Winterthur

«Viele Jugendliche finden Schwulsein nicht okay»

In der Stadt ­wurden Plakate für ­Respekt gegenüber Schwulen zum Teil verunstaltet. Der Chef der ­Fachstelle Liebesexundsoweiter macht in Schulklassen ­unterschiedliche Erfahrungen.

Schwule Jugendliche kämpfen auch in Winterthur heute noch gegen die Ablehnung von Gleichaltrigen.

Schwule Jugendliche kämpfen auch in Winterthur heute noch gegen die Ablehnung von Gleichaltrigen. Bild: pixabay

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«Homosexualität ist Sünde» wurde im Gutschick auf Ihre Kampagnenplakate geschrieben. Wie reagieren Sie darauf?
Martin Bernhard: Man muss sagen, dass nur einzelne Plakate beschrieben wurden, dies geschah nicht flächendeckend. Insgesamt haben wir etwa 50 der roten Plakate aufgehängt. Im Gut­schick hat uns jemand auf die Verunstaltungen hingewiesen. Das Ganze zeigt, dass es Diskussionsbedarf gibt. Es ist wichtig, dass über dieses Thema gesprochen wird.

Die Schreiber scheinen Freikirchler zu sein, wenn sie von Sünde und so schreiben.
Es geht hier vielleicht weniger darum, wer genau das geschrieben hat. Ich denke vor allem an Schwule und Lesben, die nun lesen: «Es ist eine Sünde, so zu sein, wie ich bin.» Das kann für sie schwierig sein, weil sie vielleicht auch in ihrem persönlichen Umfeld Ablehnung spüren.

Anti-Aids-Kampagnen sorgten früher für viel Aufsehen, weil sie plastischer waren, als man das gewohnt war. Locken Sie mit «Schwul. Respekt.» heute eine Katze hinter dem Ofen hervor?
Die Inhalte dieser Kampagnen sind verschiedene. Aber ja, das Thema polarisiert durchaus, auch bei einer reinen Textkampagne wie unserer ohne nackte Haut.

 «Man weiss, dass junge Homosexuelle ein erhöhtes Suizidrisiko haben, weil sie oft unter Schikanen und fehlender Unterstützung leiden.»

Sie besuchen oft Schulklassen. Wie gross ist die Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit?
Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass ungefähr 30 Prozent der Jugendlichen oder mehr eine schwulen- und lesbenfeindliche Haltung haben.

Das sind Studienresultate. Können diese in den Winterthurer Schulklassen so zutreffen?
Ja, durchaus. Es ist aber nach Gruppe, nach Klasse sehr unterschiedlich. Wir besuchen hauptsächlich Berufsschulen mit 16 oder 17 Jahre alten Schülern. Hier treffen wir schon oft die Haltung an: «Man muss mit Homo­sexualität vielleicht leben, aber ich finde es nicht okay.»

Bei Männern oder Frauen?
Vielleicht eher bei Männern. Wesentlich ist die Prägung zu Hause, also die Haltung der Eltern.

Man stellt sich vor, dass vor ­allem Leute vom Balkan und Evangelikale etwas gegen Schwule haben. Ist das so?
Nicht nur. Aber der Einfluss eines streng evangelikalen oder muslimischen Milieus ist gross. Es gibt auch Jugendliche, die sagen und vielleicht sogar glauben: «In meinem Land gibt es so etwas nicht.»

Was antworten Sie darauf?
Ich versuche, zum Nachdenken anzuregen, frage zum Beispiel: «Wenn Ihnen ein Kollege anvertrauen würde, dass er schwul ist, was würde das bewirken?»

Und das bringt etwas?
Natürlich nicht sofort. Oft kommt dann die Reaktion: «Ich würde den Kontakt herunterfahren.» Es geht darum, Gedanken auszu­lösen. Wir lancieren oft die These: «Homosexualität ist heute häufiger als früher.» Das stimmt natürlich nicht, wird aber von vielen geglaubt. «Man sieht es einfach immer mehr», heisst es dann. Schon sind wir bei einer wichtigen Differenzierung: Kann oder darf jemand seine Homosexualität zeigen? Dies kann der Anfang einer guten Diskussion sein.

Ich nehme an, in Klassen mit ­bekennenden Schwulen ist das Stimmungsbild ein anderes als in anderen Klassen.
Dass Jugendliche in der Klasse als schwul bekannt sind, kommt eher selten vor.

Tatsächlich?
Ja. Man muss auch bedenken, dass die Schüler oft in einem Alter sind, in dem die Entwicklung der sexuellen Orientierung noch nicht abgeschlossen ist.

Auf Ihrem Plakat wird vieles aufgezählt: transgender, intersexuell und so fort. Damit kann ich wenig anfangen. Ist das schon diskriminierend?
Gar nicht. Es geht nicht darum, dass Sie als Betrachter des Plakats detaillierte Beschreibungen vornehmen können. Was wir sagen wollen, ist: Menschen sind verschieden, was ihre Sexualität betrifft, und sie haben ein Recht, respektiert zu werden, wie sie sind.

Die Plakate werden mit Steuern bezahlt. Das ist sozusagen ­Toleranzpropaganda.
Wir sind eine Fachstelle für sexuelle Gesundheit, je etwa zur Hälfte vom Kanton finanziert und aus Honoraren für die Schulbesuche. Plakatkampagnen machen wir etwa ein bis zweimal jährlich, wobei es um ganz Verschiedenes geht, letztes Mal war es eine Geschlechtskrankheit. Man weiss, dass junge Homo­sexuelle ein erhöhtes Suizidrisiko haben, weil sie oft unter Schikanen und fehlender Unterstützung leiden. Die aktuelle Kampagne macht also durchaus Sinn.

(Der Landbote)

Erstellt: 01.06.2018, 15:21 Uhr

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