IPW

Ärzte warnen vor immer mehr Leistungsdruck

Depressionen, Selbstverletzungen, Suizidgedanken: Die Integrierte Psychiatrie Winterthur (IPW) rechnet für ihre Jugendstation mit steigenden Patientenzahlen. Chefarzt Stephan Kupferschmid sieht darin eine Folge der Leistungsgesellschaft.

Assistenzärztin Patrizia Steiner im Gespräch mit Oberärztin Vera Freiin von Schrötter.

Assistenzärztin Patrizia Steiner im Gespräch mit Oberärztin Vera Freiin von Schrötter. Bild: Madeleine Schoder

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Die Jugendpsychiatrie der IPW ist stark nachgefragt: 7124 Personen waren dort allein im letzten Jahr in Behandlung, das sind 17 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Zulauf ist für die Klinik eine Herausforderung und einer der Gründe, warum die IPW seit letztem November selbst Ärztinnen und Ärzte in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie ausbildet.

Allererste Assistenzärztin in diesem Bereich ist Patrizia Steiner. Sie hat nach dem Medizinstudium ein Jahr auf einer Station für Innere Medizin und ein halbes Jahr in einer Kindernotfallpraxis gearbeitet. Dann stiess sie zur IPW. Die Bedingungen für Assistenzärzte seien hier attraktiv, sagt Steiner. Die 50-Stunden-Woche, die eigentlich im Vertrag jedes Arztes steht, werde eingehalten. Komme es doch zu Überstunden, würden diese kompensiert. Für Psychiatrie habe sie sich bereits während des Studiums begeistert, sagt Steiner. «Mich interessiert der Mensch als Ganzes.»

Im Globalisierungs-Stress

Ganzheitlich ist auch der Therapieansatz, den die IPW bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen verfolgt. Das fängt beim Eintrittsgespräch an, in dem diese ihr Anliegen selbst erklären sollen – «ihren Auftrag an uns», wie es der Chefarzt der Jugendpsychiatrie, Stephan Kupferschmid, formuliert. Schwierig werde es, wenn sich die Eltern sehr für einen Aufenthalt einsetzten, die Jugendlichen aber dagegen seien. Für einen erfolgreichen Aufenthalt brauche es eine «minimale Bereitschaft» des Jugendlichen selbst. «Sie sollten zu mindestens 51 Prozent Ja dazu sagen.» Im Gegensatz zur Tür der Akutstation stehe die Tür der stationären Psychotherapie auch jederzeit offen.

«Jedes fünfte Kind gibt an, im letzten Monat mindestens einmal seine Aggression gegen sich selbst gerichtet zu haben.»Stephan Kupferschmid,
Chefarzt

Die Jugendlichen werden entweder von einem Arzt oder von der Kesb an die IPW überwiesen. Die Gründe für die Zunahme von Psychiatrieaufenthalten in den letzten Jahren sind vielfältig. Darunter sei die schlichte Tatsache, dass es in absoluten Zahlen mehr Kinder und Jugendliche gebe. Aber auch die gewachsene Bereitschaft, über psychische Erkrankungen zu sprechen, sagt Kupferschmid. Gerade Jugendliche tauschten sich via die sozialen Medien über Themen wie Depression, Selbstverletzung oder Suizidalität aus.

Nächtliche Sperre

Ist das Smartphone also am Ende für die Psyche Heranwachsender eher nützlich als schädlich? Kupferschmid verweist auf eine Studie der ZHAW, die besagt, dass 90 Prozent der Jugendlichen einen gesunden Umgang mit dem Handy und sozialen Medien pflegen. Zehn Prozent hingegen hätten nicht genug Distanz und machten ihr Selbstbild davon abhängig. Viele der Patientinnen und Patienten können sich schlecht abgrenzen. Auf der Station müssen sie ihre Handys von 21 Uhr bis 10 Uhr morgens abgeben. Das funktioniere gut, sagt Steiner, auch wenn anfangs immer protestiert werde. Die Sperre dient auch der «Schlafhygiene».

Die Krankheitsbilder und Probleme junger Erwachsener haben sich in den letzten Jahrzehnten mit jeder Generation verändert. Während in den Siebzigerjahren Essstörungen, in den Achtzigern ADHS und ab der Jahrhundertwende Autismus im Fokus standen, sind es heute Selbstverletzungen und Suizidalität. «Jedes fünfte Kind gibt an, im letzten Monat mindestens einmal seine Aggression gegen sich selbst gerichtet zu haben», sagt Kupferschmid.

