «Ich dachte, das ist jetzt die Strafe. Ich bin meinen Eltern weggelaufen und jetzt verlässt mich mein einziges Kind.» Trotzdem ist das Verhältnis gut, sie telefonieren regelmässig. «Er sieht jetzt, dass seine Mutter alt ist und vielleicht kommt er zurück», sagt sie und fügt an: «Das wäre schön.»

Erstellt: 05.03.2019, 15:17 Uhr

40 neue Innenplätze

Am Donnerstag eröffnet Eva Pavlik das «Schäfli Plus» im Nebengebäude am Oberen Graben. Dafür liess sie eine Wand zum Nebenhaus durchbrechen, baute in dessen Keller eine Garderobe für ihr Personal – bis anhin hatten sich alle in einem winzigen Zimmer umgezogen – und renovierte die Wohnung im ersten Stock. Das «neue» Schäfli ist Weiss gehalten, die exponierten Holzbalken hat man hellgrau gestrichen. Zwei lange Sitzbänke soll es geben und mehrere kleine Tische zum Garten hin. Mit dem Umbau wollte Pavlik das Ungleichgewicht zwischen Innen- (50 respektive 90) und Aussenplätzen (130) ausgleichen. Auch die Stellenprozente des Personals sind saisonal nun besser verteilt.

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