Möbelhandel

«Viele Kunden fragen, was jetzt aus uns Angestellten wird»

Nach über dreissig Jahren schliesst Möbel Pfister seinen Standort an der Marktgasse in Winterthur. Wenn die Regale leer sind, werden auch sie verkauft. Die letzten Tage sind geprägt von grossen Rabatten und Wehmut.

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«Es fühlt sich an wie in einem Geisterhaus», sagt Gabriela von Allmen. Sie arbeitet seit dreissig Jahren im Möbelhaus an der Marktgasse. Ausser vereinzelten Matratzen und einem Tisch mit vier Stühlen ist das Stockwerk vor ihr leer. Nun ist ihre zweitletzte Woche am Standort angebrochen. «Ich nehme jeden Tag von neuem Abschied. Dann fällt es am Schluss nicht ganz so schwer.»

Klar schmerze die Schliessung. Schaut sie auf die vielen Jahre zurück, überwiege aber der Stolz: «Wir haben die schönsten Päckli Winterthurs gemacht!» Die Anteilnahme der Kunden sei sehr gross. Die meisten zeigten sich besorgt und wollten wissen, was mit den Angestellten passieren wird. «Einige werden aber auch wütend. Wütend, dass schon wieder ein Traditionsgeschäft der Profitgier zum Opfer fällt und aus der Stadt verschwindet.» Von Allmen kann ihnen nachfühlen. Die Schliessung sei ein grosser Verlust für Winterthur. Ein solches Möbelgeschäft mitten in der Stadt gäbe es kein zweites, erst recht nicht mit demselben Einkaufserlebnis.

Besitzer will umbauen

Filialleiterin Astrid Schuppisser führt durch die weitgehend verlassenen Stockwerke, sieben insgesamt, das oberste unter dem Dach war ein Dekoatelier. Hier wurden beispielsweise die Christbäume dekoriert, bevor sie unten in die Schaufenster kamen. «Viele meinen, die Schliessung stehe im Zusammenhang mit der Übernahme von Möbel Pfister durch XXXLutz, aber das stimmt nicht.» Der Besitzer baut das Gebäude um, den Mietvertrag hat er nicht mehr verlängert. «Wir wären wirklich gerne geblieben und bedauern es sehr», so Schuppisser, welche selbst seit 16 Jahren am Standort arbeitet.

«Ich nehme jeden Tag von neuem Abschied. Dann ist es am Ende nicht so schwer.»Gabriela von Allmen,
Verkäuferin

Von einer Überraschung zu sprechen, wäre gemäss der Filialleiterin aber falsch: «Dass wir rausmüssen, wissen wir bereits seit letztem März.» Nach dem Umbau werden in die oberen Etagen Wohnungen kommen, der Rest wird zu Büros umgenutzt.

Drei Monate Ausverkauf

Seit Dezember findet im Laden ein Räumungsverkauf statt. Ein Grossteil war bereits vor Weihnachten weg, wobei Polstermöbel und Matratzen besonders beliebt waren. Zuerst hätten sie die Ware aus den Regalen verkauft. Als diese leer waren, wurden sie selbst zum Verkauf ausgeschrieben. Die meisten sind bereits weg. «Kein Wunder, die sind ja praktisch geschenkt», sagt Schuppisser. Mittlerweile ist die gesamte Ware um mindestens 70 Prozent des Anfangspreises reduziert. Das schenkt je nach Stück gehörig ein: Der Seidenteppich beispielsweise kostet statt den ursprünglichen 32000 noch etwas mehr als 10000 Franken. Die besten Stücke wurden laut Schuppisser nicht etwa vorher in andere Filialen geschafft, im Gegenteil: «Wir haben camionweise Ware aus dem liquidierten Laden in Luzern hergeholt und verkauft.»

Entlassen wird niemand

Zu den besten Zeiten beschäftigte Möbel Pfister in Winterthur über 30 Angestellte. Mit dem Onlinehandel nahm der Druck zu, pensionierte Arbeitnehmende wurden nicht mehr ersetzt. Heute arbeiten noch 23 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Geschäft an der Marktgasse. Von ihnen stellt Möbel Pfister niemanden auf die Strasse. Einige von ihnen wechseln zu den nächstgelegensten Standorten, oder sie lassen sich früher pensionieren. Auch die Lehrlinge könnten ihre Ausbildung bei Möbel Pfister fortsetzen. Von Allmen und Schuppisser wechseln beide nach Dübendorf. Sie sind sich einig: «Hier, mitten im Herzen Winterthurs zu arbeiten, das war Lebensqualität. Da kann das Gewerbegebiet bei Dübendorf nicht mithalten.»

Am Samstag nächste Woche öffnet das Möbelhaus zum letzten Mal für die Kundschaft. «Ich bin froh, wenn wir es dann hinter uns haben», seufzt Verkäuferin von Allmen. «Stimmt», pflichtet Schuppisser ihrer Kollegin bei, «so eine Räumung ist ganz schön streng. Wir alle sind keine Logistiker, aber im Moment packen natürlich alle überall mit an.» Eine Woche nach Ladenschluss muss die Filialleiterin die Schlüssel abgeben, «besenrein».

Zuvor würden sie die leere Ladenfläche aber noch für eine Abschlussparty nutzen. «Spätestens da werden wir bestimmt alle weinen.»

Erstellt: 12.02.2020, 08:51 Uhr

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