«Die Null-Bock-Generation der Neunziger gibt es nicht mehr.»Stephan Kupferschmid

Eine mögliche Erklärung für das Phänomen sei der Druck in der Leistungsgesellschaft, der heute viel grösser sei als früher. Oft machen die Jugendlichen sich diesen Druck auch selbst, etwa auch wenn es um den Übertritt in die Sekundarschule oder ins Gymnasium geht. Es gebe Eltern, die sagten explizit, es sei ihnen egal, was für einen Abschluss ihr Kind mache. Aber das Kind sehe keinen anderen Weg als das Gymnasium. «Die Null-Bock-Generation der Neunziger gibt es nicht mehr», sagt Kupferschmid. «Die Kinder und Jugendlichen sind heute sehr leistungsbereit.» Und zum Teil seien sie gestresst, weil sie um die globale Konkurrenz wüssten.

Neubau und Personalsorgen

Was ein neuer Patient braucht, klärt in der IPW ein Team aus Pflegerinnen, Ärztinnen und Therapeuten. In Fallbesprechungen tragen alle ihre Erfahrungen zusammen. Häufig hätten sie Jugendliche, die klare Regeln brauchten, erzählt Steiner. Eine Patientin habe sich zum Beispiel extrem zurückgezogen, sei nicht mehr zugänglich gewesen, erzählt Steiner. Das behandelnde Team habe sie dann zu verschiedenen Aktivitäten aufgefordert, davon habe sie stark profitiert.

Manchmal hilft auch Therapiehund Thales, etwas in Gang zu bringen. Etwa bei Patienten mit Angststörungen. «Es ist erstaunlich, wie Jugendliche, die nicht für sich selbst sorgen können, für den Hund sorgen», sagt Kupferschmid. Sie gehen mit ihm spazieren, lassen ihn von der Leine und können richtig, verantwortungsvoll reagieren, wenn ein anderer Hund kommt.

«Es ist erstaunlich, wie Jugendliche, die nicht für sich selbst sorgen können, für den Hund sorgen.»Stephan Kupferschmid

Die Jugendlichen sind in fünf Zweierzimmern untergebracht. Manche von ihnen sind mehr als einmal hier. Acht Wochen dauert ein Aufenthalt normalerweise. Die Rückkehr in die Normalität ist wichtig. «So können die Jugendlichen herausfinden, ob die Strategien, die sie bei uns lernen, im Alltag funktionieren», sagt Kupferschmid. Für einen zweiten Aufenthalt in der IPW gibt es wiederum eine Warteliste. «Wir entscheiden nach Dringlichkeit, Bedürftigkeit und schauen auf eine gute Gruppenzusammenstellung.» Eine Aufnahmepflicht hat die IPW nur bei Jugendlichen, die mit einer sogenannten fürsorgerischen Unterbringung zugewiesen werden. Wenn es für einen dringenden Fall keinen Platz mehr gibt, wird ein Heranwachsender auch einmal in der Erwachsenenstation untergebracht. «Allerdings reagieren die Jugendlichen oft negativ darauf», sagt Kupferschmid. Deshalb mache man das nur im absoluten Notfall und so kurz wie möglich.

Im nächsten Januar wird die Jugendpsychiatrie in den Neubau im Schlosstal umziehen. Mehr Zimmer als heute gibt es dort allerdings nicht: Weiterhin stehen 10 Plätze auf der Akutstation und 10 auf der Psychotherapiestation zur Verfügung. Fürs Erste müssten diese Plätze laut der Zürcher Gesundheitsdirektion ausreichen. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie sei in den letzten Jahren einiges unternommen worden, schreibt das Amt auf Anfrage. So sei die Kinderstation Brüschhalde in Männedorf um- und ausgebaut worden. Und die IPW und die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich hätten die Kapazitäten, die vormals von Jugendlichen auf Stationen der Erwachsenenpsychiatrie belegt wurden, in jugendpsychiatrische Stationen umgewandelt.

Von 2015 bis 2017 sank der Anteil von jugendlichen Patienten, die auf Stationen der Erwachsenentherapie behandelt wurden, von 40 auf noch 11 Prozent. Ob ein weiterer Ausbau nötig sei, lässt die Gesundheitsdirektion offen. Die Spitalplanung 2023 und die entsprechende Bedarfsprognose sind noch in Erarbeitung.

Erstellt: 19.08.2019, 16:35 Uhr

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